Werden Sie Internet-Millionär!

Werden Sie Internet-Millionär!

Nach dem Hype rund um den Facebook-Börsengang arbeiten schon die nächsten Internet-Genies an ihrem Traum, rasch Millionär zu werden. Auch in Österreich hat sich in den letzten zwei Jahren eine dynamische und international gefragte Gründerszene entwickelt. trend präsentiert Österreichs aussichtsreichste Internet-Startups und zeigt den Weg in die Facebook-Liga.

Vier Minuten. In dieser Zeitspanne kann man die 343 Stufen des Stephansdoms hinauflaufen. Eine schnelle Zigarette rauchen. Einen Flirt erfolgreich zu Ende bringen. Oder auch entscheiden, ob man Millionär wird oder nicht.

Vier Minuten haben die Teilnehmer des „Startup Live“-Contests im Hörsaal der oberösterreichischen Fachhochschule Hagenberg, um ihre Geschäftsidee einer ausgewählten Jury zu präsentieren: einen Eventfinder für das Handy, einen Blindenführer für Smartphones, ein Tool zur gemeinschaftlichen Gestaltung von TV-Inhalten in Supermärkten.

Die vier Minuten sind ein Vorgeschmack auf das Gründerleben: Wer im Silicon Valley, dem Mekka der Web-Gläubigen, dem Sitz von Google, Apple & Co, sein Business-Modell einem Investor erklären muss, hat auch nicht mehr Zeit. Ob im Starbucks-Café oder im legendären Rosewood-Hotel in der Sandhill Road: Vier Minuten sind das Maximum.

Allein das Hochfahren des Beamers dauert hier länger. Die 13 potenziellen Gründer wissen nicht recht, wohin mit ihren Händen, und schauen entgeistert, als die Juroren am Ende ihrer Präsentation die Finger in die Wunden ihrer Ideen legen. „Ich sehe den Business Case nicht“, sagt da einer im Fachjargon. Oder ein anderer: „Das Programmieren wird eine ordentliche Challenge werden.“

Einige der Jungspunde gehen am Ende dennoch mit geschwellter Brust aus dem Hörsaal. „Also ich würde euer Produkt nutzen. Fangt damit an!“, hat ihnen Juror Florian Gschwandtner zugerufen, der neue Star auf der heimischen Startup-Bühne (siehe Porträt ). Ein anderes Jurymitglied wird später über die Veranstaltung resümieren: „Der nächste Zuckerberg war wohl nicht dabei. Aber der nächste Gschwandtner bestimmt.“

Marke Startup

Während die Welt in den vergangenen Wochen die Schlagzeilen rund um den Börsengang der Social-Media-Plattform Facebook und die Story ihres Gründers Mark Zuckerberg mitverfolgte, stehen weltweit schon die nächsten potenziellen Highflyer in den Startlöchern – auch in Österreich. Denn in den letzten zwei Jahren hat sich hierzulande nach jahrelangem Dahindümpeln eine lebendige, offensive, dynamische Gründerszene rund um die modernen Informations- und Kommunikationstechnologien entwickelt. „Startup“ ist plötzlich kein Fremdwort mehr, sondern eine Marke geworden, die Aufbruch, Genialität, Coolness, totalen Arbeitseinsatz und Vernetztheit suggeriert – und die Hoffnung auf schnellen Reichtum.

trend stellt in dieser Geschichte ein knappes Dutzend heimischer Startups vor, die eine reelle Chance haben, innerhalb kurzer Zeit Millionen zu verdienen. Als Richtmarke für einen gelungenen Exit nennt Markus Wagner, einer der aktivsten Investoren am österreichischen Parkett, „eineinhalb Millionen Euro netto pro Gründer“. Der erfahrene Wiener Business-Angel Johann Hansmann, der sich in den letzten zwei Jahren an mehr als einem Dutzend Newcomern beteiligt hat, schätzt, dass in Spitzenfällen sogar „bis zu 20 Millionen“ drinnen sind.

