Web-Working - Denken auf Anfrage

Große Konzerne vergeben Projekte oder komplexe Probleme immer häufiger über Internet-Plattformen an freiberufliche Wissensarbeiter in der ganzen Welt. Nur die Besten kommen zum Zug. Setzt sich diese Entwicklung durch, wird sich unsere Arbeitswelt radikal ändern.

Vor zehn Jahren gründete Jack Hughes ein Start-up-Unternehmen im US-Bundesstaat Connecticut und nannte es Topcoder. Die Idee war kurios: Hughes veranstaltete hoch dotierte Algorithmus-Wettbewerbe, die keinen verwertbaren Nutzen hatten. Doch mit der Herausforderung lockte er begabte Programmierer an, die sich mit anderen klugen Köpfen auf der Welt messen wollten. Mit der Zeit entstand ein Netzwerk, das die Grundlage für das heutige Geschäftsmodell bildet: Unternehmen veröffentlichen auf der Plattform Topcoder IT-Probleme, und freiberufliche Entwickler, die irgendwo auf der Welt sitzen, können Lösungsvorschläge einschicken und damit Geld verdienen. Rund 200 vor allem amerikanische Unternehmen haben schon mal über Topcoder auf die globale IT-Intelligenz zugegriffen. Auf der Referenzliste finden sich der Internet-Gigant Google, der Pharmakonzern Pfizer oder auch die Investmentbank Merrill Lynch.

Künftig könnte noch ein weiterer bekannter Name dazukommen: IBM. Der Softwarekonzern plant, seine Arbeitsstrukturen weltweit flexibler zu organisieren und im Zuge dessen im großen Stil über Online-Plattformen wie Topcoder Denkleistungen zuzukaufen. Das soll nicht nur die Kosten senken, sondern auch schneller zu besseren Lösungen führen, so hofft das IBM-Management.

Das hört sich zunächst nicht weiter spektakulär an. Aber IBM gilt seit Jahrzehnten als Vorreiter für neue, kontroverse Organisationsformen. Da probiert nicht irgendein Unternehmen mal etwas Neues aus, sondern ein Weltkonzern will seine komplette Struktur ändern. Die globale Umsetzung des intern als "Liquid“ bezeichneten Projekts wird Auswirkungen haben, die bis nach Europa reichen: In der deutschen Konzerntochter sollen nach Medienberichten in den nächsten Jahren Tausende Fixstellen gestrichen werden. Künftig wird eine kleine Kernmannschaft ausreichen, um das Heer an freien Mitarbeitern zu koordinieren - "Denken auf Abruf“ sozusagen. Bei IBM Österreich will man sich zu den Entwicklungen nicht äußern.

Die Branche beschäftigt die Frage, ob die bei IBM geplante, offene Arbeitsorganisation nicht zur Blaupause für die gesamte High-Tech-Welt wird. Bert Stach, der innerhalb der deutschen Gewerkschaft Verdi für IBM zuständig ist, hält genau das für wahrscheinlich: "Wenn IT-Unternehmen durch die Auslagerung von Tätigkeiten an Freelancer auf Online-Plattformen ihre Effizienz steigern können, ist es nur eine Frage der Zeit, bis diese Form der Arbeit alle Dienstleistungen erfasst, die unabhängig von Ort und Zeit erbracht werden können.“ Das hätte dramatische Folgen für die künftige Arbeitswelt: Betroffen wären die Art der Beschäftigungsverhältnisse, die Bezahlung, die Arbeitsorte, die Qualifikationen und Eigenschaften der Beschäftigten.

