"Es gibt keinen Europäer, der über mein Fachwissen verfügt"

Die Freundschaft zum damaligen Finanzminister Karl-Heinz Grasser und neue brisante Aussagen vor Gericht bringen den prominenten Investmentbanker nun in Erklärungsnot.

In New York gilt Karlheinz Muhr als angesehener Assetmanager. Der polyglotte Investmentbanker verwaltet das Vermögen von privaten Pensionsfonds und reichen Amerikanern. Über einen "Due-Diligence-Prozess, der auch im Internet durchgeführt wird“ (Muhr), steht er unter permanenter Beobachtung. Denn die Investoren sind seit Auffliegen der Betrugsaffäre rund um den US-Broker Bernard Madoff besonders vorsichtig geworden. Mit Skandalen in Verbindung gebracht zu werden ist für Muhr nicht nur schlecht fürs Image, sondern pures Gift fürs Geschäft.

Seit Herbst 2009 ist Muhr auch immer wieder mit bösen Vorwürfen konfrontiert. Damals flog die Buwog-Affäre rund um die Privatisierung von rund 60.000 Bundeswohnungen im Jahr 2004 auf. Karl-Heinz Grasser war damals der für den Buwog-Deal verantwortliche Finanzminister, und seine Freunde Peter Hochegger, Walter Meischberger und Ernst Plech kassierten 9,6 Millionen Euro Buwog-Lobbyingprovisionen. Auch KHG soll mitgeschnitten haben. Die Freundschaft mit KHG und ein Subauftrag der Investmentbank Lehman Brothers - sie war Verkaufsberater des Finanzministeriums beim Buwog-Deal - rückten Muhr ins Zentrum der Investigationen. Muhr wurde zwar nie als Beschuldigter geführt. Doch vor Richter und Staatsanwalt musste er immer wieder als Zeuge aussagen.

Merkwürdiger Beratervertrag

Ein Auftritt am Wiener Handelsgericht als Kläger in einem Zivilverfahren bringt Muhr nun in die Bredouille. Dort wurde er am 9. Jänner 2012 von Richter Franz Kulka unter Wahrheitspflicht einvernommen. Seine Aussage bringt ihn nicht nur in Erklärungsnot, sondern könnte auch seiner Reputation Schaden zufügen. Denn das FORMAT vorliegende Gerichtsprotokoll lässt den skandalumwitterten Buwog-Subberatervertrag zwischen Volaris Advisors, wo Muhr Minderheitsgesellschafter war, und Lehman höchst merkwürdig erscheinen.

"Meine Tätigkeit in der Volaris als Sub für Lehman war das Erstellen von Finanzmodellen“, sagt Muhr. "Dieses Modell hat sich damit befasst, dass die vielen Tausenden Buwog-Wohnungen monatliche Einnahmen haben, und die wurden zusammengefasst rechnerisch und bewertet, um sie internationalen Investoren anbieten zu können.“ Gearbeitet wurde von Ende April bis Anfang September 2002. Für die vier Monate zahlte Lehman 433.820 Euro, die in drei Tranchen von März 2003 bis Juni 2004 auf ein US-Konto von Muhrs KM Management überwiesen wurden.

Das entspricht zehn Prozent des Nettohonorars, das Lehman von der Republik für Buwog-Beratung bekam. Der Prozentsatz steht auch im in Englisch verfassten Lehman-Brief vom 26. April 2002 an Muhr: "Company will be paid a fee equal to 10 percent of the net investment banking fees actually received by Lehman.“

Zu Muhrs Überraschung wollte Richter Kulka mehr über den Job wissen. Muhr geriet dabei in Verlegenheit. "Der Richter fragt wiederholt nach der Tätigkeit der Volaris, der Kläger ist nicht in der Lage, dem Richter zu schildern, worin die Tätigkeit der Volaris besteht.“ Im Protokoll steht, "dass der Verhandlungsrichter in den letzten 15 Minuten mehrere Anläufe gemacht habe, um vom Kläger eine Antwort zu erhalten, was Volaris für Lehman Brothers um 433.820 Euro tatsächlich geleistet habe, und der Kläger (sei) trotz dieser Bemühungen des Richters nur in der Lage gewesen, einzelne Wörter, die in ihrer Gesamtheit keinen Sinn ergeben haben, zu äußern“. Muhr tat sich offenbar schwer, die Beratungsleistung zu erklären.

