"Die nächste Krise kommt bestimmt"

Franz Josef Radermacher, Mitglied im Club of Rome und Vertreter der Ökosozialen Marktwirtschaft, über die Macht der Finanz und ihrer Lobby, die nächste Krise und die Gefahr eines Kollapses.

FORMAT: Die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers liegt dreieinhalb Jahre zurück, aus der Finanzkrise wurde eine Staatsschuldenkrise. Seit dem Schuldenschnitt und einem weiteren Hilfspaket für Griechenland scheint sich die Lage beruhigt zu haben. Ist die Krise vorbei?

Radermacher: Nein, denn die ursprünglichen Auslöser der Finanzkrise sind immer noch wirksam. Wir haben global eine asymmetrische Anhäufung von Wohlstand. Er konzentriert sich auf wenige Akteure, die grenzüberschreitend, in der Regel intransparent operieren und kaum Steuern bezahlen. Das geht nur, weil viele Bürger und in weiterer Folge die Staaten schlechtergestellt werden. Sie müssen am Ende die Schulden stemmen. Längerfristig ist das alles nur lösbar, wenn die Premium-Akteure auf dem Globus gezwungen werden, adäquat Steuern zu zahlen.

Wer sind diese Akteure?

Die Eigentümer von Schattenbanken und Investmentfonds; generell Menschen, die sehr große Vermögen verwalten. Diese Struktur lebt von dem Versprechen auf exorbitant hohe Renditen, die jedoch nur unter der Nutzung von Intransparenz, Steuervermeidung und asymmetrischer Information zu erzielen sind. Ökonomisch sind solche Renditen eigentlich unmöglich, außer sie entstehen auf Kosten von anderen. Ein Promille der Gesellschaft bereichert sich hier exorbitant – das ist das eigentliche Problem.

Die G20 gaben 2008 die Parole aus, dass kein Finanzprodukt und kein Finanzakteur unreguliert bleiben soll. Warum ist bisher so wenig geschehen?

Der große Teil der Versprechen wurde nicht eingelöst, auch wenn sich in Bezug auf die Steuerschlupflöcher in der Schweiz und Liechtenstein mittlerweile etwas tat. Letztlich ist es den großen Finanzmarktakteuren aber bisher gelungen, vor allem die Politik von Großbritannien und den USA zu instrumentalisieren und somit vernünftige Lösungen zu verhindern. In einer Einzeldemokratie sind solche Regulierungen nicht mehr durchsetzbar, weil die Finanzströme an diesen Staaten vorbeilaufen würden. Selbst wenn 70 Prozent der Staaten etwa bei einer Finanztransaktionssteuer mitmachten, reichte das nicht aus. Damit es zu adäquaten Regulierungen kommt, braucht es 90 Prozent oder mehr.

Nicht einmal die EU kann sich auf die Finanztransaktionssteuer einigen. Wie soll das weltweit gelingen?

Mit kleinen Schritten. Wenn es Europa gelingt, zu einer Lösung zu kommen, ist das zumindest ein Signal. Es zeigt, dass es möglich ist, die Finanzmächte besser zu regulieren. Mit Blick auf die nächste Krise wäre das eine wichtige Botschaft und ein Ausgangspunkt für Weiteres. Die nächste Krise kommt bestimmt.

Weil wir mit den Regulierungen nicht weiterkommen?

Weil wir die Staatsschulden nicht abbauen können, wenn wir die ökonomischen Prozesse weltweit nicht adäquat besteuern. Bauen wir ohne diese Steuern die Schulden ab, geht das zulasten von sozialer Ausgewogenheit und Wirtschaftswachstum. Uns fehlt das Geld für Investitionen in Ausbildung und Infrastruktur. Im Moment wird sich das nicht ändern. Wenn überhaupt, dann als Folge der nächsten Krise und adäquater politischer Reaktionen darauf.

Bedeutet das das Ende von Schattenbanken und riskanten Wertpapierderivaten, des „Kasinokapitalismus“?

Das Wort Kasinokapitalismus ist eigentlich eine Beleidigung von Kasinos, denn dort sind die Wahrscheinlichkeiten bekannt und nicht manipulierbar. Im intransparenten Bereich von Schattenbanken oder am Derivatemarkt spielt hingegen Insiderwissen eine zentrale Rolle und nützt den Insidern. Wir brauchen daher Regulierungen, um etwa Derivate so zu gestalten, dass ihre Existenz das Gemeinwohl fördert, statt es zu gefährden.

