Die Verfolgung der Medici: Strafanzeige gegen Sonja Kohn und Bank Medici erstattet

Der US-Betrugsfall Madoff mutiert zum Wiener Wirtschaftskrimi. Bank-Medici-Gründerin Sonja Kohn wird des Betrugs verdächtigt. Die Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Wien liegt FORMAT exklusiv vor.

Dieser Artikel wurde im FORMAT (Printmagazin) 2009 publiziert

Die Wirtschaftsgruppe der Staatsanwaltschaft Wien stöhnt unter chronischer Überlastung. Die Spezialeinheit unter der Leitung von Karl Schober kämpft sich mit Mühe durch den Constantia-Immofinanz-Komplex, die Meinl-Affäre und den Siemens-Schmiergeldsumpf. Zehn Köpfe zählt die Truppe. „Wir brauchen mindestens fünf Personen zusätzlich“, sagt Behördensprecher Gerhard Jarosch. „Wenn wir die nicht bekommen, dann könnte es beim nächsten großen Kriminalfall eng werden.“

Erste Strafanzeige
Die Belastbarkeit der Wirtschaftsgruppe dürfte schon bald getestet werden. Denn am Dienstagnachmittag landete ein brandheißer Fall auf Schobers Schreibtisch: Der Wiener Rechtsanwalt Gabriel Lansky brachte „namens derzeit anonym bleibender Mandanten“ die erste Strafanzeige gegen die Bank Medici und deren Mehrheitseigentümerin Sonja Kohn ein. In der FORMAT exklusiv vorliegenden Sachverhaltsdarstellung wird Kohn – und vier weiteren Personen – vorgeworfen, die Paragrafen 146 („Betrug“) und 153 („Untreue“) des Strafgesetzbuches verletzt zu haben. Für alle gilt die Unschuldsvermutung.

Madoff-Verlierer Medici
Damit mutiert die spektakuläre US-Betrugsaffäre Madoff zum Wiener Wirtschaftskrimi. Kurze Rückblende: Vor Weihnachten legte der Wall-Street-Broker Bernard Madoff vor der US-Bundespolizei FBI ein Geständnis ab: Unfassbare 50 Milliarden Dollar Investorengeld seien von ihm über eine Art Schneeballsystem und über viele Jahre hinweg verpulvert worden. Der Skandal sorgte weltweit für Schlagzeilen. Mit ein Grund dafür war die prominente Liste der Geschädigten: Der Filmemacher Steven Spielberg, die karitative Eli-Wiesel-Stiftung oder internationale Großbanken wie HSBC, Société Générale oder Banco Santander – sie alle hatten Madoff uneingeschränkt vertraut. Auch die Wiener Bank Medici zählte zu den großen Verlierern: Über ihre Fonds-Vehikel Primeo, Herald und Thema soll sie rund 3,5 Milliarden Dollar zu Madoff geschleust haben. Das Geld ist futsch.

Verärgerte Russen und Ukrainer  
„Sonja Kohn benutzte die Bank Medici als einen Nobelvertrieb für die Madoff-Schein-Fonds“, heißt es in der Strafanzeige. „Sie beschaffte Anleger für Bernard Madoff, die großes Vertrauen in sie setzten, wobei sie denen nie mitgeteilt hatte, dass ihre Gelder an Madoff flossen. Mit ihren reichen Kunden war sie in Europa die Geld-Pipeline zu dem Schneeballsystem von Bernard Madoff“, so steht es in dem Papier von Advokat Lansky. Der vertritt derzeit sechs Medici-Privatkunden aus Israel, Russland und der Ukraine, die gemeinsam rund 80 Millionen Euro verloren haben. Seinen Mandanten wurde laut Anzeige übel mitgespielt: „Die Fonds wurden den Anlegern von Sonja Kohn als Low Risk Fonds und absolut ‚mündelsicher‘ verkauft. (…) Sie wurden ebenso wenig über den Umstand aufgeklärt, dass Investitionen ausschließlich für institutionelle Anleger vorgenommen werden können und daher die einzelnen Anleger nicht direkt Anteilseigner der Fonds geworden sind, sondern die Bank Medici als Anteilseigner in den Fonds registriert wurde.“ Die gewählte Konstruktion verhindert nun, dass Lanskys Klienten direkte Rechtsansprüche gegen die Madoff-Fonds geltend machen können.

