"Sparsamkeit anstelle eines tauglichen Konzepts ist zu wenig"

"Sparsamkeit anstelle eines tauglichen Konzepts ist zu wenig"

FORMAT: Herr Pirker, Sie sind seit knapp zwei Jahren von der Styria-Mediengruppe weg. Gibt es aus heutiger Sicht etwas, das Sie anders machen würden?

Horst Pirker: Ja, mit Sicherheit. Der Blick, den ich zurückwerfe, ist ein liebevoller, entspannter Blick, aber auch ein kritischer.

FORMAT: Nennen Sie einen Punkt, den Sie gerne ändern würden?

Pirker: Ich würde der digitalen Entwicklung noch mehr Stellenwert einräumen. Außerdem habe ich mich zu sehr darum gekümmert, den Weg von Print Richtung Digital zu gehen, und habe zu wenig Energie darauf verwendet, rein digitales Geschäft, unabhängig von Print, aufzubauen.

FORMAT: Werden Sie von Ihren Nachfolgern bei der Styria gelegentlich um Rat gebeten?

Pirker: Wenn es so wäre, würde ich es nicht sagen.

FORMAT: Es gibt Sparprogramme bei der "Kleinen Zeitung“, der "Presse“ und dem "WirtschaftsBlatt“ - haben Sie das Gefühl, dass Ihr Lebenswerk zerbröselt?

Pirker: Ich beobachte die Prozesse in der Styria aufmerksam, und meine besten Wünsche begleiten diejenigen, die jetzt dort die Verantwortung tragen, den vielen Mitarbeitern zuliebe.

FORMAT: Ist es in der heutigen Zeit überhaupt noch möglich, Printmedien profitabel zu führen?

Pirker: Die "Kleine Zeitung“ ist ja nach wie vor klar profitabel. Auch die anderen beiden Titel sind erfolgreich unterwegs, wenngleich auf einer anderen Bandbreite der Behaglichkeit. Ich bin überzeugt, dass es möglich ist, Printmedien profitabel zu führen, und es gibt dafür weltweit ja auch genug Beispiele.

FORMAT: Aber schwieriger als früher ist es schon …

Pirker: Auf jeden Fall. Und es wird sogar noch schwieriger werden. Ich halte aber die Aufgabenstellung für bewältigbar.

FORMAT: Glauben Sie, werden die Medien in Österreich kaputtgespart?

Pirker: Das ist nicht unbedingt ein österreichisches Spezifikum. Ich bin jedenfalls überzeugt davon, dass Sparen allein kein tragfähiges Konzept ist.

FORMAT: Das gilt auch für die Styria?

Pirker: Natürlich, Sparen ist eine Tugend, die man in jeder Lebenslage pflegen sollte. Aber Sparsamkeit anstelle eines tauglichen Konzepts ist zu wenig.

FORMAT: Würde es Ihnen leid tun, wenn einer der genannten Styria-Titel vom Markt verschwinden würde?

Pirker: Sehr leid sogar. Mir würde es aber um jeden Titel, der vom Markt verschwindet, leid tun. Medienvielfalt war mir immer sehr wichtig.

FORMAT: Glauben Sie, dass das "WirtschaftsBlatt“ überlebt?

Pirker: Das "WirtschaftsBlatt“ wird wohl heuer wieder ein sehr zart positives Ergebnis schaffen. Das ist eine gute Basis, von der aus die weitere, vor allem digitale Entwicklung gut vorangetrieben werden kann. Einem Redaktionspool von "Presse“ und "WirtschaftsBlatt“ kann ich allerdings nicht viel abgewinnen.

FORMAT: Wie viele Printmedien verträgt ein Land wie Österreich?

Pirker: Für die Magazine und Zeitungen, die es gibt, gibt es sicher ausreichend Platz. Wichtig ist nur, dass man sie gut und intelligent macht. Nur Kosten zu senken ist nicht der Gipfel der intellektuellen Evolution.

FORMAT: Eine Prognose: Wie viele der zurzeit am Markt befindlichen Printprodukte wird es in zehn Jahren noch geben?

Pirker: Ob es mehr oder weniger geben wird, wird wesentlich davon abhängen, wie gut die Verantwortlichen ihre Arbeit machen.

FORMAT: Was trauen Sie den aktuell Verantwortlichen zu?

Pirker: Die Aufstellung war schon einmal vielversprechender. Das hat aber nichts mit meinem Abgang zu tun.

FORMAT: Sie besitzen selbst Anteile an Medien. Verraten Sie uns, an welchen?

Pirker: Nein, das betrachte ich als mein Privatvergnügen.

FORMAT: Sie machen es also nicht wie Warren Buffett, der sich Zeitungen als Investment kauft?

Pirker: Nein, ich will auch nicht mit Buffett verglichen werden; das ist eine völlig andere Liga. Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, dass ich Medien liebe. Ich beteilige mich in homöopathischen Dosen an Medien, ohne Profitgedanken.

FORMAT: Wie sind Medien beschaffen, die Horst Pirker kauft?

Pirker: Es darf jedenfalls nichts sein, wofür ich mich schämen müsste. Und es müssen Menschen machen, die ich mag.

FORMAT: Sie haben auch in Dietrich Mateschitz’ Red Bull Media House gearbeitet. Dort ist Sparen wohl keine Kategorie?

Pirker: Es ist richtig, der Spargedanke ist dort nicht vorherrschend. Mateschitz ist aber jedenfalls ein tief der Qualität verschriebener Mensch. Und er kann sich gehobene Ansprüche leisten. Aber verludert wird bei Red Bull trotzdem nichts.

FORMAT: Sie haben in Zusammenhang mit Red Bull einmal von Weltklasse gesprochen. Was ist dort Weltklasse?

