Warum die Telekom-Sonderprüfung nun auch für Ametsreiter unangenehm wird

Telekom-Sonderermittler BDO nimmt jetzt auch bislang ungeprüfte Millionenaufträge von A1 Mobilkom an die Hochegger-Gruppe genauer unter die Lupe. Dabei tauchten bis dato unbekannte Lobbyingdeals auf – unangenehm für Telekom-Boss Hannes Ametsreiter.

Am Tag der Arbeit sollen Markus Brinkmann und Stefan Kühn fertig sein. Die Forensik-Experten der Wirtschaftsprüfungskanzlei BDO Deutschland wurden von Markus Beyrer im Oktober 2011 beauftragt, den Korruptionsskandal in der Telekom Austria, heute A1, aufzuklären. Drei Wochen vor der Hauptversammlung am 23. Mai soll Beyrer als Aufsichtsratschef der Telekom den Endbericht erhalten. Für ihre forensischen Studien wurden Brinkmann und Kühn keine Tabus gesetzt. Beyrers Bedingung: „Alles aufdecken, keinen schonen.“

Die BDO-Prüfer haben ihren Auftrag offenbar sehr ernst genommen. Das dokumentieren FORMAT exklusiv vorliegende Prüfberichte. Immerhin bringen die BDO-Ermittlungen nun sogar Hannes Ametsreiter in Erklärungsnot. Ametsreiter ist seit 2009 Generaldirektor der Telekom Austria und seit 2001 Marketingchef der Tochter A1 Mobilkom.

Ein zweifelhafter Lobbyingvertrag mit dem PR-Berater Peter Hochegger aus dem Jahr 2009 sowie Millionenaufträge, die Ametsreiter von 2001 bis 2009 als A1-Marketingmanager an die Hochegger-Gruppe vergeben hat, sind den BDO-Prüfern negativ aufgefallen. Auch pikante Geschäfte mit der Werbeagentur Euro RSCG werden im Lichte der diese Woche veröffentlichten neuen Compliance-Regeln kritisch gesehen.

Die BDO-Investigationen setzen auf einem streng vertraulichen Deloitte-Prüfbericht vom Juli 2011 auf. In dieser 400 Seiten starken Expertise mit dem Titel „Project Flieder“ wurden Hunderte Geschäfte zwischen der Telekom und diversen Hochegger-Firmen von 2000 bis 2010 forensisch untersucht. Auf Ametsreiters Wunsch wurde der Prüfungsschwerpunkt aber auf die Festnetzsparte gelegt.

Unbekannte Mobilfunkmillionen

Das BDO-Team durchleuchtet nun auch den Mobilfunkbereich. Im Festnetz wurden über hundert Hochegger-Deals im Wert von 17 Millionen Euro registriert. Davon wurden 60 Aufträge über elf Millionen Euro genauer untersucht – und 2,25 Millionen Euro als dubios eingestuft. Und bei der Mobilkom? Da wurden zwar auch über 14 Millionen Euro an die Hochegger-Gruppe gezahlt. Doch bislang wurden gerade einmal zwei Aufträge im Gesamtwert von 190.200 Euro als auffällig eingestuft. Das prüfen die BDO-Leute und buddeln tiefer.

Fündig wurde man auch schon: So erteilte Ametsreiter als Telekom-General einen Lobbying-Auftrag an Hochegger. „ Am 13. Februar 2009 wurde ein Angebot in Höhe von 211.200 Euro für das Projekt ‚Public Affairs Maßnahmen – Regulierung‘ gelegt “, heißt es im Deloitte-Bericht. „ Die Bestellung wurde seitens der TA durch Herrn Ametsreiter und Prokuristin S. unterfertigt. “ Brisant: Staatsanwalt und Korruptions-U-Ausschuss werfen den Ex-TA-Festnetz-Vorständen Rudolf Fischer und Gernot Schieszler ähnliche Hochegger-Aufträge vor.

Die Public-Affairs-Arbeit besorgte ein kleines „ Beratungsteam bestehend aus Peter Hochegger, Dietmar Trummer und Martin Jenewein “, das laut Bericht von März bis Dezember 2009 gebucht war. Zum Leistungsumfang heißt es im Papier: „ Gespräche mit Vertretern aus dem Regierungsumfeld (Telekomregulator, Verkehrsministerium); Regelmäßiges Update der IKT-Sprecher der Regierungsparteien “. Letztere waren damals Karin Hakl (VP) und Kurt Gartlehner (SP).

Dietmar Trummer – er war Teilhaber von HocheggerCom, der Agentur Martrix und des Spezialvehikels Valora Energy (heute: Sicon Energy) – leitete das Lobbyingteam. Jenewein war bis 2008 Hakls parlamentarischer Mitarbeiter. Weil die Telekom den Hakl-Wahlkampf 2008 finanziert hat, musste sie vor kurzem als Telekom-Sprecherin zurücktreten. Und Gartlehner wurde im März wegen der Telekom-Affäre an die Justiz ausgeliefert.

Geringfügigkeitsgrenze: 50.000 Euro

Die willkürliche Prüfgrenze von 50.000 Euro sorgte bei den BDO-Forensikern ebenfalls für Kopfschütteln. Alle Hochegger-Rechnungen, die darunter lagen, wurden von der Revision erst gar nicht gescreent. Pressekonferenzen inklusive Aussendung um 45.000 Euro fielen den Revisionisten so gar nicht auf.

Ein zweifelhafter Auftrag, der unter der 50.000-Euro-Schwelle lag, war etwa die legendäre KMU-Roadshow von Finanzminister Karl-Heinz Grasser im Jahr 2002. Die wurde zu Ametsreiters Zeiten von A1 Mobilkom mit 45.000 Euro gesponsert. Auch KHG-Freund Walter Meischberger profitierte. Seine Zehnvierzig GmbH verrechnete „Kreativleistungen“ für 38.000 Euro. Wofür, ist nicht festzustellen: „Wir konnten keinen Nachweis finden, dass Walter Meischberger irgendeinen Beitrag geleistet hatte.“ Verschwunden ist die Leistungsdokumentation zur Roadshow.

Den BDO-Prüfern fiel auch auf, dass zwischen 2001 und 2010 insgesamt 1,2 Millionen Euro von A1 Mobilkom an die Agentur Martrix (früher: Hochegger Marketingconsulting) geflossen waren. Die Firma wurde wegen der legendären Homepage von Karl-Heinz Grasser bekannt. Wofür Martrix das Geld erhalten hat, will die Telekom nicht kommentieren.

Für die ÖVP ist das alles ein gefundenes Fressen. Seit Ametsreiters kompromisslosem Umgang in der Sache „Alfons Mensdorff-Pouilly“ ist er dort nicht mehr sehr gut angeschrieben. Und die Parteistrategen wissen: Egal was rauskommt, die BDO-Prüfer schränken Ametsreiters politischen Handlungsspielraum ein.

Auch der ÖIAG könnten die Erkenntnisse im Abwehrkampf gegen den Investor Ronny Pecik ein Druckmittel auf den Telekom-General in die Hand geben.

– Ashwien Sankholkar

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