Exklusiv zur Affäre Mensdorff-Pouilly: Die bizarren Geschäfte des Grafen Ali

Die geheimen Protokolle von Alfons Mensdorff-Pouilly. Wen der Waffenlobbyist mit Millionen versorgte, wer ihm dabei half und welche Großunternehmen seine Dienste in Anspruch nahmen.

Eingebettet in einer grünen Bergschlucht liegt das prächtige Dalnaglar Castle. Die idyllische Gegend im schottische Perthshire wird von Einheimischen liebevolle „The Fairy Glen“ – das Feental – genannt und diente einst „Queen Victoria’s Banker“, Lord Clyde, als feudale Jagdlodge. Seit sieben Jahren gehört das Schloss dem burgenländischen Waffenlobbyisten Alfons Mensdorff-Pouilly. Und seit sieben Monaten interessiert sich die britische Kriminalpolizei dafür. Den Grund für das behördliche Interesse lieferte der wortgewandte Landgraf im November des Vorjahres, als er sich gegenüber Beamten des britischen Serious Fraud Office (SFO) und der österreichischen Staatsanwaltschaft verplapperte. „Tim Landon hat Gelder von Liechtenstein nach Schottland transferiert“, sagte Mensdorff damals aus. „Damit hatte ich nur insofern zu tun, als ich diese Liegenschaft mit Schloss kaufen wollte, aber nicht das Geld hatte.“ Landon war mit einer Vorfinanzierung eingesprungen. „Im Jahr 2005 hatte die MPA Budapest genug Geld und kaufte diese Liegenschaft. Der Kaufpreis lag meiner Erinnerung nach bei maximal zwei Millionen Euro“, sagte Mensdorff. Der Preis wurde später an die Landon-Firma Liberty Invest zurückgezahlt. Das SFO vermutet dahinter illegale Geldwäsche und versteckte Kickback-Zahlungen.

Immerhin ist Finanzier Timothy Landon eine schillernde Figur: Der 2007 verstorbene Brite war Geheimdienstagent – Deckname: „der weiße Sultan“ –, Berater des Rüstungskonzerns British Aerospace (BAE) und mit Mensdorff verwandt. Für das Serious Fraud Office, das gegen BAE seit Jahren wegen des Verdachts der Bestechung im Zusammenhang mit Militärdeals ermittelt, ist Landon die zentrale Figur im Schmiergeldsystem „Red Diamond“. Über diese BAE-Drehscheibe mit Briefkastenfirmen in der Karibik und der Schweiz wurden weltweit Entscheidungsträger aus Wirtschaft und Politik korrumpiert. Auch Mensdorffs Firmengruppe MPA soll ein Teil von „Red Diamond“ gewesen sein. Das SFO plant nun auf Basis des „Proceeds of Crime Act“, sich Dalnaglar unter den Nagel zu reißen. Denn das Gesetz erlaubt die Konfiskation von Vermögen, das aus unrechtmäßigen Geschäften stammt. Belege dafür sollen dem SFO laut FORMAT-Recherchen vorliegen. Entschieden wird die Mensdorff-Enteignung aber erst nach dem Sommer.

Der Hinweis auf die verdeckte Schlossfinanzierung ist nur die Spitze des Eisbergs. FORMAT exklusiv vorliegende Polizeiprotokolle legen nun erstmals die bizarren Geschäfte offen, die Mensdorff im Auftrag Landons durchgeführt hat. Zudem gibt das brisante Papier Einblick in den Millionenzirkus, den der Graf rund um Rüstungsdeals veranstaltete, und Auskunft darüber, welche prominenten Politiker ihm dabei zur Seite standen. Die Gerichtsakten nähren jedenfalls den Verdacht, dass der Ehemann von Ex-VP-Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat in aktive und passive Bestechungsvorgänge involviert gewesen ist, wie ihm der Staatsanwalt vorwirft. Mensdorff – für ihn gilt die Unschuldsvermutung – will die FORMAT-Recherchen nicht kommentieren. Anwalt Harald Schuster weist die Vorwürfe zurück: „Mein Mandant hat niemals irgendwen bestochen. Die Vorwürfe sind an den Haaren herbeigezogen.“