Wobei die simple Rechnung, dass man mit einer Idee in kurzer Zeit derart reich werden kann, heute keiner mehr anstellt: Blut, Schweiß und Tränen sind die Basis jeder der hier vorgestellten Gründer-Storys. „Ein Startup-Unternehmen aufzubauen bedeutet nicht ein bisserl dahinprogrammieren und dann Party machen, sondern Knochenarbeit“, weiß Österreichs wohl bekanntester Internet-Millionär, Jajah-Gründer Daniel Mattes (siehe Interview ). Und er konkretisiert, was das heißt: „Viel im Flugzeug sitzen, Verhandlungsstress, schlaflose Nächte.“

Jung, aber professionell

Allein in den acht österreichischen Uni-„Brutstätten“ solcher Neugründungen, den Inkubatoren, die den jungen Gründern Starthilfe in jeder Hinsicht geben, tummeln sich derzeit 150 Startups. Mehr als ein Drittel davon wollen ihr Geschäft mit Informationstechnologie machen. Bei Events wie „Startup Live“ in Hagenberg treffen die Erfahreneren der jungen Branche mit jenen zusammen, die gerade einmal eine halb ausgegorene Idee vorzuweisen haben. Auch die „Startup-Lounges“ in Wien-Margareten, Kristallisationspunkten der Szene, sind inzwischen etablierte Stelldicheins, in denen ausgewählte Jungunternehmer Einblick in Geschäftsmodelle und Business-Pläne geben – auch sie haben nicht mehr als vier Minuten Zeit. Danach wird bei Chips und Bier gefachsimpelt. Der eine oder andere Geldgeber dockt dann schon einmal an eine verheißungsvolle Firma an.

Wer eine dieser pulsierenden Veranstaltungen besucht, wird schnell zum Schluss kommen: Österreichs Internetgründer-Szene ist professioneller, fokussierter, abgeklärter geworden. Die Schwurbeleien der New-Economy-Ära rund um die Jahrtausendwende sind passé, die Gegenwart ist präzise.

Insbesondere Wien und Linz tauchen in der weltweit agierenden Szene immer öfter als „Hubs“ auf, wie weltweite Knotenpunkte genannt werden, an denen sich besonders viele erfolgversprechende Firmen ansiedeln. „In Europa sind die besten Hubs derzeit in London und Berlin, doch dann rittert schon Wien mit Paris um den dritten Platz“, stellt der international erfahrene Investor Hansmann der heimischen Startup-Szene ein gutes Zeugnis aus. „In den vergangenen zwei Jahren hat sich da unheimlich viel getan.“

Start(up)hilfe

Doch was sind nun die Ursachen für das plötzliche Durchstarten der Startups in Österreich? Wie konnte da abseits der – auch weitgehend medialen – Öffentlichkeit eine gar nicht so kleine, verschworene Szene von jungen, vernetzten und hoch motivierten Entrepreneuren entstehen, die mit den Nerds der ausgehenden neunziger Jahre so gar nichts mehr zu tun haben?

Natürlich liegen die Gründe auch in den neuen technischen Möglichkeiten: Websites und Apps können viel schneller und einfacher programmiert werden als noch vor zehn Jahren. Der Vertrieb guter Ideen erfolgt inzwischen in Sekundenbruchteilen über soziale Netzwerke. Und statt teure Infrastruktur anschaffen zu müssen, können die heutigen Programmierer auf Cloudcomputing zurückgreifen.

Doch das alleine macht noch keine Internet-Millionäre. Auf den Punkt gebracht, liegt es an einigen wenigen Persönlichkeiten der IT-Szene, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, in Österreich neue Rahmenbedingungen zu schaffen, innerhalb derer junge Gründer ihre Ideen verwirklichen können – von der Finanzierung über Arbeitsplätze bis zu einer neuen Mentalität, die dem üblichen heimischen Schlendrian mit Mut und Risiko entgegentritt.

„Wir sind auf der Suche nach den Austro-Zuckerbergs der nächsten Generation. Und in Österreich gibt es enorme Talente und wahnsinnig spannende Ideen“, sagt Wagner, einer jener Investoren, die sich nach dem erfolgreichen Verkauf des Mobile-Business-Unternehmens 3united im Jahr 2006 bewusst dafür entschieden haben, nach Österreich zurückzukehren und hier Aufbauarbeit zu leisten. Derzeit betreut er mit seinem Inkubator i5Invest ein knappes Dutzend Startups (siehe Investieren mit Schneeballeffekt ): „Wir sorgen dafür, dass junge Leute einen raschen und unkomplizierten Zugang zu jenen Geldmitteln bekommen, die ganz am Anfang notwendig sind, um eine Idee zu einem konkreten Unternehmen zu entwickeln.“

Wie das funktioniert, erleben wir in dem 500 Quadratmeter großen Loft von i5Invest in der Spengergasse in Wien-Margareten. Dort sitzen Tisch an Tisch viele der von i5 betreuten Gründer und deren Mitarbeiter – kaum einer mehr als 25, maximal 30 Jahre alt. Nicht einmal Glaswände trennen die einzelnen Firmen voneinander. Es wird programmiert, telefoniert, diskutiert – und selbstverständlich sind alle per Du wie in einer großen Familie.

