FORMAT-Interview: IV-Präsident
Veit Sorger zieht Bilanz

Der mächtige Präsident der Industriellenvereinigung räumt nach achtjähriger Amtszeit sein Büro am Wiener Schwarzenbergplatz. Für FORMAT zieht Veit Sorger Bilanz nach zwei Perioden als IV-Chef.

FORMAT: Beginnen wir Ihren Rückblick im Europa der Gegenwart: Soll Griechenland aus dem Euro ausscheiden?

Sorger: Man muss in Europa Solidarität zeigen. Es kann umgekehrt aber auch nicht sein, dass ein Land mit gerade 1,5 Prozent Anteil am europäischen BIP den ganzen Kontinent in Geiselhaft nimmt. Man soll bei der Unterstützung Griechenlands alles unternehmen, was möglich ist. Aber es kommt ein Moment, da ist zu sagen: Wenn die Griechen sich nicht mehr von uns helfen lassen wollen, dann helfen wir ihnen eben nicht mehr. Noch sehe ich diesen Punkt allerdings nicht gekommen.

FORMAT: Mit der Wahl von François Hollande zum französischen Präsidenten mehren sich europaweit die Stimmen, wieder stärker Wachstum durch die Aufnahme neuer Staatsschulden zu fördern. Auch in Österreich beginnt so eine Diskussion.

Sorger: Warten wir ab. Weder in Österreich noch in Europa kann ein weiteres Aufblähen des Schuldenapparates gut gehen. Man kann Wachstum einfach nicht dauerhaft über Schulden finanzieren. Ein Irrweg, den wir viele Jahre lang gegangen sind. Nachhaltiges Wachstum entsteht durch Investitionen des privaten Sektors, kurzfristiges Wachstum durch öffentliche Ausgabenerhöhung hat keinen Bestand.

FORMAT: Als Sie 2004 IV-Chef wurden, war die Welt anders: von Krise keine Spur, Wachstumsraten schienen einzementiert, der Euro war eine krisensichere Währung. Hätten Sie sich gedacht, dass derart bewegte Jahre bevorstehen könnten?

Sorger: Es wäre völlig vermessen, zu behaupten, irgendeiner hätte diese krisenhaften Schübe voraussehen können. Aber kaum ein anderes Land in Europa ist so rasch wieder aus der Krise gekommen wie Österreich.

FORMAT: Ihre Amtszeit lässt sich in zwei Hälften teilen - eine vor und eine in der Krise. Oder in eine mit schwarz-blauer, eine mit rot-schwarzer Regierung. Als Europa noch krisenfrei war, Schüssel mit Grasser regierte - war es da leichter, Chef eines Unternehmerverbandes zu sein?

Sorger: Wir haben heute eine andere Regierungskonstellation als damals, das ist zu respektieren. Die Industriellenvereinigung ist parteimäßig ohnehin niemandem verpflichtet, wir kooperieren mit jeder Regierung und allen, die infrage kommen. Vor zwei Wochen war etwa, wie bereits früher die Klubobleute anderer Parteien auch, Strache bei uns im Vorstand und hat uns seine wirtschaftspolitischen Vorstellungen präsentiert.

FORMAT: Navigiert die Regierung das Land gut durch die stürmischen Zeiten?

Sorger: Wir haben 2008 vor dem Szenario eines Abschwungs für eine große Koalition plädiert. Wir waren der Meinung, dass eine Vertretung auf möglichst breiter Basis Krisen besser bewältigen kann. Es hat sich gezeigt, dass wir Recht hatten. Seit letztem Sommer allerdings gibt es zweifellos ein hohes Maß an Unzufriedenheit durch die nicht vorhandene Entscheidungsfreudigkeit der Regierung.

FORMAT: Sie meinen die Diskussion um Sparpaket, Transparenz, Stabilitätspakt.

Sorger: Die ganzen Pakete und Gerechtigkeitsdebatten, die auf die Reise geschickt wurden, haben uns weniger gefallen. Aber wir haben ohnehin sehr deutlich darauf aufmerksam gemacht, dass ein Höchststeuerland wie Österreich sich mit so etwas nur selbst beschädigt.

FORMAT: Heute haben wir eine noch nie da gewesene Politikverdrossenheit. Was sagt da der scheidende Chef einer höchst politisch agierenden Institution?

Sorger: Dass wir ehrlich sein und festhalten sollten: Wir haben keine Politikverdrossenheit, sondern eine Politikerverdrossenheit. Die Bereitschaft, über Politik zu diskutieren, ist noch da. Man will aber verstärkt Lösungen auf dem Tisch sehen.

