Neue Hintergründe zum Telekom-Skandal

Alfons Mensdorff-Pouilly wurde wegen millionenschwerer Telekom-Provisionen von der Polizeistundenlang verhört. FORMAT zitiert exklusiv aus den brisanten Einvernahmeprotokollen.

Acht Stunden wurde Alfons Mensdorff-Pouilly im Herbst 2011 in die Mangel genommen. Zwei Staatsanwälte und ein Antikorruptionsermittler mit der Codenummer „BAK 86“ knöpften sich den Ehemann von Ex-VP-Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat vor. Im Zentrum des in der Wiener Herrengasse durchgeführten Verhörs stand die Rolle von „Graf Ali“ im Telekom-Sumpf. Der konkrete Verdacht dreht sich um Millionenprovisionen, die er bei der Vergabe des Behördenfunkauftrags im Jahr 2004 kassiert haben soll. Die Auftragserteilung erfolgte unter VP-Innenminister Ernst Strasser. Ob politische Parteien profitierten, untersucht nicht nur die Justiz, sondern auch der neue Korruptions-Untersuchungsausschuss im Parlament.

Das streng vertrauliche Mensdorff-Verhörprotokoll sowie ein Tetron-Dossier der Antikorruptionsbehörde BAK liegen FORMAT nun exklusiv vor. Bislang wurden die brisanten Dokumente vom VP-geführten Innenministerium zum Staatsgeheimnis erklärt – zu Mensdorff-Pouillys Schutz. Denn die Dokumente zeigen in erschreckender Weise, wie Mitglieder des siegreichen Tetron-Konsortiums den VP-nahen Waffenlobbyisten mit Geld überschütteten. Tetron-Mitglieder waren damals die Telekom Austria, der US-Funkgerätehersteller Motorala und der IT-Dienstleister Alcatel-Lucent – und sie alle zahlten (siehe Substory ).

„Ich hatte niemals Aufträge zum Themenbezug Tetron, weder für/von der Telekom noch für eine andere Firma“, sagt Mensdorff in seiner Einvernahme und weist alle Verdächtigungen kategorisch zurück. Die Weste des leidenschaftlichen Jägers, hauptberuflichen Landwirts und Nebenerwerbs-Lobbyisten ist blütenweiß, betont sein Anwalt. „Auf Nachfrage, ob ich jemals Aufträge von/für Vergaben aus dem Bereich Bundesministerium für Inneres hatte, gebe ich an, dass dies niemals der Fall war.“ Die Beamten bezweifeln das. Ermittlungen in den USA und in Österreich lassen das Gegenteil vermuten.

2 Millionen Euro von Motorola für Mensdorff

Vom US-Konzern Motorola sollen über Umwege mehr als zwei Millionen Euro bei Mensdorff gelandet sein. Und die Telekom Austria zahlte im großen Stil: Von 30. Juli bis 22. Dezember 2008 fakturierte Mensdorffs Firma MPA Budapest sieben Rechnungen und kassierte in Summe 1,1 Millionen Euro. In der Telekom Austria ist dafür keine konkrete Gegenleistung dokumentiert, daher wurde der Fall beim Staatsanwalt angezeigt.

Belanglose Gespräche

Im Kreuzverhör kann Mensdorff die Zahlungen nicht plausibel erklären. Sein Telekom-Kontakt sei der selbst unter massivem Korruptionsverdacht stehende Vorstandsdirektor Rudolf Fischer gewesen. Die Geschäftsbeziehung startete 2005, so Mensdorff, also kurz nach der Tetron-Vergabe. „Mit Fischer vereinbarte ich – im Rahmen belangloser Gespräche –, dass ich die Telekom mit potenziellen Personen zusammenbringen würde.“

Ob er seine Leistungen belegen könne, fragten die Ermittler. „Dies ist zwar kein leichtes Unterfangen, weil mir bei sämtlichen meiner Geschäfte immer die Verpflichtung aufgetragen wurde, am Abschluss des Geschäftes alle Unterlagen zu vernichten.“ Er sei jedoch bereit, „meine konkreten damaligen Tätigkeiten für die Telekom aus den Jahren 2005 bis dato in Form eines Gedächtnisprotokolles“ zu übermitteln, meint er keck. Die meisten Aufträge seien aber ohnedies mündlich erledigt worden.