Sind Fragen der Verteilungsgerechtigkeit durch das ständige Staatenretten in den Hintergrund geraten?

Nein, dieses Thema ist sogar stärker im Fokus. Wir wissen heute aufgrund wissenschaftlicher Argumentationen, dass die soziale Ausgewogenheit der Gesellschaft besser wäre – aber wir haben nicht mehr die finanziellen Mittel dafür. Wir haben extrem viel Geld in Rettungsschirme gesteckt, aber der größte Teil davon fließt wieder an jene, die ohnehin über großen Wohlstand verfügen. Das heißt: Es ist weltweit genug Geld vorhanden, aber es gibt keinen Mechanismus, der es angemessen verteilen würde.

So lautet auch die Kritik von Occupy Wall Street. Können solche Bewegungen globale Veränderungen schaffen?

Grundsätzlich ja, aber dies setzt vieles voraus, das heute noch nicht gegeben ist. Die Occupy-Bewegung kann etwa nicht sagen, wie sie ihre Ziele erreichen will, weil dafür supranationale Koordination und erhebliche finanzielle Ressourcen notwendig wären. Ein weiteres Problem: Man kann nicht ewig demonstrieren, irgendwann muss man wieder Geld verdienen. Vielleicht wäre die Bewegung erfolgreicher, wenn mehr demonstriert würde – noch ist es zu wenig.

Wie hat sich unterdessen die Realwirtschaft entwickelt?

Am Ende des Tages geht es um die Realwirtschaft, die Finanzwirtschaft trägt katalytisch zur Wertschöpfung bei. Sie schafft allein keinen Wohlstand. Heute wird im Finanzsektor deutlich zu viel Geld verdient. In der Folge arbeiten dort sehr viele kluge Köpfe, die wir eigentlich in der Realwirtschaft benötigen, damit dort Innovationen entstehen und daraus vermehrter Wohlstand erwächst. Diese Innovationen müssen Fragen wie jene nach erneuerbaren Energien und Ressourcen für die Weltwirtschaft beantworten.

Hat uns die Krise in diesen Bereichen zurückgeworfen?

Die Krise hat uns auf der Bewusstseinsebene vorangebracht. Das ist positiv. Bezüglich des politisch Möglichen gilt leider das Gegenteil, vor allem deshalb, weil die hohe Staatsverschuldung die Handlungsfähigkeit der Politik reduziert.

In Ihrem 2007 erschienenen Buch „Welt mit Zukunft“ entwickeln Sie drei Szenarien für die Welt: den ökologischen und sozialen Kollaps; die „Brasilianisierung“, in der sich wenige Reiche die Ressourcen sichern, der Rest verarmt; und die ökologische und soziale Balance. Hat die Krise Ihre Szenarien verändert?

Sie hat die Gefahren verschoben: Wir wissen heute genauer, dass wir sozial und ökologisch nachhaltig wirtschaften müssen, aber es fehlt uns noch mehr die materielle Voraussetzung dafür. Was folgt insgesamt daraus? Was die Ökologie angeht, so werden durchsetzbare supranationale Abkommen erforderlich sein. Für derartige Abkommen gibt es bis heute keinen Konsens, weil Wachstum und Wohlstand für die Politik wichtiger sind als Klimaschutz. Wir müssen deshalb für eine Form von Wachstum sorgen, die gleichzeitig das Klima schützt. Nur so kann Balance gelingen.

ZUR PERSON: Franz Josef Radermacher, 62, Mathematiker und Wirtschaftswissenschaftler, ist Professor für Datenbanken und Künstliche Intelligenz an der Universität Ulm. Er tritt für die Ökosoziale Marktwirtschaft und eine gerechtere Globalisierung ein. Das Mitglied der Global Marshall Plan Initiative kommt auf Einladung von SOT Süd Ost Treuhand Graz und Libertas Treuhand Wien zu einer Podiumsdiskussion: „Entwirrung von Real- und Finanzwirtschaft“, 26. März 2012, Kontrollbank, Wien. Infos: zeller@spa.co.at

Das Interview führte Martina Bachler

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