Warum wir heute klüger sind als vor 40 Jahren

Warum wir heute klüger sind als vor 40 Jahren

Dieser Essay hat zum Ziel, in die Schatten der Gegenwart eine Fackel zu halten. Zum Beispiel diese: Die heutigen Leser des heutigen trend sind viel weiter als die einstigen Leser des ersten trend, der sich höflich mit den Lesern mitentwickelt hat.

"Ab einem gewissen Reichtum ist Glücklichsein deutlich schwerer, glauben Sie mir.“ Hasso Plattner, SAP-Gründer

Um dies verständlich zu machen, sollte man tief unter die Wurzeln greifen. Vor allem für die jungen Leser, die monatlich zur großen trend-Familie stoßen. Im Extremfall waren noch nicht einmal die Eltern auf der Welt, als mit der Jänner-Ausgabe 1970 die Erfolgsstory des österreichischen Wirtschaftsmagazins begann.

In den Pionierjahren ging es nicht nur um Berichterstattung. Es ging zunächst um mediale Positionierung. trend war das erste Magazin modernen Zuschnitts in einem kleinen Land, das glänzend durch die Jahre des Nachkriegs-Wirtschaftswunders gekommen war. Das Land war wie neu. Man hatte es als unrettbar abgeschrieben. Nun war es wieder ein dicker Punkt auf der Landkarte. Es verdiente ein dickes Medium wie den trend, an dem alles neu war.

Kaufmännisch neu: tatsächliche Unabhängigkeit von politischen Parteien und Finanzblöcken. Journalistisch: unerschrockene Berichterstattung, deren gefährlichster Teil darin lag, selbst den existenziell wichtigen Inserenten nicht nach dem Maul zu reden. Dies ist in vielen Medien noch heute nicht selbstverständlich. Damals war es ein Wagnis. Zuweilen führte es an den Rand des Abgrunds. Als damals blutjunger Volontär erlebte ich mit, wie der Großinserent Creditanstalt seinen Inseraten-Jahresauftrag strich, weil trend trotz Warnung das Alter des Generaldirektors nannte. Anhand dieses Beispiels ahnt man die Aufregung, wenn ohne "Erlaubnis“ Bilanzzahlen und Verluste veröffentlicht wurden, oder gar Bruderzwiste in Familienfirmen.

Selbst das edelste journalistische Vorhaben des trend, endlich allgemein verständlich über Wirtschaft zu schreiben, gefiel vielen Mächtigen nicht. Notenbankchefs, Bankbosse und manche Industrielle waren gegen die neue Transparenz. Sie fürchteten, als bisher bewunderte Glühbirnen einer Geheimwissenschaft ihre Aura zu verlieren.

Die bösesten Briefe als trend-Autor erhielt ich gleich in den Anfängen, als ich schrieb: "Wirtschaft ist einfach. Jeder hat ein Produkt zu verkaufen. Der Fabrikant sein Ding, der Banker seinen Zins, der Kaufmann seine Handelsware, der Dienstleister seinen Dienst, der Arbeiter seine Arbeit. Du hältst dein Produkt mit der linken Hand in den Markt und nimmst mit der Rechten anmutig das Geld entgegen. Die Frequenz dieser Wechselbewegung bestimmt deinen Erfolg.“ Mehr brauchte ich nicht.

Die genialen Gründungs-Gentlemen, Oscar Bronner als Herausgeber und Jens Tschebull als Chefredakteur, schafften es als wahnwitzige "Fitzcarraldos,“ das Schiff trotz aller Hindernisse über die Berge zu ziehen. Sie verankerten, was für heutige trend-Leser selbstverständlich ist: kreative, unerschrockene Berichterstattung in der Welt von Geld und Macht.

Auf diesem Fundament konnte man kreativ weiterbauen, als ich bald danach Chefredakteur und Herausgeber wurde. Da brachten weitere Innovationen weitere Aufregung. Es gab Bild-Essays, die mehr sagten als Worte. Man lud linke "Systemgegner“ als Kolumnisten ein, um auch deren Geisteswelt kennen zu lernen. Und man implantierte Medienerfindungen der US-amerikanischen Magazine "Time“, "Business Week“ und "Forbes“. Es kam zu aufregenden Rankings wie "Mann des Jahres“, "Die 500 größten Unternehmen“ und "Die reichsten Österreicher“.