Pirker: Mateschitz praktiziert eine völlig neue Form der Marktkommunikation. Man könnte sagen: Marketing 3.0. Ich wäre wirklich gerne bei Red Bull Media geblieben, um mehr beizutragen, aber manchmal muss man - in diesem Fall aus privaten Gründen - auch Entscheidungen treffen, die weh tun.

FORMAT: Wird das Mäzenatentum in der Medienlandschaft in Zukunft wichtiger werden?

Pirker: Es gibt ja weltweit schon einige Beispiele, wie etwa den "Guardian“. Ich denke aber, dass das Mäzenatentum keine in der Breite nachhaltige Entwicklung ist.

FORMAT: Welche Medien haben Ihrer Meinung nach die besten Konzepte für die Zukunft?

Pirker: Burda Medien in Deutschland sind hier sicher zu nennen oder auch die britische Thomson Group, die auf einen Schlag alle ihre Tageszeitungen verkauft hat und Reuters übernommen hat. Das war ein starker, mutiger Schritt.

FORMAT: Glauben Sie, wird Print in absehbarer Zeit aussterben?

Pirker: Nein, das glaube ich nicht. Man wird Print nur massiv neu entdecken müssen. Gefragt sind neue Ideen und neue Muster. Genau das versuche ich bei meinen kleinen Medienbeteiligungen auch.

FORMAT: Wann wird man diese neuen Ideen und Konzepte aus Ihrer Medienschmiede zu sehen bekommen?

Pirker: Es gibt ja schon das ein oder andere. Näheres möchte ich nicht verraten.

FORMAT: Welche Medien konsumieren Sie selbst eigentlich?

Pirker: Ich lese österreichische Tageszeitungen mit abnehmender Intensität.

FORMAT: Vermissen Sie die Qualität?

Pirker: Das ist sicher ein Grund. Der Mehrwert, den ich beim Lesen von Tageszeitungen generiere, ist jedenfalls abnehmend. Ich lese aber gerne Blogs, auch jene von Menschen, deren Positionen ich meist nicht teile, wie jene von Andreas Unterberger etwa.

FORMAT: Ist kritischer Journalismus in Österreich schwierig?

Pirker: Ja, sehr schwierig, weil das Repertoire an Vergeltung ziemlich groß ist. Es wird immer wieder versucht, wirtschaftlich Druck auf die Redaktionen auszuüben, und dieser Druck trifft da und dort auf Entscheidungsträger, die nicht immer ausreichend Rückgrat haben.

FORMAT: Sie sind jetzt seit einigen Monaten als CEO bei Saubermacher. Was unterscheidet die Ressourcenwirtschaft von der Medienwelt?

Pirker: Inhaltlich haben die Branchen wenig gemeinsam. Aber auf einer metaökonomischen Ebene gibt es schon Gemeinsamkeiten: Es ist eine Arbeit, die über das reine Geldverdienen hinaus Sinn macht. Und sowohl die Medien als auch die Abfallwirtschaft stecken gerade in einem umfassenden Umbruch. Wir bei Saubermacher bewegen uns beispielsweise vom reinen Entsorger zu einem Rohstoffproduzenten.

FORMAT: Welche Ziele haben Sie als Chef von Saubermacher?

Pirker: Anders als damals bei der Styria bin ich bei Saubermacher zu einem kerngesunden Unternehmen gekommen. Diese gesunde Struktur soll natürlich erhalten bleiben. Außerdem wollen wir das Unternehmen in eine neue Umlaufbahn bewegen. Damit meine ich aber weniger die Größe als Innovationen.

FORMAT: Wie sieht es denn bei Saubermacher mit dem Sparen aus?

Pirker: Wir üben uns auch hier in Sparsamkeit, aber es ist hier schon einen Tick leichter als zu Beginn bei der Styria, weil das Unternehmen gesund ist.

FORMAT: Wie ist das Jahr 2011 für Saubermacher gelaufen?

Pirker: Es war umsatzmäßig das stärkste Jahr in der Unternehmensgeschichte, und operativ lag das Ergebnis auf Rekordniveau. Allerdings hatten wir, bedingt durch den Rückzug aus Kroatien, erhebliche Wertberichtigungen.

FORMAT: Aber das Ergebnis ist unter dem Strich positiv?

Pirker: Ja, das schon.

FORMAT: Ist nach den Problemen in Kroatien Expansion für Saubermacher überhaupt noch ein Thema?

Pirker: Wir gehen jetzt einmal durch eine Phase des Nachdenkens und Überarbeitens, werden dann aber rasch wieder offensiv werden. Die Offensive wird aber weniger erwartbar ausfallen.

FORMAT: Fehlt Ihnen eigentlich der Glamour Ihrer früheren Jobs bei Saubermacher nicht?

Pirker: Ich merke, dass er nicht da ist. Aber die Bühne ist das, was mir am wenigsten abgeht.

FORMAT: Gibt es einen Job in der Medienbranche, der Sie noch reizen würde?

Pirker: Ich will nichts mehr werden, obwohl immer wieder interessante Angebote an mich herangetragen wurden. Jetzt will ich einmal Saubermacher weiterentwickeln.

Zur Person:
Horst Pirker, 52, wechselte Anfang des Jahres aus privaten Gründen von der Spitze des Red Bull Media House in den Vorstand des steirischen Entsorgers Saubermacher. Saubermacher setzt mit 4.200 Mitarbeitern 294 Millionen Euro um. Davor war Pirker 25 Jahre lang für Styria-Medien tätig, zehn Jahre als deren CEO. 2010 übernahm er eine Professur für Medienmanagement an der Uni Graz. Außerdem besitzt der gebürtige Kärntner einige kleinere Beteiligungen an Medienprojekten wie etwa einem Online-Knigge ( www.knigge2day.at ).

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