Wieso seine Honorare erst ab 2008 bezahlt wurden, erklärt Mensdorff-Pouilly so: „Ich sprach Fischer darauf an, dass ich nun drei Jahre ohne Bezahlung für die Telekom tätig war und durch meine Tätigkeit die Telekom viel Geld gespart hat. Ich habe der Telekom zum Beispiel ausgeredet, für gewisse Unternehmen zu bieten, weil ich es für aussichtslos hielt. Ein Beispiel fällt mir gerade nicht ein, aber wahrscheinlich weiß es Fischer, weil es sein ‚Geschäft‘ war. Fischer meinte, er werde nachdenken. Ich sagte aber, ich werde für die Telekom nichts mehr machen, bis er bezahlt.“ Mit Erfolg: Fischer akzeptierte Scheinrechnungen, die Telekom zahlte.

„Wenn ich gefragt werde, warum ich nicht einfach eine Honorarnote legte: Ich verlangte nie dezidiert, für einzelne Aktionen abgerechnet zu werden, zumal Fischer mich oft auf später vertröstete.“ Warum Fischer so agierte? „Er (hatte) schon viele Berater auf der Payroll. Bei einem weiteren hätte er Telekom-intern Probleme bekommen. Ich denke, dass Fischer nie seinen Mitvorständen sagte, dass ich für die Telekom tätig war.“

Tatsächlich schrieb Fischer seinen Freund Ali beim Telekom-Projekt „Alpha“ auf die Beraterliste. Laut Mensdorff handelte es sich Telekom-intern um das „wichtigste Projekt, um neue Festnetzanbieter in Osteuropa zu erwerben“. Mensdorffs Aufgabe: Übernahmekandidaten suchen. „Warum die Telekom nicht einfach jemanden aus der internen M&A-Abteilung beauftragte? Ich muss erwähnen, dass ich über Freunde schon Kontakte vor Ort herstellen konnte. Ich weiß, dass ich nach Sommer 2008 mit dem Projekt fertig war.

September 2008 war Fischer plötzlich in Pension. Mein Gesprächspartner war dann Günther Schieszler, und im Oktober 2008 meinte der, wir bräuchten Projekt Alpha nicht mehr“ (Mensdorff-Protokoll). Der neue Telekom-Boss Hannes Ametsreiter musste sich um die Mobilkom-Übernahmen in Bulgarien und Weißrussland kümmern, wo Martin Schlaff – das „rote“ Pendant zum „schwarzen“ Mensdorff – mitmischte. „Ob Ametsreiter Kenntnis von meiner Beteiligung am Projekt Alpha hatte“, wird er gefragt. „Das nehme ich an. Direkt hat Schieszler das zu mir nie gesagt, ich nahm es aus dem Konnex heraus an.“

Sein Spitzenhonorar von 1,1 Millionen Euro für fünf Monate Arbeit erklärt „Graf Ali“ so: „Ich schätzte unter Bedachtnahme auf Projekt Alpha meinen Zeitaufwand auf 2.000 Stunden. Befragt nach Listen über Unternehmen, die ich geprüft hatte: Die habe ich vernichtet, nachdem die Telekom den Bericht nicht mehr wollte. Der Telekom habe ich in der Sache Projekt Alpha weder einen Endbericht noch Unterlagen übergeben, weil es keiner mehr wollte.“

Das ist jetzt anders. Tetron-Konnex hin oder her, für Mensdorff wird es eng: Sollte er keine Belege liefern, erhärtet das den Untreueverdacht. Und weil nicht alles in Österreich versteuert wurde, droht ihm nun sogar ein Finanzstrafverfahren.

– Ashwien Sankholkar

"Es werden sicher noch viele Fälle im Ausmaß eines Telekom-Skandals aufgedeckt"

Telekom

"Es werden sicher noch viele Fälle im Ausmaß eines Telekom-Skandals aufgedeckt"

Causa Telekom: Cash für Colombo

Telekom

Causa Telekom: Cash für Colombo