Gusenbauers Ich-AG: Als Berater und Aufsichtsrat blendend im Geschäft

Alfred Gusenbauer ist als Berater und Aufsichtsrat blendend im Geschäft: Insider schätzen sein Einkommen auf mindestens 500.000 Euro brutto.

Sein Terminkalender kennt kaum Lücken: Am Wochenende kam Alfred Gusenbauer von einer vierwöchigen Wanderung entlang des Jakobswegs und einem Vortrag in Barcelona über die Zukunft der europäischen Demokratien zurück nach Österreich.

Am Montag ging es in die Steiermark zu einer Kraftwerksbesichtigung, am Dienstag nach Brüssel, nächste Woche nach Russland zu einem Vortrag. Immer wieder klingelt sein iPhone. Doch der 50-Jährige ist entspannt, gut gelaunt und strahlt. Denn in seiner zweiten Karriere als Geschäftsmann läuft derzeit alles wie am Schnürchen.

Gerade einmal zwei Jahre ist es her, als er als kürzestdienender Kanzler der Zweiten Republik den Sessel räumen musste. Der Abgang war unrühmlich: Vom „Regierungspartner“ ÖVP wurde er verhöhnt, von den eigenen „Parteifreunden“ in der SPÖ gemobbt – es war mehr als das übliche Gesudere.

Heute stellt es der gebürtige Niederösterreicher als seinen Plan dar, dass er damals Werner Faymann den Vortritt gab. „Nachdem absehbar war, wie ein Wahlkampf der ÖVP aussehen wird, nämlich ausschließlich ein Negativ-Wahlkampf gegen mich persönlich, war meine Idee, diese Strategie zu durchkreuzen, indem wir mit einem neuen Spitzenkandidaten antreten“, sagt Gusenbauer im Interview .

Auch wenn das ein wenig Geschichtsklitterung ist – ganz so strategisch-freiwillig war sein Abgang nämlich nicht –, den nächsten Satz nimmt man Gusenbauer wirklich ab: „Die Entscheidung, die österreichische Innenpolitik zu verlassen, habe ich nicht bereut.“

Großvermögensverwalter

Während sein Nachfolger am Samstag beim Parteitag in Vösendorf um die Stimmen der Genossen buhlen muss, kann Gusenbauer in Kürze die Aussicht vom Strabag-Tower auf der Wiener Donauplatte genießen. Dort erhält er als neuer Aufsichtsratschef ein Büro, am 18. Juni wird er von der Hauptversammlung gewählt werden.

Am selben Tag wird er auch Vorstand der Privatstiftungen von Hans Peter Haselsteiner. Im vergangenen Jahr nahm der Strabag-Boss Platz 26 in der Liste der 100 reichsten Österreicher des Magazins „trend“ ein – mit einem Vermögen von rund 750 Millionen Euro.

Gusenbauers Wechsel zum börsennotierten Bauriesen (Hauptaktionäre: Raiffeisen und Haselsteiner) hat für Aufregung gesorgt, denn zuvor war Gusenbauer für einen anderen Baukonzern, nämlich die Alpine, als Kontrolleur tätig. Am fliegenden Wechsel wurde von mehreren Seiten Kritik geübt, nicht zuletzt vom langjährigen
Kapitalmarktbeauftragten der Regierung, Richard Schenz.

Tür-und-Tor-Öffner

Für das Aufsichtsratsmandat bei der Strabag wird Gusenbauer 50.000 Euro erhalten, so wie das die Hauptversammlung für seinen Vorgänger schon festgelegt hat. Über seine Entlohnung in den Stiftungen schweigt er eisen. „Es ist sehr unterschiedlich, was Stiftungsvorständen bezahlt wird“, sagt Experte Christoph Kraus von der Kathrein Bank. Zum Teil werde die Arbeit unentgeltlich von Freunden des Stifters übernommen, im Normalfall liege die Entlohnung zwischen 2.500 und 10.000 Euro im Jahr.