Andere Medien scheuten dergleichen, aus verständlichen Gründen. Erstens ist, sofern man Perfektion und Staubfreiheit anstrebt, der Erhebungsaufwand unermesslich höher, als man von außen ahnt. Zweitens ist dennoch Erregung vorprogrammiert. Umso schöner, dass Andreas Lampl, nun schon lange trend-Boss der Neuzeit, die Mühe nicht scheut und den Anspruch der Rankings ständig nach oben schraubt. Nicht zuletzt fühlbar an den aktuellen " 100 Reichsten “.

Zumal dort, im trend 7/2012, Vanessa Voss und der publizistische Altmeister Rainer Himmelfreundpointner neben den Vermögenstabellen auch ein fantastisches Rahmenprogramm bieten. Man liest u. a. von Reichen und ihren Antworten auf die Sinnfrage. Und eine Doppel-Conférence, die beglückt - und in der Frühzeit des trend undenkbar gewesen wäre. Sie zeigt verblüffende Parallelen im Denken des Attac-Gründers Christian Felber und des Investors Günter Kerbler, der den Part des weitblickenden Reichen gibt.

Vielleicht hat der als Immobilien-Flüsterer wohlhabend gewordene Günter Kerbler einfach Lust an Individualität, als verstörendes Original unter den Reichen und Superreichen. Der Instinkt sagt aber, hinter seinen Sätzen stecke der Luxus der Wahrheitsliebe. Und eine historische Intelligenz.

Ich will ihn nicht verkürzen oder interpretieren, tu’s aber trotzdem: Wenn man schon mehr hat, als man ausgeben möchte, und viel mehr, als man ins Grab mitnehmen kann, könnte man auch einen höheren Beitrag für die Freundinnen und Freunde im Volk leisten, die es aus tausend Gründen nicht so glücklich trafen. Auch egoistische Gründe sind nicht abwegig: ein guter Schlaf und ein Lernen aus der Geschichte. Dass nämlich solchen Reichen, die mit jedem Vermögenszuwachs geiziger wurden und bald nichts mehr teilten, schließlich im Wege von Revolutionen alles genommen wurde. Nur Narren glauben, unsere Zeit sei dagegen immun. Das glauben lediglich jene, denen selbst die Fantasie in 60 Jahren des Wohlstands dekadent wurde.

Zwei Aspekte zur Abrundung. Erstens: Kerbler ist kein Vereinzelter. Er ist nur besonders tapfer. Er äußert sich öffentlich. Im heimlichen Zwiegespräch ("off records“) sind jene, die selbst ihren Reichtum schufen, fast immer bereit, über eine vernünftige Abschichtung des Reichtums zu sprechen. Niemals aber jene, die geschenkt reich wurden. Wie beispielsweise hoffärtige männliche Jung-Erben ohne Leistungslust - oder angeheiratete Blondinen mit hohem, arbeitslosem Einkommen. Diese wenden sich krass gegen jede Verteilung. Sie gleichen etablierten Ex-Jugoslawen, die dagegen sind, weitere ins Land zu lassen.

Zweitens: Man lernt allmählich, dass Wirtschaft und die Reichen nicht das Gleiche, schon gar nicht dasselbe sind. In den 1970er-Jahren, als der trend anfing, hielt man beides noch für kongruent, praktisch deckungsgleich. Heute weiß man es besser.

Man begreift den Wert eines hohen, breiten Wohlstands und einer homogenen Nachfrage für alle Teile der Volkswirtschaft, vom Spargelbauern und Winzer zum Installateur und Architekten und für Händler aller Art. Besser lauter Wohlhabende als wenige Superreiche und 95 Prozent Arme wie in den Elendsländern.

Eigentlich wollte ich nur erzählen, warum ich den Juli-trend 2012 noch lieber lese als den Jänner-trend 1970.