Die Ignoranz der Reichen

Die Ignoranz der Reichen

Reiche lügen und betrügen eher - und werden blind für die Probleme anderer.

Eine viel befahrene Straßenkreuzung wie unzählige andere in Kalifornien, nahe der US-Eliteuniversität Berkeley. Auf einer Bank vor einem kleinen Supermarkt sitzt ein Forschungsteam und beobachtet den Verkehr. Es notiert, welche Autos beim Stoppschild stehen bleiben und welche nicht. Welche Fahrer noch einmal richtig aufs Gas steigen, wenn ein Fußgänger schon fast auf dem Zebrastreifen steht. Nach fast drei Monaten stellen die Forscher fest: Die, die sich nicht an die Regeln halten, die andere Autos und Fußgänger schneiden, haben eine Gemeinsamkeit: Sie fahren die teuersten Autos.

Das Experiment ist eines von vielen, die Soziologen und Psychologen in den vergangenen Jahren durchgeführt haben, um einer noch nicht großflächig untersuchten Frage nachzugehen: Wie wirken sich Reichtum und ein höherer sozialer Status auf das Verhalten von Menschen aus? Anders gefragt: Sind Reiche wirklich so, wie es ihnen die Allgemeinheit gerne unterstellt? Also egoistischer, gieriger und blinder für die Probleme derer, denen es nicht so gut geht?

Arm und Reich

Die Forscher treffen mit diesen Fragen einen Nerv. Weltweit driften Gesellschaften auseinander. Die Allgemeinheit schultert Sparpakete, während die Wohlhabendsten selbst in der Krise reicher wurden. Bewegungen wie Occupy Wall Street oder die "Indignados“ in Spanien protestieren gegen Chancenungleichheiten von Arm und Reich, allerorts werden Vermögenssteuern und Solidarität gefordert.

In so einer Stimmung sind Fragen nach dem Verhalten und der Psyche von Reichen natürlich brisant. Und das sind auch die Ergebnisse: Rund 30 Studien hat das Team rund um Paul Piff am Psychologie-Institut an der Universität Berkeley zu diesem Thema bisher durchgeführt, und auch die Arbeiten an weiteren US-Universitäten deuten darauf hin, dass Reichtum und Status Menschen weniger menschlich macht. "Generell führen diese Faktoren eher zu Eigennützigkeit, Selbstsucht und zu unmoralischem Verhalten“, so Piff. Umgekehrt seien Armut und ein niedrigerer sozialer Status Indikatoren dafür, dass Menschen sich generös verhalten, sich an Regeln halten und Mitgefühl zeigen. Das muss nicht bei jedem so sein, betont Piff, aber die Tendenz dazu bestehe.

Reiche sind demnach nicht nur rücksichtsloser beim Autofahren, sondern sie nehmen sich auch mehr Süßigkeiten, von denen sie wissen, dass sie eigentlich für die Kinder bestimmt sind (siehe rechts). Sie schwindeln, lügen und betrügen häufiger, sie zweigen eher Dinge für sich ab, die der Allgemeinheit gehören.

Reiche sind also nicht nur reich, sehen laut Studien besser aus, haben eine bessere Ausbildung und nachgewiesenermaßen weniger Depressionen. Sie sind auch böser. Aber woran liegt das?

Das ist nicht ganz einfach zu sagen. Es spielt etwa keine Rolle, wie die Versuchsteilnehmer zu Reichtum gekommen sind. Auch die Höhe des Vermögens ist nicht ausschlaggebend. Denn weil "reich“ ein relativer Begriff ist, der sich schwer mit einer Summe festlegen lässt, haben die Forscher zu einem Hilfsmittel gegriffen. "Allein jemandem zu sagen, er sei reicher als andere, verändert sein Verhalten“, beobachtete Piff. Selbst Menschen mit einem geringen Einkommen verhalten sich egoistischer und entscheiden selbstbezogener, wenn man ihnen Reichtum einfach nur unterstellt oder ihn für einen späteren Zeitpunkt in Aussicht stellt. Piff geht davon aus, dass das nicht nur für die USA gilt, sondern auch für andere Kulturen. Belege dafür fehlen aber noch. Überhaupt steht die Psychologie in diesen Forschungsfragen erst am Anfang.

Gier ist nicht gut

Die jüngsten Ergebnisse deuten aber darauf hin, dass das Diktum von der Gier, die gut sei, weil sie eine Gesellschaft voranbringe, nicht stimmt. Zumindest dann nicht, wenn sie nur Reichtum zum Ziel hat. Von Gier getriebene Menschen neigen dazu, moralische Prinzipien aufzugeben. Erst vor wenigen Wochen bestätigte das eine Studie der US-Anwaltskanzlei Labaton Sucharow: Von 500 Topmanagern aus den USA und Großbritannien sagte jeder vierte, er müsse sich unmoralisch verhalten und teils zu illegalen Mitteln greifen, um erfolgreich zu sein.

Einige Menschen glauben, dass gerade dieses Verhalten überhaupt erst zu Erfolg und Reichtum führt. Unter den Sozialforschern ist das allerdings umstritten. Denn schon allein das Denken an den Besitz von Geld, ohne sich aktiv darum zu bemühen, lässt Menschen offenbar alles andere ausblenden. Das zeigt etwa Kathleen Vohs an der University of Minnesota: Nach Scheininterviews mit Probanden ließ sie ihre Assistentin ins Zimmer kommen, um eine Packung Bleistifte zu holen, die sie auf den Boden fallen ließ. Jene Probanden, mit denen sie zuvor über Geld gesprochen hatte, hoben wesentlich weniger Bleistifte auf als jene in der Kontrollgruppe. "Menschen, die an Geld denken, werden dadurch nicht böse“, sagte die Forscherin im "New York Times Magazine“, "eher werden sie ein bisschen autistisch, die Bleistifte sind dann einfach nicht ihr Problem.“ Ähnliche Tendenzen stellte auch Ueli Mäder von der Universität Basel fest, der die Wohlhabenden Basels untersuchte. "Gerade wer sich nur in Reichenghettos bewegt, kann unempfänglich werden“, so Mäder.

Forscher in Berkeley wiederum wiesen nach, dass reichere Studenten wesentlich weniger emotional auf Spendenaufrufe für krebskranke Kinder reagieren. Dass ärmere Schichten im Verhältnis zu ihrem Einkommen auch wesentlich mehr spenden und anderen wesentlich öfter Hilfe anbieten, ist ohnehin bekannt.

Den Ergebnissen zum Trotz ist der Psychologe Paul Piff zuversichtlich, dass die Gesellschaft nicht auseinanderbricht und es Möglichkeiten gibt, die Empathie von Reichen zu fördern. Piff: "Unsere Experimente zeigen, dass das klappen kann.“

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