Grabenkämpfe oder Eifersüchteleien sind kein Thema, es wird einander geholfen, wo es geht, sei es, um einen Kontakt zu einem auf IT-Recht spezialisierten Rechtsanwalt herzustellen oder ein kniffliges Softwareproblem zu lösen. Und mitten drinnen Wagner selbst und seine auf die Unterstützung von Startups spezialisierten i5-Mitarbeiter. „Wir wollen jene, die etwas bewegen, zusammenhalten“, schwärmt Wagner von weiteren Ausbauplänen, „das enge Miteinander ist Inspiration und gegenseitige Motivation.“ Sein Traum wäre ein Cluster, eine Ansammlung der wichtigsten Startup-Firmen Österreichs, zum Beispiel rund um den Hotspot Museumsquartier, um die Szene noch stärker zu pushen.

Eine Idee, die übrigens in ähnlicher Form auch zwei weitere Mitverantwortliche für den Startup-Boom verfolgen, nämlich das Ehepaar Yves Schulz, ehemaliger IT-Manager, und Karin Ruthardt, Industriedesignerin. Sie gründeten im Herbst 2010 gleich ums Eck der Spengergasse einen so genannten Co-Workingspace: den Sektor5. Über 15 Startups finden in dem teils wohnzimmerartig gestalteten Loft ihren Arbeitsplatz, der bei Bedarf auch nur tageweise gemietet werden kann: Ein Tag kostet 15 Euro, ein Monat bis zu 230 Euro. Büroinfrastruktur inklusive.

„Großartig Geld verdienen können wir damit nicht“, erklärt Ruthardt, „das ist eher ein idealistisches Projekt.“ Aber eines, das nicht unwesentlich dazu beiträgt, dass sich die junge Gründerszene in Österreich weiterentwickeln kann. Vor allem die Fluktuation vieler verschiedener Gründer macht den Sektor5 so interessant, „dadurch kommen immer wieder ganz neue Leute mit neuen Ideen und neuen Erfahrungen zusammen und befruchten einander“. Der Erfahrungsaustausch findet am Gang, auf der Couch oder an der Bar statt. Englisch und Deutsch sind gleich häufig gehörte Sprachen. Nicht selten geht es dabei ums ideale „Pitchen“, also die stakkatoartige Vier-Minuten-Präsentation vor potenziellen Geldgebern. Auch das wird im Sektor5 geübt, unter anderem bei einer Vielzahl von Events, die dem intensiven Netzwerken dienen.

Wunderbare Renditen

Doch zurück in den Backsteinbau der Spengergasse, wo wir im anderen Flügel des Lofts den engsten Geschäftspartner Wagners finden, der als Co-Gründer von 3united ebenfalls ein paar Millionen einstreifen konnte: Auch Oliver Holle blieb Österreich treu. Er hat sich mit seiner Firma SpeedInvest auf das Aufstellen von Risikokapital spezialisiert. Sein mittlerweile zehn Millionen Euro starker Fonds investiert dabei in jene bereits arrivierten Startups, denen Holle einen erfolgreichen Exit in den kommenden Jahren zutraut: „Wir haben in Österreich tolle Nischenplayer, die das Potenzial zu Mini-Weltmarktführern haben und teilweise schon jetzt wunderbare Renditen erwirtschaften.“ Auch Holle schwärmt von Österreichs „extrem dynamischer, professioneller Startup-Szene. Es gibt derzeit mehr gute Projekte als Geld.“

Um das zu ändern, unterstützt er mit seiner SpeedInvest einen weiteren wesentlichen Treiber der Szene: Andreas Tschas. Der Absolvent der Wirtschaftsuniversität hat es mit seinem inzwischen auf 21 Mitarbeiter angewachsenen Unternehmen namens Start-Europe binnen zwei Jahren geschafft, ein europaweit gespanntes und beachtetes Netzwerk von Gründern und Investoren aufzubauen. Ob die bereits erwähnten abendlichen „Startup-Lounges“ oder die mehrtägigen, europaweit veranstalteten „Startup Live“-Events wie jenes in Hagenberg oder die „Startup Week“ in Wien, die im vergangenen Herbst 1300 Teilnehmer zählte – die Aktivitäten des 29-jährigen Visionärs und seines Kompagnons Jürgen Furian sind weltweit einzigartig. „Wir wollen Wien zu einem Startup-Hotspot in Europa machen“, erklärt Tschas selbstbewusst.

