EXKLUSIV: Der Volksbanken-Sektor wird runderneuert

Eine streng vertrauliche Restrukturierungsvereinbarung zwischen Republik und ÖVAG-Altaktionären gibt Einblick in die Neuordnung des gesamten Volksbanken-Sektors. FORMAT liegen die Details vor.

In den Büros der Finanzprokuratur in der Wiener Singerstraße 11 wird seit Dienstag fieberhaft am Vertragstext gearbeitet. Als Anwalt der Republik kommt Finanzprokurator Wolfgang Peschorn und seinem Team die heikle Aufgabe zu, die über Jahrzehnte gewachsenen Spielregeln im Volksbanken-Sektor gänzlich neu zu schreiben.

Betroffen von der Maßnahme sind das Spitzeninstitut ÖVAG und 58 lokale Volksbanken. Die Neuordnung wurde notwendig, weil die Republik Österreich seit kurzem Großaktionär der ÖVAG ist und die Bank bereits 700 Millionen Euro Staatshilfe vernichtet hat. Nächste Woche soll der fertige Vertrag zwischen Republik und ÖVAG-Altaktionären zur Unterzeichnung versandt werden. Rechtzeitig vor der ÖVAG-Hauptversammlung am 26. April, die den neuen - von der Republik dominierten - Aufsichtsrat wählt.

Kein Syndikat

Die streng vertraulichen Eckpunkte dieser sogenannten Restrukturierungsvereinbarung über die Zukunft der Volksbanken liegen FORMAT exklusiv vor. Integraler Bestandteil des Kontraktes ist der als Rabobank-Modell bezeichnete Haftungsverbund innerhalb des Volksbanken-Sektors. Zudem sicherte sich die Republik durch weitreichende Mitbestimmungsrechte hinsichtlich Managementauswahl und geschäftspolitischer Entscheidungen ab. Laut Papier wird ein Syndikat mit den regionalen Volksbanken bezüglich der Exit-Strategie der Republik kategorisch ausgeschlossen. Zwar werden strategische Entscheidungen innerhalb des Aktionärskreises besprochen werden. Doch der Staat will die ÖVAG-Altaktionäre künftig nicht um Erlaubnis bitten müssen, wann und in welcher Form er seine 44 Prozent an der ÖVAG abschichten wird.

Im Finanzministerium unter Maria Fekter werden mehrere Ausstiegsszenarien durchgespielt. Im Gegensatz zu den beiden Staatsbanken Kommunalkredit und Hypo Alpe Adria darf bei der "ÖVAG neu“ durchaus mit Kaufinteressenten gerechnet werden. Bis 2017 hat die Republik Zeit, ihre Anteile loszuwerden.

Im engen österreichischen Markt ist die ÖVAG laut Hannes Androsch zu klein, um allein reüssieren zu können. Der Vizepräsident der Banken-ÖIAG Fimbag spricht sich schon seit Jahren für eine staatlich gesteuerte Konsolidierung des Bankensektors aus. Ein heißes Eisen, das die letzten drei VP-Finanzminister aus Rücksicht auf die schwarzen Raiffeisen- und Sparkassen nicht angreifen wollten. Mit der ÖVAG als Staatsbank wird Finanzministerin Fekter um das Reizthema nicht mehr herumkommen.

Die charmanteste Option wäre sicher die Fusion der ÖVAG mit der im Eigentum des US-Finanzinvestors Cerberus befindlichen Bawag-PSK-Gruppe. Vor zwei Jahren standen die Verhandlungen schon knapp vor dem Abschluss. Die Wirtschaftsprüfer Deloitte und KPMG hatten bereits ihre Bewertungsgutachten fertig. Die Anwaltskanzleien Schönherr und Wolf Theiss hatten ihre rechtliche Due-Diligence-Prüfung abgeschlossen. Und die Investmentbanken Lazard Brothers, Goldman Sachs und Morgan Stanley wollten den Preispoker eröffnen. Doch dann sagten die "Kurienvertreter“ der Volksbanker "Njet“ - und der Merger war Geschichte.