Nur: Die Haselsteiner-Stiftungen sind keine normalen Stiftungen, und Gusenbauer ist kein normaler Manager. Daher schätzen Insider seine Gage auf über 200.000 Euro. Die lobenden Worte von Hans Peter Haselsteiner lassen ahnen, dass der langjährige Polit-Profi jeden Cent wert ist: „Gusi ist ein vielseitig interessierter und gebildeter Mensch. Er wird uns helfen, Tür und Tor in Osteuropa zu öffnen. Abgesehen davon, ist er ein Freund!“

Doktor Gusenbauer

Auch für andere Unternehmen ist Gusenbauer als „Türöffner“ tätig: Für den Medienkonzern WAZ in Osteuropa, für den Glücksspielkonzern Novomatic in Südamerika. „Doktor Gusenbauer ist in der internationalen Politik, insbesondere in Lateinamerika und Osteuropa, bestens vernetzt. Seine Kontakte kommen daher auch der Stärkung des österreichischen Wirtschaftsstandortes zugute“, meint Novomatic-Generaldirektor Franz Wohlfahrt. Daneben stärkt Gusenbauer die chilenische Wirtschaft – indem er Kontakte zu Investoren herstellt.

Zudem sitzt er im Aufsichtsrat und Beirat des Tiroler Immobilien-Tycoons René Benko. „Ich habe vor eineinhalb Jahren die richtige Entscheidung getroffen, Alfred Gusenbauer die Funktion in meinem Beirat anzubieten“, erklärt Benko heute stolz. „Meine damalige Einschätzung wurde jetzt als richtig bestätigt, weil ja auch Haselsteiner und Raiffeisen ihm verantwortungsvolle Positionen übertragen haben.“

Mindestens 500.000 Euro Einkommen

Bei Benko soll Gusenbauer rund 200.000 Euro verdienen, offiziell gibt es dazu keine Zahlen. Insgesamt werde das Jahreseinkommen für Gusenbauer wohl mindestens 500.000 Euro ausmachen, glauben Insider, die sowohl Gusenbauer als auch den Berater-Markt kennen: „Wenn er es nicht ganz blöd anstellt, kommt er sogar auf eine Million.“ Und allein die Anzahl seiner Mandate beweist, dass sich Gusenbauer in seinem Leben nach der Politik bisher alles andere als „blöd angestellt“ hat.

Der Exkanzler gibt sich bei Fragen nach seinem Verdienst zugeknöpft wie ein Trappistenmönch. Herauszulocken ist ihm bloß, dass er mehr lukriert als der Bundeskanzler, dessen Jahresgehalt bei 280.000 Euro liegt. Lakonisch verweist er auf die Bilanz seiner „Gusenbauer Projektentwicklung & Beteiligung GmbH“, die ohnehin im Firmenbuch hinterlegt werden würde.

Bislang ist dort aber nur der Abschluss für 2008 zu finden – das Jahr, in dem Gusenbauer im Dezember den Ballhausplatz verließ und mit 12. Dezember die Geschäftsführung der Gesellschaft übernahm: Damals betrug der Umsatz 23.500 Euro, als Jahresgewinn werden immerhin 13.772 Euro ausgewiesen. Über diese Seine Gesellschaft betreut Gusenbauer derzeit fünf größere Mandate und laufend fünf, sechs kleinere. Die Bezahlung, ob erfolgsabhängig oder nicht, sei Verhandlungssache. „Ich bin da flexibel“, meint er verschmitzt.

Geschäftsmodell: Adressbuch versilbern

Fixe Arbeitsplätze hat der Sozialdemokrat noch nicht geschaffen. „Ich vergebe für verschiedene Arbeiten Sub-Verträge, sonst bin ich eine Ich-AG“, sagt er. Bislang hatte Gusenbauer zwei Büros: eines für die politischen Tätigkeiten (Präsident des Kuratoriums des Renner-Instituts, Vizepräsident der Sozialistischen Internationale) und eines für die kommerziellen Tätigkeiten, das sich in der Kanzlei des Wiener Anwalts Leo Specht befindet.

