A. Weber in 'formatiert': Die EU sollte ihre Jugend retten. Sonst geht Europa unter.

Neet: „Not in education, employment or training“ – so sieht das junge Gesicht Europas aus.

Können Sie sich noch an Silvio Berlusconi erinnern, den Ministerpräsidenten von Italien? Bunga Bunga hatte immer einen kessen Spruch auf den Lippen. Einer arbeitssuchenden Studentin gab er einmal einen heißen Tipp: „Heiraten Sie doch einen meiner Söhne.“ Männlichen Uniabsolventen, ebenfalls um ihre Jobaussichten besorgt, empfahl er karrieremäßig: „Tragen Sie niemals braune Schuhe zum blauen Anzug.“

Berlusconis gelobter Nachfolger Mario Monti agiert nicht anders. Er löste einen Empörungssturm aus, als er meinte: „Die Jungen werden sich daran gewöhnen müssen, dass sie keine dauerhafte Anstellung haben.“ Diese drei Sätze sind in Italien gefallen, aber symptomatisch für den Umgang der EU-Eliten mit Jugendarbeitslosigkeit. Die stand seit Ausbruch der Krise 2008 nicht auf der Agenda. Erst war Bankenretten, Euroretten, Staatenretten, dann Sparen und dann nichts mehr.

Staatliche Konjunkturpakete haben zwar viele Länder vor einem Totalabsturz der Wirtschaft und der Arbeitsmärkte bewahrt, für Jobeinsteiger gilt das aber nicht. Seit dieser Woche ist die Dramatik der Lage amtlich. Eine Studie der Arbeitsorganisation der UNO (ILO) fördert Haarsträubendes zutage. Die Jugendarbeitslosigkeit in der Eurozone liegt im Schnitt bei 22 Prozent, ist seit 2008 um die Hälfte angestiegen. Im armen Nordafrika liegt sie nur um sechs Punkte höher.

In Griechenland ist jeder zweite Jugendliche ohne Job. Im Juli wechseln Zehntausende von der Schulbank direkt in die Arbeitslosigkeit. In Spanien ist ebenfalls jeder Zweite unter 25 arbeitslos, in Italien jeder Dritte. „Hotel Mama“ ist das Einzige, was am Stiefel boomt. Sechs von zehn unter 30-Jährigen leben bei den Eltern. In Kroatien und der Slowakei sind 35 Prozent ohne Job, in Ungarn 28 Prozent.

Die ILO-Autoren sprechen von einer „Lost Generation“ der 15- bis 24-Jährigen im Kern Europas. Die Gründe sind von Land zu Land verschieden: falsche Bildungspolitiken, starre Arbeitsmärkte, die ältere Festangestellte überproportional schützen, Junge aber dem „Hire and Fire“ aussetzen. Vor 20 Jahren war in Europa von „Yuppies“, den „young urban professionals“, die Rede, karrierebewussten Mittelschichtlern, die dank guter Ausbildung die Welt erobern wollten. Heute heißt das Akronym für die Jungen „Neet“: „Not in education, employment or training.“ 5,5 Millionen gibt es davon in der EU.

Eigentlich ein Wunder, dass nicht in ganz Europa die Protestflammen lodern, sondern nur gelegentlich in Athen und Madrid. 1968 waren Studenten in Paris, Berlin und anderswo aufgestanden, um gegen die autoritäre Kultur der Aufbaugeneration zu revoltieren. Wie es scheint, reagiert die Mehrheit der verlorenen Generation der 10er-Jahre Protest lieber an der PlayStation ab. Arm, aber Gott sei Dank satt von Mutters Schnitzeln.

Der heutigen Jugend fehlen auch Verbündete. Die 68er, die einst die politischen Regeln geändert haben, treten gerade in die Geschichte ab. Sie beenden den Marsch durch die Institutionen und gehen als Letzte mit fetten Renten, die sich kein Land mehr leisten kann und ein gutes Stück Zukunft auffressen, in Pension. Sie haben für sich genug erreicht. Noch einmal aufstehen ist nicht, Gärtnern jetzt wichtiger.

Jene, die im Erwerbsleben stehen, kämpfen selbst ums Überleben. Und die Politik hat Jugendarbeitslosigkeit lange ignoriert. Aufgrund niedriger Geburtenraten „hat man geglaubt, dass sich das Problem von selbst erledigt“, merkt der renommierte Demograf Rainer Münz spitz an.

Dann kam eine Krise dazwischen

Der Staat fällt als Arbeitgeber und Auffangbecken für Absolventen von Orchideenstudien jetzt aus. In Frankreich gibt es zu viele Psychologen, in Italien zu viele Architekten, in Österreich zu viele Publizistiker. Solche bringen der klamme Staat oder auch Unternehmen im globalen Wettbewerb nicht mehr unter. Am anderen Ende sind Millionen zu finden, die ohne Schulabschluss und Ausbildung auf Arbeitssuche und auch chancenlos sind. Pars pro toto: Die gut dotierten Jobs im Baubiz für junge Ungelernte sind mit Platzen der spanischen Immoblase perdu. 35 Prozent der iberischen Jugendlichen haben keinen Abschluss einer weiterführenden Schule. Für alle gilt das eherne Gesetz: Wer als 20-Jähriger in die Arbeitslosigkeit fällt, läuft Gefahr, dauerhaft vom Sozialsystem abhängig zu sein. Das belastet leere Staatskassen, ist gesellschafts- und demokratiepolitisch brandgefährlich.

Die OECD-Expertin Glenda Quintini analysiert in der „Zeit“ richtigerweise: „Die Krise der Jungen in Madrid, Athen und Paris gefährdet die Zukunft Europas auf Dauer. Wachstum in wissensbasierten Gesellschaften entsteht nur dort, wo es ausreichend gut ausgebildete Junge gibt. Erst recht in schrumpfenden Gesellschaften.“

Insoferne sollte Europa den ideologischen Streit zwischen Konservativen und Sozialdemokraten über Fiskalpakt und Wachstumspakete kübeln und allen Grips und alles Geld in Bildungsreformen und – ja, auch das – staatlich geförderte Jobs für Junge stecken.

PS: Was immer über den verkrusteten Sozialpartnerstaat Österreich geschrieben wurde – in Sachen Jugendarbeitslosigkeit ist er ein Segen (zweitgeringste Rate in der EU). Kein Wunder, dass sich halb Europa bei Hundstorfer, Leitl & Co anstellt, um das Modell der dualen Ausbildung nachzuahmen.

- Andreas Weber