Doch es kommt noch besser: Schriftliche Berichte an Lehman gab es nicht. Muhr sagte, dass er "die Märkte in Asien, in Europa und in Amerika für Mortgage Backed Securities“ analysierte und "basierend auf den Zinskurven der Finanzmärkte und der Nachfrage der Finanzinvestoren“ Bewertungen durchführte.

Mündliche Übergaben

Befragt zur Marktbeobachtungs- und -analysetätigkeit, sagte Muhr: "Die Ergebnisse der mehrmonatigen Tätigkeit von Volaris wurden mit Vertretern von Lehman Brothers einige Male mündlich besprochen, es gibt nichts Schriftliches.“ Und: "Die Ergebnisse der Rechenmodelle haben wir mündlich in mehreren Konferenzen an das Lehman-Team übergeben. Das Lehman-Team hat diese Ergebnisse in die von ihm ausgearbeitete Strategie miteinbezogen. Mit dem Zuschlag der Republik Österreich an Lehman Brothers war die Tätigkeit von Volaris im Wesentlichen beendet.“

Die Verhandlungsteilnehmer haben richtig gehört: Lehman verzichtete auf Papier. Dass Lehman von Volaris keine schriftliche Dokumentation gefordert hat, ist schwer vorstellbar. Auch der Richter kann das nicht fassen und fragt nach. Muhr laut Protokoll: "Volaris hat diese Rechenmodelle nicht Lehman Brothers übergeben, wir haben das nur mündlich mit Vertretern von Lehman besprochen.“

Die brisante Muhr-Aussage nährt den Verdacht der Buwog-Ermittler, dass die 433.820 Euro nicht für Beratung gezahlt wurden, sondern als versteckte Erfolgsprovision, die für die Vermittlung des Buwog-Mandats an Lehman geflossen ist.

Muhr bestreitet den Verdacht zwar vehement. Doch aus Ermittlersicht gibt es einige Indizien, die dafür sprechen: Volaris arbeitete zwar von April bis September 2002 für Lehman. Doch das Geld gab’s erst 2003, also nachdem Lehman den Buwog-Auftrag in der Tasche hatte. Auch das Zehn-Prozent-Honorar macht als Vermittlungsprovision mehr Sinn. Ohne Deal wäre Volaris ums Geld umgefallen.

Im U-Ausschuss

Der Lehman-Auftrag könnte mit Muhrs Nähe zu KHG zu tun haben, vermuten Ermittler. Muhr bestreitet das. "Richtig ist, dass ich mit ihm befreundet bin“, sagt er. "Auf die Frage, warum ich im Sub für Lehman tätig wurde, gebe ich an, dass das in meiner fachlichen Expertise zu sehen ist. Es gibt keinen Europäer, der über mein Fachwissen verfügt.“

Grassers Ex-Kabinettschef Michael Ramprecht erzählte dem Korruptions-Untersuchungsausschuss, dass die Entscheidung pro Lehman - und contra CA Investmentbank, die billiger war - von KHG ausging. "Der Minister will Lehman“, soll Plech zu Ramprecht gesagt haben. Im U-Ausschuss hat Grasser das bestritten: "Mir war wurscht, wer gewinnt.“

Für die grüne U-Ausschuss-Vorsitzende Gabriela Moser gilt das nicht. Sie interessiert das neue Protokoll, weil Muhr für sie eine zentrale Figur im Fall Buwog ist. Moser: "Wir werden ihn als Zeugen laden. Er soll das alles mal erklären.“ Für die Reputation des Karlheinz Muhr ist die Ladung eher nicht dienlich. Doch für das Schlamassel ist er selbst verantwortlich.

Ashwien Sankholkar

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