Das Geschäftsmodell Gusenbauers ist am Papier simpel: Er versilbert sein Adressbuch. Rund 500 Nummern sind in seinem Handy gespeichert, dazu gibt es die Handkartei im Büro. Durch die Funktion in der Sozialistischen Internationale und seine Fremdsprachenkenntnisse (hervorragendes Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch) kann er in beinahe jedem Land Kontakte zu wichtigen Personen herstellen.

„Gusenbauer hat es gut verstanden, vom Buyer zum Seller zu werden, also zu jemandem, der Dienstleistungen verkauft“, urteilt der Anwalt Gabriel Lansky, der mit ihm bei internationalen Projekten zusammenarbeitet: „Er kann sehr gut zuhören und auf Kundenbedürfnisse eingehen.“

„Er hat eine schnelle Auffassungsgabe und kann helfen, die Kunden zu verstehen“, findet der Banker Willi Hemetsberger, „von Geschäftspartnern wird er immer sehr ernst genommen.“ Ähnlich sieht das Benko: „Ich verbringe übers Jahr gesehen doch einige Zeit mit ihm, nicht nur ein paar Stunden. Er hat eine wahnsinnige Reputation in Europa, bringt auch neue Kontakte in Amerika und Asien ein.“

Außerdem trifft Gusenbauer durch seine Lehrveranstaltung an der Brown University in Boston nicht nur regelmäßig Ex-EU-Kommissionspräsident Romano Prodi und den chilenischen Expräsidenten Ricardo Lagos, mit denen er gemeinsam unterrichtet, sondern viele Spitzenpolitiker und Topmanager. „Er kann sich daraus ein gutes Bild machen, wohin wirtschaftliche Entwicklungen und Märkte gehen oder welche Länder welche Probleme haben. Das hilft mir sehr bei unternehmerischen Entscheidungen“, meint Benko. Und der 33-jährige Immobilientycoon und Multimillionär fügt an: „Er bringt auch Lebenserfahrung ein.“

Der Kanzlerbonus

Über Lebenserfahrung verfügen auch andere Altpolitiker, dennoch gelingt es wenigen, den Kanzlerbonus in bare Münze zu verwandeln. Gusenbauers Vorgänger Wolfgang Schüssel hat zwar als RWE-Aufsichtsrat ein gut bezahltes Mandat inne, sitzt aber hauptberuflich im Parlament. Viktor Klima fand erst im Ausland als VW-Chef in Argentinien sein Glück.

International schaffte den Sprung von der Regierungsbank Richtung Kapitalismus vor allem Ex-US-Präsident Bill Clinton bravourös: Er erwirtschaftete durch Buch-Tantiemen und Vortragshonorare über 100 Millionen Dollar. Der ehemalige britische Premier Tony Blair ist als Berater für Finanzhäuser tätig und kommt auf ein Jahresgehalt von umgerechnet 3,6 Millionen Euro. Dazu gab es einen Vorschuss für seine Memoiren von 5,5 Millionen Euro.

Im Vergleich dazu wirkt der Verdienst des deutschen Exkanzlers Gerhard Schröder fast bescheiden: Er soll als Aufsichtsrat und Redner auf ein Einkommen von 1,5 Millionen Euro im Jahr kommen.

Zurück in die Politik?

In diesen Ligen spielt Gusenbauer noch nicht mit. Das ganz große Geld scheint ihn nicht zu locken – auch wenn er sein Leben als Businessman sichtlich genießt.

Ausschließen will Gusenbauer nur eine Rückkehr in die österreichische Politik, nicht aber auf anderer Ebene. Einige Zeit war der langjährige SP-Chef als EU-Außenminister im Gespräch. Und spätestens wenn sein Handy läutet – und es klingelt oft –, wird man daran erinnert, dass sein Herz noch immer für die Politik schlägt. Auf seinem iPhone sind keine Börsenglocken zu hören, sondern die Schläge von Big Ben, dem ältesten Parlament der Welt …

– Miriam Koch

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