Andras Weber in 'formatiert': Auf dem Pad der Hoffnung

Es is kein’ Ordnung mehr jetzt in die Stern’“, reimt Johann Nestroy im „Lumpazivagabundus“. Zuweilen haben wir diesen Satz in der „Kronen Zeitung“ gelesen, wenn es darum ging, Missstände fürs Volk fassbar zu machen. Ausnahmsweise müssen jetzt auch wir feststellen: Ja, es is wirklich keine Ordnung mehr in die Stern’.

Wer dieser Tage als Stammleser zu seiner „Krontschi“ greift, ist verwirrt. Da stehen Sätze wie: „Auf Wiedersehen, Arigona. Hoffentlich bis bald in Deiner österreichischen Heimat.“ Erzfeinde des verstorbenen Hans Dichand erhalten ein Seiterl. Ein ganzes! In der Sonntags-„Krone“! Peter Pilz, das linksgrüne Ungeheuer, propagiert die Abschaffung der Wehrpflicht. Gutmenschenrevolte im Zentralorgan des gesunden Vorurteils? „Da wird einem halt angst und bang, die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang“ (Nestroy).

Schnitt, Szenenwechsel von den alten Medien in die Zukunft:

Diesen Freitag kommt, um bei Nestroy zu bleiben, der Komet. Mit ein wenig Verspätung beginnt auch in Österreich die Medienrevolution 3.0. Wo die hinführt, weiß noch niemand genau. Fix ist nur, dass sie binnen eines halben Jahrzehnts den Konsum traditioneller Medien – Buch, Print, auch Fernsehen – nach dem Internetumbruch noch einmal völlig verändern wird. Es ist ein bisschen wie der Übergang vom Schreibmaschinen- zum Computerzeitalter.

Apples iPad ist also da. Die Wunderflunder ist ein wenig kleiner als die „Krone“, so dick wie ein Ikea-Gemüseschneidbrett, so schwer wie viereinhalb Äpfel der Sorte Gala. Keine Tasten, Steuerung via Touchscreen aus Glas. Kristalline Auflösung, watscheneinfache Bedienung. Apple ist so arrogant, nicht einmal eine Betriebsanleitung mitzuliefern, geschweige denn ein Putztuch, um die Fingertapper wegzuwischen. Drei Millionen Stück hat Apple seit Jänner von diesem „magischen Produkt“ (Apple-Chef Steve Jobs) verkauft, sieben Millionen sollen es bis Jahresende werden.

Was ist das iPad? Eine mobile Multimediamaschine zum Lesen digitaler Bücher, Zeitungen und Magazine, Surfen, Mailen, Facebooken, Gamen, Musikhören, Filmeschauen etc. Das geht schon jetzt auf anderen Tablet-Geräten auch, aber das iPad wird die Wahrnehmung für Computer von Grund auf verändern, sozusagen eine elektronische "Verwaltungsreform" einleiten. Keine Maus mehr, Tastatur nur noch zur Not, einfach berühren, los geht’s. Auf der Couch, im Bett, im Flieger. In den USA surfen Dreijährige begeistert zwischen den Apps hin und her, malen mit dem Finger am iPad wie früher mit Buntstiften am Papier. 70-jährige Omis versenden zum ersten Mal in ihrem Leben EMails.

Bei der Lektüre von E-Books kommt durch das Blättern mit dem Daumen und die gestochen scharfe Bildschirmauflösung echtes Lesefeeling auf. Das ist die gute Nachricht für Bildungsbürger: Die Generation PlayStation könnte so wieder zu Konsumenten der Weltliteratur werden. Die schlechte Nachricht: Die gute alte Buchhandlung, in der es so fein riecht, wird sterben wie einst die Greißlerei ums Eck. Apple-Konkurrent Amazon verkauft jetzt schon mehr E-Books als gebundene Ausgaben. Es wird ein wenig dauern, aber iPad und Epigonen (deren es bald ziemlich viele geben wird) werden künftig zur Grundausstattung eines jedes zivilisierten Haushalts gehören, wie Kühlschrank, Waschmaschine oder Flat-TV.

Das iPad ist Apples dritte Revolution

Der iPod hat die Musikbranche in Schutt und Asche gelegt, das iPhone die Handywelt neu erfunden. Ist das iPad jetzt der finale Angriff auf die durch Gratisinternet ohnehin schwer gebeutelten traditionellen Medienhäuser? Seit Jahren sinken Druckauflagen und Print-Werbeeinnahmen weltweit. In den USA sterben Zeitungen wie die Fliegen. 75 Millionen Internetuser stehen nur noch 49 Millionen Zeitungslesern gegenüber. Die „New York Times“ ist überschuldet, die „Washington Post“ schreibt mit Print rote Zahlen. Dennoch wird Jobs’ neue Maschine als „Pad der Hoffnung“ (© „Weltwoche“) gesehen, um endlich Kohle in der digitalen Welt zu machen.

Das US-Kultmagazin „Wired“, Zentralorgan der Computerwelt, hat mit seinem iPad- App die Gesamtauflage binnen eines Monats verdoppelt. Sogar die Autowerbung kommt in 3D. Ein wenig Skepsis über eine Trendwende in der Old Economy Print ist angebracht. Zu viele Fragen sind noch offen: Wie schaffen es Verlage, Konsumenten dazu zu bringen, sich teure Zeitungs-Apps zu kaufen, wenn sie doch auf den Verlagshomepages ähnliche Inhalte noch gratis kriegen? Und dann ist da auch noch der Messias Steve Jobs. Der ist nicht der Küberl von der Caritas, casht mit seinem geschlossenen Content-Universum ordentlich ab. Der letzte Netto-Quartalsgewinn betrug 3,25 Milliarden Dollar. Und Jobs redet auch noch inhaltlich drein, übt Zensur. Die „Bild“-Zeitung darf keine nackten Mädels auf ihrem App zeigen. „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher warnt ob der rigiden Apple-Politik schon vor einem „autoritären iPad-Staat“.

Womit wir wieder bei der „Krone“ sind. 40 Prozent nationale Reichweite, fast drei Millionen Leser, 82 Prozent Aboanteil: So einen einzigartigen Erfolg wird es in der zergliederten iPad-Ära nicht mehr geben – so genial und wirksam die Serviceleistungen wie etwa Hauszustellung und der publizistische Spürsinn der Macher auch gewesen sein mögen. Die Medienrevolution wird die Stern’ neu ordnen. Auch in Österreich, wo bekanntlich alles immer ein bisserl länger braucht.

weber.andreas@format.at