A. Weber in 'formatiert': Triple Ätsch, Teil 2

Die stets kreativen Macher der heimischen Tageszeitung „Österreich“ griffen am Mittwoch tief in die Trickkiste, um drastisch zu illustrieren, was auf der Welt derzeit los ist. „Rating-Krieg gegen Europa“, lautete die einprägsame Schlagzeile. Dazu eine hübsche Fotomontage nach Art des Hauses: Ein US-Panzer fährt auf und richtet formatfüllend sein Kanonenrohr auf die Köpfe von Heinz Fischer, Maria Fekter und Angela Merkel, allesamt verpackt in fesche Militärhelme.

Eindrucksvoller kann man seinen mit Wirtschaftsfragen nicht so vertrauten Lesern die Lage nicht erklären: Vier Tage vor einem wieder einmal entscheidenden Gipfel der EU hatte die US-Ratingagentur Standard & Poor’s den verbliebenen sechs Triple-A-Ländern der Eurozone, darunter auch Österreich, gedroht, die beste Bonität zu entziehen. Triple Ätsch, Teil 2, sozusagen: Schon vor zwei Wochen gingen massive Gerüchte um, Österreich könnte sein Top-Rating verlieren.

Aber nicht nur den Boulevard erregte diese Warnung. Auch Menschen, die ihr Brot mit rationalen Sachentscheidungen verdienen, gerieten in Wallung. Friedrich Mostböck, Chefanalyst der Erste Bank, schimpfte: „Die Ratingagenturen sind jetzt offensichtlich vollkommen durchgeknallt.“ Raiffeisen-OÖ-Boss Ludwig Scharinger erkannte „angloamerikanisches imperialistisches Verhalten“.

Wer einen kühlen Blick auf die Standard-&-Poor’s- Analyse wirft, kommt drauf: So falsch liegen die „Rating-Krieger“ nicht. Für die Revision ihres Bonitätsurteils der Eurozone gab S&P im Wesentlichen fünf Gründe an: Das „Systemrisiko“ sei in den vergangenen Wochen erheblich gestiegen; die Kreditkonditionen verschlechtern sich zusehends, Aufschläge auf Staatsanleihen für Triple-A-Länder steigen; nach wie vor ist die Verschuldung sowohl der Staaten als auch der privaten Haushalte in den Euroländern hoch; die Gefahr einer Rezession im gesamten Euroraum liegt mittlerweile bei 40 Prozent.

Und, wohl das wesentlichste Argument: Es sei nicht abzuschätzen, wie die politische Führung Europas eine Einigung erzielen könnte, um kurzfristig das Vertrauen der Märkte wieder zu erlangen und – längerfristig – durch eine Fiskalunion den gesamten Euroraum zu stabilisieren. Klar, man kann einwenden, die ewige Suderei der oligopolartig organisierten Ratingagenturen zur Unzeit verschärft die Abwärtsspirale, ist psychologisches Gift für ohnehin verunsicherte Anleger.

Fakt ist, dass in den nächsten drei bis vier Monaten Frankreich, Italien und Spanien Käufer für Anleihen im Wert von insgesamt 345 Milliarden Euro finden müssen, um ihre Staatsausgaben zu finanzieren. Ohne Anwerfen der Notenpresse kein leichtes Unterfangen, konnte doch zuletzt nicht einmal Deutschland eine Anleihe komplett am Markt platzieren.

Vor dem Hintergrund dieses Finanzierungsbedarfs ist auch besser zu verstehen, warum diesmal wirklich Euro-Schicksals-Gipfel ist. Gelingt es der vereinigten europäischen Führungsmacht „Merkozy“ nicht, die Weichen zu gemeinsamer Wirtschaftspolitik samt Kontrolle der nationalen Budgets zu stellen – wie immer das technisch ausgeformt wird –, könnte die Eurozone in ihrer jetzigen Form bald Geschichte sein. Mit all den Dominoeffekten wie Staats- und Bankenpleiten, explodierender Arbeitslosigkeit auch in den reichen EU-Ländern.

Dass Europa nur als geeinter Wirtschaftsraum mit funktionierenden Institutionen global mitspielen kann, hat niemand besser dargestellt als der 92-jährige Helmut Schmidt bei seiner fulminanten Rede am SPD-Parteitag. Als „sehr alter Mann“ denke er „in langen Zeiträumen“. 2050 wird „jede einzelne europäische Nation nur noch einen Bruchteil von ein Prozent der Weltbevölkerung ausmachen. Daraus ergibt sich das langfristige strategische Interesse der europäischen Nationalstaaten an ihrem integrierenden Zusammenschluss.“

Dazu gehören freilich nicht nur strikte Sparregeln, sondern auch der Wille der Deutschen (und Österreicher) zu einer Transferunion. Verkürzt gesagt: Wie das wiedervereinigte Deutschland in den 90er-Jahren die neuen Bundesländer (Ex-DDR), müssen die Reichen nun die armen EU-Staaten so lange durchfüttern und strukturell aufpäppeln, bis die wieder konkurrenzfähig sind. Das kann dauern. 20 Jahre … (siehe Story ).

Standard & Poor’s gibt laut „Neuer Zürcher Zeitung“ offen zu, mit der „Credit Watch“-Aktion Einigungsdruck auf die Politik ausüben zu wollen. Als Verschwörungstheoretiker könnte man hinzufügen: Der S&P-Coup sieht danach aus, als hätten ihn „Merkozy“ selbst bestellt. Um den nach wie vor auf ihre Souveränität pochenden Nationalpolitikern den Ernst der Lage endlich klarzumachen.

Für halb Europa symptomatisch etwa die Reaktion von Österreichs Maria Fekter: Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble fordert bei seinem Wien-Besuch einen Super-Währungskommissar mit Durchgriffsrechten. Fekter, mit Schäuble am Podium, entgegnet sinngemäß: Na ja, ganz so streng wollen wir’s bitte auch wieder nicht. Und zieht ihre Mundwinkel sichtbar nach unten.

Es wird ein historischer EU-Gipfel. Gelingt ein Durchbruch, gehört den Ratingagenturen das große Verdienstkreuz um die europäische Einigung verliehen.

- Andreas Weber