"Eine Milliarde mehr Kredit bedeutet für mich als Bank 100 Millionen mehr Kernkapital"

"Eine Milliarde mehr Kredit bedeutet für mich als Bank 100 Millionen mehr Kernkapital"

FORMAT: Herr Rothensteiner, haben Sie ein Smartphone?

Walter Rothensteiner: Ja, ein iPhone. Warum?

Weil das Gerät das klassische Banking revolutionieren wird. Die Jungen brauchen keine Filialen, Berater etc. mehr, sondern nur das Smartphone. Ihr Job ist in Gefahr.

Rothensteiner: Langsam, langsam. Auch ich mache E-Banking übers iPhone, weil es eine sinnvolle Ergänzung zu traditionellen Bankservices ist. Das bedeutet nicht, dass andere Dienste obsolet werden.

Das "Mobile Banking“ wird als Megatrend im Bankgeschäft erkannt. Die Jugend wächst mit Google und Facebook auf und will dort Bankgeschäfte abwickeln. Teilweise passiert das schon in Südkorea. In Europa hat Google um eine Banklizenz angesucht. Das muss Sie doch beunruhigen.

Rothensteiner: Sie haben schon Recht, dass sich da etwas ganz Neues entwickelt. Zu Tode gefürchtet ist aber auch gestorben. Für unsere Branche ist die Veränderung nichts Fremdes. In den Siebzigerjahren musste ich viele Raiffeisen-Kollegen noch von der Sinnhaftigkeit eines Bankomaten überzeugen. Das braucht keiner, habe ich mir anhören müssen. Jetzt gibt es Bankomaten flächendeckend. Früher galt bargeldloses Zahlen als Privileg der Reichen. Heute zahlt fast jeder mit Karte und Code. Das Smartphone fügt sich in diese historische Betrachtung ein.

Keine Zukunftsängste?

Rothensteiner: Bei Raiffeisen fürchte ich mich am wenigsten, weil wir den höchsten Marktanteil im E-Banking haben. Wir haben früh erkannt, dass der Kunde das will. Wir erleben keine Revolution, aber auch keine Evolution, sondern irgendwas dazwischen. In diesem Bereich laufen Entwicklungen viel zu rasch ab, um als evolutionär zu gelten. Wir sind jedenfalls gewappnet.

Im Umkehrschluss bedeutet das wohl weniger Filialen und weniger Bankberater.

Rothensteiner: Die Filialen werden sicher nicht mehr so groß gebaut werden wie in den Siebzigerjahren. Persönliche Beratung wird weiterhin wichtig sein. Wenn es um Wohnraumfinanzierung, Pensionsvorsorge oder Wertpapiergeschäfte geht, brauchen Sie immer eine Bank. Wir werden noch viel stärker unseren Multichannel-Ansatz verfolgen und mehr Cross-Selling betreiben.

Wie geht’s Österreichs Banken?

Rothensteiner: Wir leben in einer Zeit, wo Einlagenzinsen so niedrig sind, dass die Spannen, die Banken erwirtschaften, immer geringer werden. Sie liegen viel niedriger als in den Jahren zuvor. Wir müssen sichtbar sparen, um Ergebnisziele einzuhalten. Obendrein werden wir von der Regierung mit einer substanzbezogenen Bankensteuer belastet, die wir den Kunden nicht weiterverrechnen dürfen.

Am Ende wird doch jeder Kostenanstieg den Kunden weiterverrechnet?

Rothensteiner: Am Ende muss es sich die Bank leisten können.

Oft weiß der Kunde doch gar nicht, was er alles an versteckten Bankgebühren zahlt.

Rothensteiner: Bei uns wird Transparenz großgeschrieben. Es wird keiner gezwungen, mit einer Bank zusammenzuarbeiten. Eine gute Beziehung basiert auf Vertrauen.

Hat nicht gerade das Vertrauen in den letzten Jahren besonders gelitten?

Rothensteiner: Bei Raiffeisen sehe ich das nicht. Wir machen da regelmäßig Umfragen. Daraus geht hervor, dass die Kunden zwischen Hausbank und Bank trennen. Der "Hausbanker“ ist gut, der "Banker“ aber böse. Wir sind "Hausbanker“.

Vergibt der "Hausbanker“ noch Kredite? Unternehmer klagen, dass es unmöglich ist, von den Banken Geld zu bekommen.

Rothensteiner: Das ist selektive Wahrnehmung. Die Bank entscheidet nicht allein, wer Kredit bekommt. Es muss auch einer da sein, der einen Kredit will. Bei der jetzigen Wachstumssituation ist es so, dass in vielen Fällen keiner Kredit braucht. Es steht mehr Geld zur Verfügung, als Kredite vergeben werden. Das Problem ist, wenn das Geschäft wieder läuft, dass es dann zu einem Kreditengpass kommen könnte.

