Olympia-Blamage: Dabei sein ist zu wenig

Olympia-Blamage: Dabei sein ist zu wenig

Nämlich in einem auf Selbsterhaltung ausgerichteten System. Expertise zählt weniger, als dass politisch alles sauber aufgeteilt ist.

Am vergangenen Sonntag ging das olympische Finale im Herren-Tennis über die Bühne; eine charmante kleine Heldengeschichte, wie sie der Sport braucht: die Wiederholung des Wimbledon-Finales, aber mit umgekehrten Vorzeichen. Diesmal konnte der junge Lokalmatador den besten Spieler der Geschichte besiegen.

Wer für ein paar Minuten die Stimmung in London einfangen wollte (und dazu braucht man kein Tennis-Fan zu sein), musste allerdings mit einer gewissen Verwunderung feststellen, dass der ORF die Übertragung eines anderen epochalen Ereignisses vorzog: österreichische Fußball-Bundesliga, Rapid gegen Austria; eine sportliche Veranstaltung, die sich im internationalen Vergleich ungefähr auf dem Niveau befindet wie in England die nationalen Skisprung-Meisterschaften. Einen ähnlich großen Horizont beweist der ORF bei den zwanghaften Versuchen, den Leistungen von Olympia-Sportlern in Disziplinen, in denen wir nicht einmal als Statisten dabei sind, einen österreichischen Anteil abzuringen: Ein erfolgreicher Sprinter hat vor ein paar Wochen einmal in Linz trainiert. Ein anderer Athlet hat sicher einen Physiotherapeuten, dessen Schwager schon zweimal in Tirol auf Urlaub war.

Für sich gesehen ein belangloses Thema – wäre dieser Zugang zu Sport nicht ein beredter Ausdruck für genau jene Provinzialität, die auch die österreichische Sportpolitik beherrscht.

Provinzialität genauso wie Ineffizienz. Die offizielle Sportpolitik reduziert sich auf ein wenig zielgerichtetes Gießkannenprinzip, das vor allem dazu dient, die Existenzberechtigung von Heerscharen an Funktionären abzusichern.

Expertise zählt wenig

Österreich hat eine Bundessportorganisation, unter der drei Dachverbände angesiedelt sind: ein roter (ASKÖ), ein schwarzer (Sportunion) und ein neutraler (ASVÖ), jeweils mit neun Landesverbänden. Daneben agieren 60 Fachverbände (ÖSV, ÖFB etc.) und als Parallelstrukturen das ÖOC, der Heeressport und die Sporthilfe. Es wimmelt nur so vor Präsidien, Beiräten, Sportwarten und Sekretariaten. Locker 1.000 Funktionäre (ohne die einzelnen Sportvereine) haben es sich in dem – seit der Nachkriegszeit mehr oder weniger unveränderten – System gemütlich gemacht. Expertise zählt weniger, als dass politisch alles sauber aufgeteilt ist.

Über 200 Millionen Euro werden verteilt, knapp die Hälfte aus den Einnahmen der Lotterien, der Rest aus diversen Steuertöpfen, etwa des Verteidigungsministeriums und der Länder. Aber viel Geld versickert im Dickicht der Organisation, ohne Qualitätsstandards für Funktionäre. Das kritisiert nicht nur der Rechnungshof. Auch die Sport-Fachleute sind sich einig: Eine koordinierte Förderung würde nicht nur viel billiger sein, sondern auch mehr leisten.

Das blamable Abschneiden bei den Olympischen Spielen wäre eine gute Gelegenheit für den zuständigen Sportminister, sich wieder einmal der lange überfälligen Reformen zu entsinnen. Österreich rangiert im Medaillenspiegel hinter Usbekistan, Singapur und der Mongolei, besser gesagt: kommt dort (bei Redaktionsschluss) überhaupt nicht vor.

Auch diese Bedeutungslosigkeit abseits des Wintersports wäre noch nicht weiter tragisch. Man könnte sogar argumentieren, dass für das Wohl der Gesellschaft der Breitensport wichtiger ist als die Spitze. Aber der Punkt ist: Auf die gleiche Art und Weise, wie der Sport verwaltet wird, funktioniert in Österreich die öffentliche Verwaltung generell. Nämlich in einem auf Selbsterhaltung ausgerichteten System.

Verteilen heißt Macht

Der Subventionsdschungel in Wirtschaft und Agrarbereich ist ähnlich undurchdringlich wie die Förderung von Schwimmern und Tischtennisspielern. Auch der Grund, warum sich eine bessere Planung und Abstimmung nicht umsetzen lässt, ist der gleiche: weil jede Abschaffung von Mehrgleisigkeiten zwischen Ministerien oder zwischen Bund und Ländern für ein paar Funktionsträger zur Folge hat, dass sie die Verfügung über einen Fördertopf verlieren. Und das wird verbissen bekämpft. Denn Geld (zum Verteilen) bedeutet Macht.

Zum Glück sind Orientierung an internationalen Benchmarks und Professionalität in der Wirtschaftspolitik stärker ausgeprägt als bei Sportfunktionären. Einen echten Masterplan, wie sich Österreich im Wettbewerb nachhaltig weit vorne halten kann, gibt es aber ebenfalls nicht. Laut seriösen Berechnungen könnten von den derzeitigen Subventionen bis zu fünf Milliarden Euro eingespart werden, um sie in Bildung und Technologieentwicklung wesentlich effizienter einzusetzen. Aber dafür bräuchte es einen langfristigen Plan.

Sportliche Misserfolge fallen mehr Menschen auf, erzeugen größere Emotionen und nagen am Selbstbewusstsein der Nation – sind aber verkraftbar. Würde Österreich in der Rangliste der Wirtschaftsstandorte in Regionen absacken wie im aktuellen Olympia-Medaillenspiegel, wären die Auswirkungen ungleich dramatischer. Noch sind wir ein Stück weit davon entfernt, doch die gravierenden Mängel in der Sportpolitik sollten der gesamten Regierung ein warnendes Beispiel sein.

- Andreas Lampl