Damals wollten die Volksbanken ihre Souveränitätsrechte nicht abgeben, die Gewährung von gegenseitigen Haftungen nicht zusagen und der Bawag den Zugang zu ihren Kunden und Spareinlagen verbieten. Weil die neue "Restrukturierungsvereinbarung“ mit dem Bund das alles explizit ermöglicht, wird die Idee einer "Volksbank für Arbeit und Wirtschaft“ aus dem Jahr 2010 nun wieder mit Leben erfüllt.

Damals wie heute würden sich Volksbanken und Bawag-PSK perfekt ergänzen, sowohl geografisch als auch geschäftlich. So sind die Volksbanken am Land und im KMU-Bereich sehr gut verankert. Die Bawag ist in der Bundeshauptstadt stark und bei Firmenkunden sehr gut aufgestellt. Beim Filialnetz gibt es kaum Überschneidungen. Kostensynergien würden in erster Linie die Zentralen treffen, also etwa Marketing, Produktentwicklung, Treasury oder Zahlungsverkehr. Massiver Jobabbau ist daher auszuschließen. Auch volkswirtschaftlich wäre ein Merger erstrebenswert. Das Interesse von Cerberus sei noch intakt, heißt es. Mit "vernünftigen Volksbankern“ rede man gerne.

Im Finanzministerium werden aber noch zwei andere Szenarien ausgetüftelt: einerseits der Verkauf an einen strategischen Partner aus dem Ausland, andererseits ein Zusammenschluss von Volksbanken- und Raiffeisensektor.

In Deutschland stehen die beiden genossenschaftlich organisierten Banksektoren bereits seit Jahrzehnten unter einem Dach. Im Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken sind 1.121 Kreditgenossenschaften sowie zwei Zentralbanken organisiert. Gemeinsam verwalten sie in 13.350 Bankstellen mehr als 520 Milliarden Euro Kundeneinlagen. In Österreich scheiterte ein Zusammenschluss bisher aus kulterellen Gründen, weil sich die beiden Genossenschaftslager spinnefeind sind. Der Druck von außen könnte der Vernunft zum Sieg verhelfen.

Hilfe von außen

Von jenseits der Grenzen könnte aber auch ein weißer Ritter kommen. Momentan sind die Geldhäuser Europas dabei, im eigenen Keller nach Leichen zu suchen. Risikopositionen werden ab- und Eigenkapitalpolster aufgebaut. In zwei, drei Jahren könnte das erledigt sein. Dann wäre die ÖVAG wohl für viele Auslandsbanken ein interessantes Ziel.

Geschäftspotenzial hat die "ÖVAG neu“ allemal. Nach dem Katastrophenjahr 2011, als die Bank 1,35 Milliarden Euro Rekordverlust baute und der Staat 700 Millionen Euro Partizipationskapital abschreiben musste, kann es nur noch bergauf gehen. Die Beteiligungen an Rumänien-Tochter und Leasing-Gesellschaft wurden komplett abgeschrieben und stehen mit einem Euro in den Büchern. Die Bilanz wurde so mit 880 Millionen Euro belastet. Hinzu kommen die Vorsorgen für Länderrisiken (337 Millionen Euro) sowie Kreditrisikovorsorgen und -wertberichtigungen (107 Millionen Euro). Das alles ist verdaut. Sollten sich die Märkte erholen, sind Buchgewinne zu erwarten.

Von Altlasten befreit

Die ÖVAG-Bilanz ist seit Jahresbeginn von gravierenden Altlasten befreit. Dass die ÖVAG künftig über den Haftungsverbund auf Kundeneinlagen von über 20 Milliarden Euro Zugriff hat, wird sich positiv auswirken. Besonders wertvoll: Trotz Finanzkrise und Rekordverlusten verfügen die Volksbanken über einen loyalen Kundenstock. Im Gegensatz zur skandalbehafteten Hypo Alpe Adria sind die Imagewerte der Volksbanken gut. Auch die sympathischen und erfolgreichen Skispringer ("Superadler“; "Mit V wie Flügel“) ziehen nach wie vor als Testimonials.

Ob Bawag-Fusion, Raiffeisen-Option oder Verkauf ins Ausland: Die strategischen Weichenstellungen passieren frühestens nächstes Jahr.

Im Moment wichtiger ist die Frage, wer die ÖVAG künftig managen wird. Die jüngere Bankgeschichte beweist, dass der ÖVAG-Kollaps nicht durch Skandale bewirkt wurde, sondern durch unfähige Manager wie Ex-General Franz Pinkl. Er kaufte nicht nur die (später schwer defizitäre) Investkredit samt der (später notverstaatlichten) Kommunalkredit um überteuerte 800 Millionen Euro, sondern steckt auch hinter der unkontrollierten Auslandsexpansion - in allen Fällen versagte er. Weil alles vor den Augen des Aufsichtsrats stattfand, steht fest, dass kein Volksbanker das Kontrollgremium mehr leiten darf.

Die Aufsichtsratsmandate richten sich nach den Anteilsverhältnissen. Mit 51 Prozent stehen den Volksbanken fünf von neun Aufsichtsratssitzen zu. Trotzdem haben andere die Zügel in der Hand. So wird das Kontrollorgan von Gertrude Tumpel-Gugerell präsidiert werden. Der ehemaligen Direktorin der Europäischen Zentralbank wird mit Ex-Bank-Austria-Vorstand Franz Zwickl ein Kapazunder zur Seite gestellt. Der wortgewaltige Hans Jörg Schelling vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger und Klaus Kumpfmüller von der Bundesfinanzierungsagentur ergänzen das einflussreiche Quartett.

Noch vor dem Sommer wird der Aufsichtsrat den neuen Vorstand bestellen. Tumpel und Zwickl favorisieren Michael Mendel. Der Deutsche war Aufsichtsratspräsident der Bank Austria, Vorstand der Hypo Vereinsbank und zuletzt Vizegeneral der ÖVAG. Dort arrangierte er die Bawag-Verhandlungen mit Cerberus und auch den Verkauf der Ostholding VBI sowie der Immotochter Europolis. Die fehlende Hausmacht im Volksbanken-Reich begrenzte seine Durchsetzungskraft. In der Bank wird er selbst vom kritischen Betriebsrat wegen seines Engagements sehr geschätzt.

Das Finanzministerium hingegen wünscht sich Stephan Koren als ÖVAG-General. Der stünde prinzipiell für den Topjob zur Verfügung, doch viel lieber würde er Wolfgang Duchatczek als Vizegouverneur der Nationalbank nachfolgen. Der VP-nahe Duchatczek könnte wegen seiner Verwicklung in die Banknotendruckerei-Affäre vorzeitig ausscheiden, heißt es. Korens Vorzüge: Als früherer Vizegeneral kennt er die Bawag-PSK-Gruppe und deren US-Eigentümer sehr gut - und er war immer loyal zur Partei.

Die ÖVAG-Vorstände Gerhard Wenzel und Wolfgang Perdich werden die Bank sicher verlassen. Der bei der Konkurrenz geschätzte Treasury-Vorstand Martin Fuchsbauer soll bleiben und Volksbanken-Delegierter Rainer Borns neu in den Vorstand kommen. Das sei nötig, um eine personelle Stabilität zu gewährleisten, heißt es. Doch damit enden auch schon die Zugeständnisse an die Volksbanken. Laut "Restrukturierungsvereinbarung“ steht fest, dass kein Stein auf dem anderen bleibt. Nur so wird die ÖVAG noch die letzte Kurve kratzen.

Bawag-Option: Der Merger als Exitstrategie

- Ashwien Sankholkar

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