Warum?

Rothensteiner: Weil die Eigenkapitalvorschriften die Neukreditvergabe bremsen. Eine Milliarde Euro mehr Kredit bedeutet für mich als Bank 100 Millionen Euro mehr Kernkapital. Das muss ich mir irgendwo herholen: von meinen Altaktionären, von der Börse etc. Momentan stellt sich die Frage nicht, weil wir gut aufgestellt sind, aber in der Zukunft sehe ich die neuen Eigenkapitalregeln schon als besondere Herausforderung. Unser geschäftlicher Spielraum wird deutlich eingeschränkt.

Wird das neue Eigenkapitalregime für Banken, Basel III, im neuen Jahr kommen?

Rothensteiner: Man hat so lange verhandelt, dass ich mir schwer vorstellen kann, dass das jetzt abgeblasen wird. Es wird im Laufe des Jahres 2013 passieren. Die Basel-III-Regeln werden dann im Europaparlament beschlossen, und danach werden die Umsetzungsschritte in den einzelnen Ländern eingeleitet werden.

Basel III zwingt die Banken, riskante Geschäfte viel höher mit Eigenkapital zu unterlegen, als das bisher der Fall war. Wie sind Österreichs Banken aufgestellt?

Rothensteiner: Sehr gut. Wir Großbanken, also Raiffeisen, Erste oder Bank Austria, haben derzeit einen Kapitalstand, den wir nach Basel III erst im Jahr 2017 brauchen würden. In der RZB liegen wir knapp über zehn Prozent. Das macht uns wenig Sorgen. Aber der Wust an Verordnungen und die zusätzliche Bürokratie sind ein Wahnsinn.

Auf einer Skala von null bis zehn - wie streng ist die derzeitige Regulierung des Bankensektors?

Rothensteiner: Wir sind derzeit sicher bei acht und auf dem Weg zu zehn.

Und wie war das vor fünf Jahren?

Rothensteiner: Ich würde sagen: sechs bis sieben.

Das klingt nach keinem dramatischen Sprung. Wieso leiden Sie so sehr?

Rothensteiner: Wir waren schon immer eine überregulierte Branche. In Österreich haben wir uns daran gewöhnt. Doch wir werden für die Fehler unserer US-Kollegen bestraft. Die Bürokratie wird immer schlimmer - und immer sinnloser.

Was ist besonders sinnfrei?

Rothensteiner: Unsere Bankengruppe ist in 17 Ländern unterwegs, und wir liefern monatlich 5.000 Seiten Statistik an die Behörden. Jetzt kann mir keiner erklären, dass die irgendein Beamter vernünftig auswertet. Ich wäre schon dankbar, wenn alle 17 Aufsichtsbehörden die gleichen Zahlen von uns wollen würden. Doch nicht einmal das ist der Fall.

Ein Plädoyer für die europäische Aufsicht?

Rothensteiner: Ich habe nichts gegen eine europaweite Bankenaufsicht. Ich würde das sogar befürworten. Doch wenn das System dann so ausschaut, dass neben den lokalen Aufsichtsregimen eine weitere Bürokratieebene aufgebaut wird, dann bringt das genau gar nichts.

Was halten Sie von der geplanten Bankenunion, die eine europaweit abgestimmte Aufsicht, Abwicklung und Einlagensicherung normieren soll?

Rothensteiner: Eine gemeinsame Aufsicht ist, wie gesagt, vernünftig. Eine geordnete Insolvenzplanung finde ich wichtig. Jedes Kreditinstitut sollte ein Bankentestament in der Schublade haben, aber wie im realen Leben nicht wöchentlich über den Tod diskutieren. Ich bin aber gegen eine gemeinsame Einlagensicherung. Wie kommt der italienische Olivenbauer dazu, für die Pleite einer französischen Bank zu haften? Das bringt nichts, außer sozialen Spannungen. Die Einlagensicherung funktioniert auf lokaler Ebene, wie man auch in Österreich sieht. Hier sind alle Spareinlagen sicher. Ich sehe daher keinen Grund, das zu ändern.

Zur Person
Walter Rothensteiner, 59, ist seit mehr als 30 Jahren in der Raiffeisen-Gruppe tätig. 2012 folgte seine Krönung: Er wurde zum Nachfolger von Christian Konrad als Raiffeisen-Generalanwalt gewählt. Rothensteiner ist seit 1995 General der RZB und sitzt in 15 Aufsichtsräten. Seine wichtigsten Mandate: Casinos Austria, Kurier Verlag, Kontrollbank, Lotterien, Leipnik-Lundenburger, Raiffeisenbank Bank International, Uniqa Versicherung und Wiener Staatsoper.

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