Derzeit bereitet sich sein Team bereits auf die nächste große Veranstaltung vor: das Pioneers-Festival, das Ende Oktober in der Hofburg mit 2500 Gästen über die Bühne gehen wird. Talentscouts von Facebook und Google werden ebenso anreisen wie Manager der größten Venture-Capital-Fonds der Welt. Tschas erwartet, dass sich 1000 Startups aus ganz Europa bewerben werden, um bei dem wahrscheinlich größten europäischen Startup-Event des Jahres dabei sein zu können. Nach mehrstufigen Auswahlprozessen soll am Ende ein Sieger gekürt werden – vergangenes Jahr, bei der Vorgängerveranstaltung „Startup Week“, gewann die heimische Diabetes-App mySugr (siehe Porträt ).

Auf 25 Millionen Euro taxiert Tschas den potenziellen Unternehmenswert von mySugr mittlerweile. Alleine dieses Beispiel zeige, dass jeder die Möglichkeit habe, mit einer genialen Idee und drei Jahren harter Arbeit Millionär zu werden: „In Österreich ziehen noch viel zu wenige junge Leute die Möglichkeit in Betracht, selbst Unternehmer zu werden. Das wollen wir mit unseren Veranstaltungen aufbrechen. Gründen macht einfach Spaß!“

1,5 Millionen Euro netto

Natürlich geht es der neuen Internet-Gründergeneration auch ums Schnell-reich-Werden, selbst wenn das im verschämten Österreich nie so offen ausgesprochen wird. „Die Chance, nach wenigen Jahren mit einem Millionenbetrag auszusteigen, ist durchaus gegeben“, macht Investor Wagner Mut. Bei einer guten Idee liege seiner Erfahrung nach die Chance bei eins zu drei, dass das Konzept auch tatsächlich aufgeht. Am Ende diverser Investorenrunden, bei denen Fonds oder Business-Angels jeweils Geld gegen Beteiligung tauschen, teilt sich das Gründungsteam in der Regel noch einen Unternehmensanteil von 20 bis 40 Prozent – also grob zehn Prozent pro Person. Was bei einem angenommenen 20-Millionen-Exit satte zwei Millionen Euro vor Steuern oder 1,5 Millionen netto macht. „Für Leute, die sich ein Startup zutrauen, zweifellos ein lukratives Unterfangen.“

Doch zunächst bedarf es einer guten Idee, die funktioniert. Regeln, wonach man als angehender Gründer suchen soll, gibt es nur wenige. „What’s the pain?“, lautet eine der Grundfragen, die man sich dabei stellen sollte und die in den USA in Gesprächen mit Startups immer wieder zu hören ist. Also die Frage, ob eine Idee die Lösung für ein unangenehmes Problem darstellt. „Ein Facebook für Haustiere wird nicht funktionieren“, erklärt Wappwolf-Gründer Michael Eisler , der mit seinem Fließband für lästige, immer wiederkehrende Computerprozesse inzwischen weltweit für Furore sorgt: „Es geht um Innovationen, die möglichst viele Menschen möglichst einfach anwenden können und wollen.“

Anders als in der Old Economy müssen die Unternehmer der Internetwelt im Prinzip von der Gründung weg überregional, ja global denken: Denn weltweit versuchen zeitgleich Tausende andere Startups auch, Probleme wie etwa sicheres Bezahlen beim Webshopping zu lösen. Die bisherige Entwicklung der Internetwirtschaft hat gezeigt, dass am Ende meist nur ein dominanter Player je Feld übrig bleibt, ob es Suchmaschinen (Google), Auktionen (eBay) oder Klatsch-Plattformen (Facebook) sind.

Das Zauberwort heißt deshalb Skalierbarkeit: Das Produkt sollte sich rasch in möglichst großem Maßstab anwenden oder verkaufen lassen. Und im Internet ist der größte Maßstab die ganze Welt. Sprachräume schützen, engen dabei aber auch ein: So ist den Machern von Finderly, einer Suchplattform für elektronische Produkte, schon jetzt klar, dass sie möglichst rasch eine englischsprachige Version herausbringen müssen, um wettbewerbsfähig zu werden. Auch die Wissensplattform Meovi setzt nach Anfängen mit der Ernährungsexpertin Sasha Walleczek, die jedoch nur ein regionales Publikum anspricht, nun auf eine Mehrzahl englischsprachiger Wissensvermittler, um im US-Markt reüssieren zu können. Das ambitionierte e-health-Portal Diagnosia, ebenfalls in Wien gegründet, hält seine Online-Arzneimittelinformationen inzwischen in 14 Sprachen parat – weil es ähnliche Geschäftsideen bereits in den USA gibt, ein logischer Schritt, um den riesigen europäischen Markt zu besetzen.