FORMAT: Was sagen Sie zur Lösungskompetenz von Kanzler und Vizekanzler?

Sorger: Ich beobachte zumindest mit einer großen Zufriedenheit, dass Bundeskanzler Faymann sich inzwischen wesentlich klarer zu Europa bekennt als am Anfang seiner Kanzlerschaft. Vizekanzler Spindelegger begibt sich mit seinem Wertekatalog jetzt auf einen Weg, mit dem ich mich weitgehend identifizieren kann.

FORMAT: Klingt, als würden Sie dem Duo Faymann/Spindelegger eine Zukunftschance einräumen.

Sorger: Jene Politiker sind zu respektieren, die eine feste Haltung repräsentieren. Denken Sie an den ehemaligen deutschen Bundeskanzler Schröder. Auch wenn so einer vielleicht eine Wahl verlieren mag - das Land gewinnt enorm.

FORMAT: Woran erinnern Sie sich sofort, wenn Sie Ihre achtjährige Amtszeit Revue passieren lassen?

Sorger: Daran, wie wir das Krisenszenario bewältigt haben. Der Schock war damals groß, dass man mit einer derartigen Geschwindigkeit Positionen verliert und in einem so hohen Maß mit Jobkündigungen konfrontiert ist. Das Gute war, wie wir alle darauf reagiert haben - Politik, Unternehmen und Gewerkschaft. Die Politik mit ihrem Bankenrettungspaket. Die Unternehmen gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern mit der Installierung der Kurzarbeit - nach entsprechendem Ringen. Diese Kombination aus überraschender Entwicklung und gemeinsamer Lösungskompetenz war für mich beeindruckend und ist bleibende Erinnerung.

FORMAT: Unter Ihrer Präsidentschaft wurde in der IV eine Machtverschiebung vollzogen. Früher hatten starke Generalsekretäre wie Fetzer oder Krejci das Sagen, Präsidenten mehr Repräsentationsaufgaben. Nun sind Sie der starke Mann nach außen, der Generalsekretär übernimmt eher interne Agenden.

Sorger: Da muss ich Sie korrigieren. Wir hatten zuletzt mit Markus Beyrer einen sehr starken Generalsekretär mit politischem Gewicht, das hat sich mit Christoph Neumayr fortgesetzt. Aber wenn ich eine Funktion übernehme, dann kümmere ich mich auch um deren Ausübung. An Repräsentation alleine bin ich nicht interessiert.

FORMAT: In den vergangenen Jahren gab es mit einem Wechsel im Präsidium meistens auch einen Wechsel im Generalsekretariat. Wie wird Ihr Nachfolger Georg Kapsch das handhaben, muss Neumayr bald um seinen Job bangen?

Sorger: Das kann ich nicht beantworten, zwischen Kapsch und mir wurde das nie besprochen. Aber es ist die Entscheidung jedes Präsidenten, sich seine Mitarbeiter auszusuchen.

FORMAT: Was könnte Ihren Nachfolger in den kommenden Jahren erwarten?

Sorger: Die Industrie der Zukunft sieht sicher anders aus als heute. Unsere Old Economy ist zwar vital und schlägt sich mehr als respektabel, aber Fabriken mit Schornsteinen wird es in dieser Form irgendwann nicht mehr geben. Investitionen in die Zukunft werden sich im Technologie- und Energiebereich abspielen. Da ein passendes Umfeld für Investoren zu schaffen und den attraktiven Standort Österreich zu erhalten ist eine große Aufgabe.

FORMAT: Wie sieht Ihre Zukunft aus?

Sorger: Das Taubenfüttern ist nicht meine Passion. Neben meinen Beteiligungen und Aufsichtsratsmandaten habe ich gewisse Vorstellungen, wie ich meine Kenntnisse einbringen möchte. Sie werden es zum gegebenen Zeitpunkt erfahren.

FORMAT: Werden Sie, als Thema nicht ganz unbelastet derzeit, auch Ihrem Hobby, der Jagd, verstärkt nachgehen?

Sorger: Das werde ich tun. Ich werde auch mein Golf-Handicap verbessern. Aber zunächst räume ich mein Büro und gehe auf Urlaub.

- Klaus Puchleitner

Dem Autor auf Twitter folgen:

Wegbereiter einer neuen Industrie

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Comeback der Krise?

Business

Comeback der Krise?

Innovation - der wichtigste Rohstoff

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff