Die Macht des Orakels

Die Macht des Orakels

Was uns Wirtschaftsweise und andere Propheten wirklich sagen können.

Das Orakel von Delphi gab Herrschern und anderen Ratsuchenden vorwiegend kryptische Aussagen mit auf den Heimweg. Angeblich erfüllten sich die Prognosen über kurz oder lang, auch wenn dies den Betroffenen meist wenig geholfen hat – siehe Ödipus, siehe Pyrrhus.

Auch wir befragen regelmäßig die modernen Ableger des griechischen Orakels: Die Wirtschaftsforscher müssen zwar konkrete Zahlen vorlegen, doch in ihren allgemeinen Aussagen bleiben sie ähnlich vage wie die Mitarbeiter von Delphi. Kein Wunder: Ökonomen sind nur Menschen und keine Hellseher – das sagte der Chef des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts dieser Tage in einem Interview. Dennoch haben Wirtschaftsweise und -weissager derzeit Hochkonjunktur; und wenn sie niemand nach ihrer Meinung fragt, dann geben sie diese eben ungefragt weiter. Der Offene Brief deutscher Wirtschaftwissenschaftler ist ein Beispiel dafür. Kritisiert wird dieser etwa von Alexander Van der Bellen in einem FORMAT-Interview: „Ich halte das Schreiben für ziemlichen Schwachsinn“, sagt der Grünen-Politiker, selbst Ökonom.

In der Krise praktisch unmöglich

In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass Wirtschaftsforscher selten korrekte Prognosen anstellen. Gerade in Krisenzeiten ist es tatsächlich fast unmöglich, auch nur die kurzfristige Konjunkturentwicklung vorherzusagen. Kein Wunder also, dass alle paar Wochen die Zahlen zu BIP, Arbeitslosigkeit, Defizit und so weiter korrigiert werden müssen; die Prognosekorrektur ist mindestens so wichtig wie die Prognose selbst. In Österreich kommen Wifo und IHS mit dem Korrigieren kaum nach. Natürlich ist es heute leicht, zum Beispiel auf deren Prognosen für das BIP-Wachstum 2010 und 2011 zu verweisen, das dann deutlich darüber lag. Es gab und gibt einfach zu viele Unsicherheitsfaktoren.
Anscheinend sind Konjunkturprognosen nicht allzu zuverlässig (etwas, das sie mit den Aktienanalysen der Banken gemeinsam haben). Das können wir aber nicht den Forschern anrechnen, die ja auch stets auf die Unsicherheitsfaktoren hinweisen. Fragen sollten wir uns lieber, wer mit solchen Prognosen was bezwecken will. So wird die Mieselsucht in der Wirtschaftsweissagung oft genug in der Politik eingesetzt, etwa von den so genannten Protestparteien. Oder auch bei den Verhandlungen um neue Löhne, denn wenn man damit rechnen muss, dass die Wirtschaft schwächelt, sind die Arbeitnehmer nicht allzu fordernd.

Enge Grenzen der Wissenschaft

Unseriös sind nicht die Wirtschaftsforscher – zumindest nicht jene, die innerhalb der Grenzen ihrer Wissenschaft bleiben und sich nicht auf das gefährliche Feld der Politik oder gar der Polemik begeben. Denn Wissenschaftler neigen dazu, eine Sache stets nur aus der einen, nämlich ihrer Perspektive zu betrachten. Doch wer Wirtschaft, Gesellschaft und Staat einzig aus dem Blickwinkel von BIP, Inflation und Verschuldung sieht, vergisst eventuell auf die Folgen für die Menschen – siehe Griechenland, siehe Spanien, siehe Italien. Es kommt daher mehr denn je auf Politiker mit Verantwortungsbewusstsein an, hier die Grenzen deutlich zu machen – nicht leicht angesichts der populären Politikerschelte und Politikmüdigkeit, wie sie derzeit geschürt wird.

Das Orakel heute

Am Eingang zum Orakel von Delphi soll übrigens folgender Spruch gestanden haben: „Erkenne dich selbst!“ Damit war gemeint, dass man sich selbst kennen müsste, um zur Wahrheit zu gelangen. Das stimmt noch heute. Aussagekräftiger als die Prognosen selbst ist der Umgang mit ihnen.

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Robert Prazak

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