Der Journalist Christoph Kotanko über Kardinalfehler im Bildungssystem

Das Bildungsproblem wurzelt im Erziehungsproblem. Schulen können elterliche Versäumnisse nicht reparieren.

Am Schluss waren sogar die Beamten mobilisiert. Gewerkschaftsboss Fritz Neugebauer lud vergangenen Dienstag die Initiatoren des Bildungsvolksbegehrens zum Bundeskongress ein. Dort gab es dann auch einen Antrag der öffentlich Bediensteten für eine bessere Schule.

Das Aufsehen, das Hannes Androsch mit seiner Initiative erregt hatte, schlug sich allerdings nicht in vielen Unterschriften nieder. Die Beteiligung war vergleichsweise bescheiden. Das Bildungsbegehren blieb trotz riesigen Werbeaufwands und massiver Parteinahme (Rot, Grün, Veit Sorger und andere) weit unter den Erwartungen der Veranstalter, die 850.000 Unterschriften erhofft hatten. Da haben sich wohl einige verrechnet.

Es wäre freilich ein Missverständnis, die Enthaltung der großen Mehrheit als Signal für deren Zufriedenheit zu werten. Eher ist es ein Ermüdungszeichen nach dem jahrzehntelangen parteipolitischen Klassen-Kampf.

Dabei gibt es genug zu tun. Zwei Meldungen von vergangener Woche: An der Pädagogischen Hochschule Salzburg schaffen 10 Prozent der Bewerber die Aufnahmeprüfung nicht – ihre Rechtschreibkenntnisse sind ungenügend. Weitere 20 Prozent müssen einen Rechtschreibkurs absolvieren, um berufsreif zu werden. Und: Im Bildungsausschuss des Wiener Gemeinderates wurden sechs Notquartiere („Containerklassen“) für eine Döblinger Volksschule beschlossen. Insgesamt sitzen mehr als 5.000 Wiener Schüler an 50 Standorten in Containern. Laut Wiener SPÖ sind das „Provisorien“ – die aber zum Teil seit 40 Jahren bestehen.

Angesichts dieser Wirklichkeit wirkt manches Verlangen des Volksbegehrens romantisch verklärt. Auf dem Wunschzettel steht „ein modernes, unbürokratisches, weitgehend autonomes Schulsystem“, ein bundesweites Ganztagsangebot (in Containern?), kurzum: „ein Bildungssystem, in dem alle so früh wie möglich in ihren Talenten gefördert und in ihren Schwächen unterstützt werden“.

Nun ist es richtig, solche Forderungen aufzustellen. Denn die Verhältnisse sind änderbar.

Keck war es allerdings von den verantwortlichen Politikern, ein Begehren zu unterschreiben, das ihre eigenen Versäumnisse anprangert. Den Fluchtversuch darf man ihnen nicht durchgehen lassen. Bei Erziehung und Bildung gilt das Prinzip Verantwortung – für Schüler, Eltern, Lehrer, Schulverwaltung.

Der Abschluss hängt vom Start ab. Die wichtigsten Weichen werden in der Familie gestellt. Hier wird gefördert oder vernachlässigt, ermutigt oder entmutigt. Lehrer und Bildungswissenschaftler beklagen die zunehmenden Defizite, die zum Beispiel der exzessive TV- und Internetkonsum verursacht.

Kinder zwischen zwei und fünf Jahren verbringen bis zu 32 Stunden pro Woche vor dem Bildschirm, Sechs- bis Achtjährige bis zu 28 Stunden. Das geht auf Kosten von Fertigkeiten, die später wichtig sind. Merkbare Mängel von Kindern und Jugendlichen bei der Sprachbeherrschung beklagen nicht nur kulturpessimistische Puristen, sondern die Praktiker in Vorschulen und Schulen.

Das Bildungsproblem wurzelt im Erziehungsproblem. Die Schulen sind nicht als Reparaturwerkstätten für häusliche Versäumnisse konstruiert. Zuerst sind die Eltern in die Pflicht zu nehmen.

Politiker tun das ungern, sind es doch sensible Wählergruppen. Doch ohne den Mut zum Unbequemen ist ein guter Anfang nicht möglich. Die Schule hat laut Gesetz die Aufgabe, „an der Entwicklung der Anlagen der Jugend nach den sittlichen, religiösen und sozialen Werten sowie nach den Werten des Wahren, Guten und Schönen … mitzuwirken. Sie hat sie mit dem für das Leben und den künftigen Beruf erforderlichen Wissen und Können auszustatten.“

Das sind wohlklingende Formeln, untauglich als Handlungsanleitung. „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“, sagt der erfolgreiche Fußballlehrer Otto Rehhagel. Was tun? Es ist billig, nach mehr Geld zu rufen. Geld ist genug da. Gerechnet pro Schüler bzw. Student, zählt Österreich zu den Ländern mit den höchsten jährlichen Ausgaben für Bildungseinrichtungen (in der OECD an vierter Stelle; die Schweiz liegt erster Stelle). Unser Bildungssystem hat kein Mengen-, sondern ein Verteilungsproblem. Es wird zu viel in die Schulbürokratie, zu wenig in die Lehre investiert. So haben Österreichs Schüler weniger Unterricht als der OECD-Durchschnitt.

Heute werden mit überdurchschnittlichen Ausgaben unterdurchschnittliche Resultate erzielt. Die „Neue Mittelschule“ ist ein solcher Fall: aufwendiger neuer Anstrich, alte Substanz. Der Status quo hat verbissene Verteidiger in Lehrerzimmern, Direktorenstuben, Schulräten, Gewerkschaften. Aber es gibt viele, die ungeduldig Verbesserungen verlangen – kritische Schüler, engagierte Eltern, passionierte Pädagogen, Schulpolitiker mit Visionen.

Sie müssen ermutigt werden, damit es künftigen Schülern nicht ergeht wie Oskar Kokoschka, der von sich sagte: „Aus der Schulzeit sind mir nur die Bildungslücken in Erinnerung geblieben.“

- Christoph Kotanko
Korrespondent der Oberösterreichischen Nachrichten in Wien
Twitter: @ckotanko