Ganz so einfach dürften die Beschuldigungen nicht vom Tisch zu wischen sein. In Summe budgetierte Mensdorff laut SFO-Akt fast 100 Millionen Dollar für „3rd party payments“ (siehe Tabelle). Hinter diesen von BAE bereitgestellten Drittzahlungen vermutet das Serious Fraud Office nichts anderes als verdeckte Schmiergelder. Für Österreich gab es bis zu 18,6 Millionen Euro zu verteilen. Wie viel davon abgerufen wurde, ist den Behörden nicht bekannt. Lediglich 14 Millionen Euro, die über Mensdorff-Konten geflossen sind, wurden vom Staatsanwalt als dubios klassifiziert. Zweifelhafte Rechtfertigungen bescherten ihm U-Haft wegen Verdunkelungsgefahr.

Tatsächlich wirken viele Geschäfte von „Graf Ali“, wie Mensdorff-Pouilly von Freunden genannt wird, höchst eigenartig. In den Gerichtsakten ist von Geldkoffern die Rede, die bei Treffen ausgetauscht wurden. Mensdorff laut Einvernahmeprotokoll: „Anfänglich wurde von Tim Landon ein gewisser Wolfgang Hamsa geschickt, um das Geld abzuholen. Hamsa gab mir Bestätigungen, welche ich allerdings an Landon weitergab. Insgesamt wurden zirka 4,67 Millionen Euro in bar an Hamsa von mir persönlich übergeben. Die Übergabe des Geldes fand entweder in der Wohnung von Landon in der Akademiestraße 2 statt oder ansonsten bei mir im Büro. Dieser Betrag wurde über einen Zeitraum von drei Jahren an Hamsa übergeben.“ Wofür das Geld verwendet wurde? „Für ein Projekt in Dubai.“ Mehr wisse er nicht. Obwohl es sich laut Mensdorff um saubere Geschäfte handelte, wollte er offiziell mit den Geldtransfers nichts zu tun haben. Seine Freunde Kurt Dalmata, Axel Fundulus und Andreas Krassay mussten für ihn zur Bank gehen. „Sie haben die Gelder in meinem Auftrag abgehoben. Ich wollte die Gelder selbst nicht abholen, da mein Name/Gesicht allgemein bekannt ist.“

Geldgeschenke für die Russen. Die Millionen flossen nicht nur in Investments wie das Projekt „Blue Planet“ in Dubai, sondern auch an Politiker. „Von zirka 2003 bis 2006 habe ich die Gelder von der Firma Brodman (Anm.: eine „Red Diamond“-Firma) an einen russischen Geschäftsmann übergeben. Bei dem handelte es sich um Alexander Tischenko, Abgeordneter des russischen Parlaments. Er war glaublich zweimal bei mir in Wien und hat ansonsten jemanden geschickt, dem ich dann nach Nennung des Losungswortes ‚Katalina‘ den von Timothy Landon avisierten Betrag übergeben habe.“ Rund drei Millionen Euro dürfte der Russe laut SFO-Akten erhalten haben. Über den Zahlungsgrund hält sich Mensdorff bedeckt. Das wisse nur Landon, und der sei tot.

Für sein Business in Zentral- und Osteuropa griff Mensdorff laut SFO-Papieren auf sein hochkarätiges Polit-Netzwerk zurück. Die Landon-Firma Valurex S.A. – sie und Brodman waren Teil des „Red Diamond“-Systems – wies in ihren Berichten an British Aerospace mit Stolz auf Mensdorff-Meetings mit Toppolitikern hin. Prominentes Beispiel: Margit Klestil-Löffler. Die Expräsidentenwitwe und Botschafterin in Prag arrangierte laut vertraulichem Valurex-Report ein Treffen mit dem tschechischen Premierminister Jiri Paroubek (siehe Faksimile). Vom Staatsanwalt über weitere Meetings in Kroatien, Tschechien und Ungarn befragt, sagte Mensdorff: „Es handelt sich dabei um Treffen mit Personen, die für unsere Projekte als Informationsquellen nützlich waren. Solche Meetings habe ich nur auf Verlangen unseres Kunden weiterberichtet. Meiner Ansicht nach hat dies überhaupt nichts mit Korruption oder Ähnlichem zu tun, sondern betrifft jene Informationsgewinnung, die für die Auftraggeber interessant sein könnte. Erwähnen möchte ich, dass ich dabei auch gesellschaftliche Veranstaltungen gemeldet habe. Ich habe hier Leute angeführt, die Entscheidungsträger sind bzw. Einfluss auf Entscheidungsträger haben.“