Wer mit seiner Idee tatsächlich auf Zuckerbergs Spuren wandeln will, muss ohnedies den Sprung über den Großen Teich wagen. Internationalität gehört zum Wesen dieser Szene wie das @ zur E-Mail- Adresse. Längst ist das Silicon Valley kein Traumort mehr, sondern ein konkretes Tal zwischen San Francisco und San José, in das man regelmäßig zu Verhandlungen und Präsentationen, zum Netzwerken und Anheuern neuer Kapitalgeber oder Mitarbeiter fliegt. Der Firmensitz der Wappwolf AG befindet sich bereits in „CA, 94105 San Francisco“ – in einer 80-Quadratmeter-Wohnung um 3200 Dollar im Monat. Und auch die meisten anderen der in dieser Titelgeschichte porträtierten Startups haben längst ihre Fühler in die USA ausgestreckt, reisen nahezu im Monatstakt an die Westküste oder haben zumindest einen einzelnen Arbeitsplatz in einem örtlichen Co-Workingspace, um eine US-Adresse angeben zu können.

Wer immer von geschäftlichen Reisen aus „dem Valley“ zurückkommt, erzählt nicht von tollem Nachtleben oder Highlife, sondern von totaler Konzentration: In Frühstücksklubs, beim Lunch, bei den abendlichen Pitches mit den Venture-Capital-Firmen geht es immer nur um die Idee, ihre Umsetz-, Skalier- und Finanzierbarkeit. „In der Lobby des Rosewood-Hotels in der Sand Hill Road“, so Meovi-Mann Hofmann über seinen ersten Besuch im Zentrum der Startup-Welt im April, „sitzen ständig rund 50 Leute in Zweier- oder Dreiergrüppchen herum und sind in Diskussionen vertieft.“ Das Ganze 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag.

Junge Wilde

In den USA, aber genauso auch in London und teilweise in Berlin ticken die Uhren der Startup-Gründer eben anders – schneller, effizienter, zielstrebiger. So rasant sich auch das österreichische Milieu der Internetgründer derzeit entwickelt, um international Furore zu machen, mangelt es hierzulande trotz vielfältiger privater Initiativen doch an der Grundeinstellung den jungen Wilden gegenüber. Gerade weil die kleinen Firmen auch international mobil geworden sind, werden sie von der heimischen Politik noch etwas stiefmütterlich behandelt: Wer morgen schon nach London oder Cupertino verschwunden sein kann, trägt auf den ersten Blick wenig zur lokalen Wertschöpfung bei.

„Es fehlt bei uns nicht an der Qualität oder den Ideen, sondern es mangelt am politischen Ökosystem“, moniert etwa Klaus Matzka, Gründer von Gamma Capital Partners und seit rund zwei Jahrzehnten eine Fixgröße in der Tech-Szene. „Weil die institutionellen Investoren in Österreich weniger geworden sind, ist es wichtig, mehr Anreize für private Eigenkapitalinvestoren zu schaffen. Etwa durch Steuervorteile, wie das in London passiert ist.“

So verwundert es nicht, dass eines jener Startups, denen das Zeug zu einer Milliardenbewertung nachgesagt wird, schon in einer Frühphase nach London übersiedelt ist: Das in Wien gegründete Startup Qriously bietet Umfrage-Tools für Smartphone- und Tabletanwendungen. Damit sollen Werbetreibende und Marktforscher in der Lage sein, die ortsbezogene Stimmungslage der User in Echtzeit abzufragen – eine Idee, die für die Werbebranche Gold wert sein könnte. „Ich halte es für sehr realistisch, dass wir in fünf Jahren einen Umsatz von einer Milliarde Dollar erreichen können“, gibt sich Gründer Chris Kahler siegessicher.