Bombengeschäft für Kohn
Was geprellten Medici-Kunden ebenfalls bitter aufstößt: Während sie Millionen Euro verloren haben, war die Vermittlung von Madoff-Fonds für die 60-jährige Lady ein Bombengeschäft. Im Medici-Jahresabschluss 2007 findet sich zwar nur ein Bruchteil der Provisionen: 8,2 Millionen Euro sind für die „Vermittlung von Investoren“ für die Fonds Herald, Primeo und Thema ausgewiesen. Tatsächlich verdiente Kohn viel mehr. Zitat aus der Anzeige: „Sonja Kohn gab den Anlegern ebenso wenig bekannt, dass der Investmentmanager des Fonds Herald USA, die „Herald Asset Management Ltd.“ mit Sitz auf den Cayman Islands, sich zu 100 Prozent in ihrem Eigentum befindet und sie daher nicht nur Provisionen für den Abschluss der Fondsbeteiligungen erhielt, sondern darüber hinaus auch jährlich zwei Prozent Managementgebühr sowie zehn Prozent Performancegebühr für sich selbst über dieses Investmentvehikel einnahm. Mit dem Vertrieb der Madoff-Fonds kassierte Kohn jährlich 50 Millionen Dollar. Ihre Provisionen flossen überwiegend in die Schweiz.“ Nachdem Madoff in seiner FBI-Einvernahme von Luftgeschäften sprach, dürfte es Kohn schwerfallen, das einbehaltene Geld für die Performance zu rechtfertigen. Lansky: „Eine Gebühr für etwas zu kassieren, das nicht existiert hat, ist absurd.“ Dass Investoren nun kassierte Provisionen einklagen, dürfte nur eine Frage der Zeit sein.

Klagswütige Anwälte
Mit der neuen Strafanzeige erreicht die längst angelaufene Verfolgung der Medici einen vorläufigen Höhepunkt. Der Prozessfinanzierer Advofin sammelt bereits eifrig Beschwerdebriefe. Advofin-Chef Franz Kallinger: „Über 200 geschädigte Personen haben sich bereits bei uns gemeldet. Die haben zwischen 50.000 Euro und 700.000 Euro verloren.“ Auch der gefürchtete Exjustizminister Dieter Böhmdorfer engagiert sich in der Causa Medici und ist nun dabei, prominente Bankaufsichtsräte wie Exfinanzminister Ferdinand Lacina mit Klagen einzudecken. Bei den großen Geldhäusern ist am meisten zu holen. Zumal sie offenkundig ihre Pflichten verletzt haben. An vorderster Stelle steht die HSBC Bank. Der britisch-chinesische Bankriese fungierte als offizielle Depotbank für Kohns Madoff-Vertriebssystem. Im Verkaufsprospekt des Herald-Fonds vom März 2008 heißt es unmissverständlich, dass die Depotbank „etwaige Unterverwahrer angemessen beaufsichtigen und von Zeit zu Zeit Erkundigungen einholen“ muss. HSBC machte Madoff zum „Subcustodian“, der unbeaufsichtigt walten konnte, und verheimlichte diese Informationen vor den Investoren.

Betrugs- und Untreue-Vorwürfe
„Unserer Ansicht nach handelte die HSBC pflichtwidrig“, sagt Matthias Schröder von der Frankfurter Rechtsanwaltskanzlei LSS Leonhardt Spänle Schröder. Er prüft Klagen gegen HSBC und Bank Medici. Letzterer wirft er die Beauftragung Madoffs als Investmentmanager vor. Schröder: „Das geschah still und heimlich.“ Diese Info wäre publizitätspflichtig gewesen.
Sonja Kohn dürfte gute Gründe gehabt haben, die Madoff-Connection nicht offenzulegen. Die Hintergründe will Kohn gegenüber FORMAT nicht kommentieren. Dasselbe gilt für die in der Strafanzeige formulierten Betrugs- und Untreue-Vorwürfe: „Sonja Kohn bediente sich der zentralen Strategie, Beschaffer von Anlegern der Madoff-Fonds zu sein, um das betrügerische ‚System Madoff‘ aufrechtzuerhalten. Sie war somit nicht nur Mitentwickler der Madoff-Fonds, sondern auch deren Feeder Fonds.“ Also ein Fonds, dessen einziger Zweck in der Kapitalbeschaffung für Madoff lag. Bank-Medici-Sprecherin Carolin Treichl: „Wir kennen die Strafanzeige nicht, daher können wir dazu keine Stellungnahme abgeben.“

Dieser Artikel wurde im FORMAT (Printmagazin) 2009 publiziert

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