Für seine Reports kassierte Mensdorff, der als Beruf „Landwirt“ angibt und mit Diplomatenpass reist, nicht selten Honorare von 100.000 Euro und mehr. Zitat aus dem Verhörprotokoll beim Staatsanwalt: „Warum wurde für Berichte, deren Inhalt aus offenen Quellen zusammengesetzt war, so viel Geld bezahlt? Dazu gebe ich an, dass meine Klienten auch Hintergrundinformationen erhalten haben. Ich habe mit vielen Leuten gesprochen und konnte so die Situation in Österreich, aber auch in anderen Ländern darstellen. Die Hintergrundinformationen kamen von Taxifahrern bis zu Generaldirektoren und auch aus politischen Quellen.“

Prominente Mensdorff-Kunden. Doch nicht nur British Aerospace griff auf Mensdorff’sche Dienste zurück. Aus den Gerichtsakten geht hervor, dass auch Telekom Austria, der Mineralölkonzern OMV, der deutsche Technologieriese Siemens oder der norwegische Militärzulieferer Kongsberg zu den prominenten Kunden zählten. Siemens und Kongsberg stehen laut Gerichtsakt nun im Verdacht, dubiose „3rd Party Costs“ bereitgestellt zu haben. Allein Kongsberg soll laut einem SFO-Dokument 100.000 Euro an eine Stiftung in Liechtenstein überwiesen haben. Mensdorff laut Protokoll: „Richtig ist, dass MPA Budapest und MPA Prague (Anm.: Mensdorff-Firmen) mit Kongsberg eine Geschäftsbeziehung hatte. Wir haben sowohl in Tschechien als auch in Ungarn für diese Firma gearbeitet. Die MPA Budapest hatte einen Beratervertrag mit Siemens etwa im Jahr 2005 abgeschlossen. Konkret ging es um ein automatisches Mautsystem auf Ungarns Autobahnen.“ Mit dem Begriff „3rd Party Costs“ könne er nichts anfangen.

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Wien sind im Kern abgeschlossen. Ob Alfons Mensdorff-Pouilly wegen Bestechung und Geldwäsche auf die Anklagebank kommt, wird nach dem Sommer feststehen. Ein Strafverfahren wegen falscher Zeugenaussage vor dem Eurofighter-Untersuchungsausschuss gilt in Justizkreisen als wahrscheinlich. Immerhin hatte Mensdorff im Parlament unter Eid ausgesagt, dass weder er noch seine MPA-Firmen in die Eurofighter-Beschaffung involviert waren. Dem widerspricht ein Mensdorff-Report an BAE aus dem Jahr 2003, wo er schreibt: „MPA übte jedoch Druck aus mit dem Resultat, dass die erste Ausschreibung storniert wurde (müssen wir den Grund hierfür angeben?) und eine neue Ausschreibung ausgestellt wurde. Im Anschluss an die aggressive Zahlung von Erfolgsprämien an wichtige Entscheidungsträger (...) gab Österreich einen Auftrag in Höhe von 1,79 Milliarden Euro für den Eurofighter Typhoon bekannt.“

Rein geschäftlich dürfte das Kapitel British Aerospace für Mensdorff vorläufig beendet sein. Anwalt Schuster: „Die haben 2007 alle Verträge mit ihm gekündigt.“ Dass ihm die Engländer in den Jahren davor ein Millionenvermögen brachten, ist zumindest ein Trostpflaster.

Von Ashwien Sankholkar

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