Der im Jahr 2010 mit 1,6 Millionen Dollar erfolgte Einstieg von Risikokapitalgeber Accel Partners, der mit dem Facebook-Börsengang soeben einen Milliardengewinn machte, bestätigt Kahler in seiner Zuversicht. „In Kontinentaleuropa war es damals unmöglich, für unsere Idee das nötige Geld aufzutreiben“, erklärt er, „in London ist die Bereitschaft zum Risiko viel höher.“ Für ihn liegt das Grundproblem in Österreich aber auch in der Mentalität der Österreicher selbst: „Es fehlt vielen am nötigen Ehrgeiz. Die meisten streben gerade einmal einen Umsatz von 300.000 Euro an. Das Ziel sollte aber bei 30 Millionen liegen.“

Eine ganz ähnliche Geschichte wie Kahler erzählt auch Max Kossatz, Co-Gründer des Wiener Startups Archify, das ein Zusatzprogramm für Webbrowser anbietet, mit dem automatisch alle Webseiten, die man besucht, für einen späteren Zeitpunkt gespeichert werden – „ein Tool mit großem Potenzial, weil es jeder auf der Welt verwenden kann“. In Österreich fand er keine Geldgeber, die an die Idee glaubten, in London hingegen schon: Kürzlich stieg Balderton Capital mit einem kolportierten höheren sechsstelligen Betrag bei Archify ein. Kossatz: „In Österreich ist auch die Bewertung von Startups viel konservativer als etwa in London.“ Demnächst übersiedelt nun das gesamte Team nach Berlin, dem derzeit interessantesten Hub Europas nach London.

Doch nicht alle kehren Österreich den Rücken. Dass der 39-jährige Daniel Mattes nach dem Verkauf der Internet-Telefoniefirma Jajah im Jahr 2009 um 207 Millionen Dollar nun Linz-Pichling als Entwicklersitz seines Bezahldienstes Jumio gewählt hat, ist Teil des neuen Selbstvertrauens, das die heimische Szene kennzeichnet. „Österreich hat einen guten Ruf “, bestätigt Mattes. Mittlerweile hat er nicht nur Facebook-Mitgründer Eduardo Saverin mit an Bord, sondern mit dem Venture-Capital-Geber Andreessen Horowitz einen Investor gefunden, der auch in Webfirmen wie Zynga, Groupon, Twitter oder Instagram investiert hat. Über 30 Millionen Dollar Kapital hat Mattes schon eingesammelt.

Respektable Szene

Es gibt sie also, die Startup-Unternehmen, die mit kleinen, feinen Ideen Millionen scheffeln – zumindest vorerst einmal in Form von Risikokapital. Österreich hat da sicherlich noch einiges aufzuholen, um in der ganz großen Liga mitzuspielen. Aber das Engagement einiger Privatinvestoren sowie die sehr gute Förderlandschaft von Bund und Land, was die erste Basisfinanzierung betrifft , führen mittlerweile zu einer boomenden Startup-Szene, aus der sich schon heute das eine oder andere Unternehmen mit Potenzial zu einem Millionenunternehmen herauskristallisiert.

Und nicht nur das. Eines der größten und schon bislang äußerst erfolgreichen Startups in Europa, das Sprachenlernportal Busuu, spielt derzeit gerade mit dem Gedanken, zumindest teilweise von Madrid nach Österreich zu übersiedeln. Schließlich ist CEO Bernhard Niesner ein Österreicher. Er entwickelte während eines MBAs in Madrid Ende 2007 mit Kollegen die Idee des Lernportals in Form eines sozialen Netzwerks, bei dem jeder User gleichzeitig auch Tutor für andere ist. 150 Millionen User will Niesner bis 2015 auf seinem Portal versammelt haben; schon jetzt ist Busuu mit einem zweistelligen Millionenbetrag bewertet, derzeit laufen gerade Verhandlungen mit weiteren internationalen Geldgebern.

Dennoch schielt Niesner gemeinsam mit seinem Investor der ersten Stunde, Johann Hansmann, nach Österreich, vor allem auch wegen der guten Qualität der Programmierer hierzulande.

„Mein Herz wird ganz flau, wenn ich höre, was sich in Österreich gerade alles so tut“, sagt Niesner mit hörbarem Respekt vor der boomenden Startup-Szene in Österreich. „Wenn Wien so weitermacht, kann es zum besseren Berlin werden.“

Weiterführende Links:
www.runtastic.com
finderly.com
wappwolf.com
www.wikifolio.com
www.soup.me
www.mysugr.com
Startup Live
Pioneers Festival
STARTeurope

Von Bernhard Ecker und Oliver Judex

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