Heer an Spezialisten

Die genaue Anzahl einschlägiger Online-Plattformen lässt sich nur schätzen. Denn viele sind noch sehr klein und daher kaum bekannt. Aber einige Dutzend sind es sicherlich. Der Großteil stammt aus den USA. Aber auch in Deutschland und selbst in Österreich gibt es erste Provider (siehe " Virtuelle Arbeitskioske "). Der von IBM ausgewählte Anbieter Topcoder ist heute Marktführer bei Softwareentwicklungen. Mit kleinen roten Punkten auf einer Weltkarte wird auf der Webseite die globale Präsenz hervorgehoben. Aktuell sind 400.000 Spezialisten registriert, die ihr Hirnschmalz zur Verfügung stellen, darunter Mathematiker, Physiker, Mediziner, Ingenieure und Programmierer.

Innocentiv, ebenfalls in den USA gegründet, ist ein weiteres großes Netzwerk. Der Name ist eine Mischung aus den englischen Wörtern innovation und incentive: Erfindung und Anreiz. Und genau darum geht es hier auch: Unternehmen können Forschungsprobleme aller Art von Spezialisten lösen lassen. Die Frage einer Non-Profit-Organisation lautete etwa: Wie muss ein Sammelsystem für Regenwasser beschaffen sein, damit Menschen in Entwicklungsländern es nutzen können? Und ein Taschenlampen-Hersteller erkundigte sich nach Ideen für einen solarbetriebenen Stecker, der Moskitos abwehrt. Auch hier geht die Zahl der registrierten Mitglieder in die Tausende.

Unternehmen, die auf die großen Plattformen zugreifen, können also auf einen Schlag ein Heer an Spezialisten erreichen. Dadurch erhöhen sie ihre Chancen, irgendwo auf der Welt genau denjenigen zu finden, der ihre Aufgabe lösen kann. Neben diesen beiden großen Plattformen sind in den vergangenen Jahren zahlreiche spezialisierte Ableger entstanden, etwa für das Design von Logos.

Bezahlung nur für den Besten

Geringere Kosten, bessere Ideen - das sind die großen Vorteile, die sich Unternehmen von den Online-Arbeitsmarktplätzen versprechen. Entwicklungsleistung, die beispielsweise über Topcoder bezogen wird, soll laut Experten nur ein Viertel dessen kosten, was bei herkömmlicher Arbeitsweise anfällt. Ein weiterer Vorteil ergibt sich aus der Art der Auftragsvergabe: Vielfach werden die Problemstellungen als Wettbewerb ausgeschrieben, sodass sich der beste aus zahlreichen Vorschlägen auswählen lässt. Eine Vorgehensweise, mit der das Wiener Start-up Wappwolf gute Erfahrungen gemacht hat. "Wir haben binnen kurzer Zeit über Logotournament 277 Vorschläge für ein Logo bekommen. Einen besseren Weg kann ich mir nicht vorstellen“, so CEO Michael Eisler.

Was den Unternehmen zum Vorteil gereicht, verlangt den "Lieferanten“ einiges ab. Sie müssen sich aktiv um Projekte bewerben und haben zudem keine Garantie, dass sie am Ende auch etwas verdienen. Denn die von den Unternehmen ausgelobte Prämie, bei IT-Projekten oftmals zigtausend Dollar, bekommt nur derjenige, der als Bester aus dem Wettbewerb hervorgeht. Die anderen gehen in der Regel leer aus. Die Höhe des Einkommens wird damit zur Glückssache erklärt, nur die Allertalentiertesten kriegen genug Geld. Das ist vor allem dann problematisch, wenn die Spezialisten freiberuflich tätig sind, was auf viele zutrifft. "Es entsteht eine sehr vielfältige Arbeitswelt, wo es nicht nur auf die fachlichen Qualifikationen ankommt, sondern auch auf Geschäftssinn und jede Menge Selbstvertrauen“, sagt Jörg Flecker, Chef der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (Forba) in Wien.

Facebook für Spezialisten

Die Masse in den Innovationsprozess einzubinden heißt im Fachjargon Crowdsourcing. Berühmte Beispiele sind der Web-Browser Mozilla oder das Internet-Lexikon Wikipedia, an dem jeder mitschreiben darf. Sie wurden zum Erfolg, weil sich genug helle Köpfe an ihrer Entstehung beteiligten. Übertragen auf Topcoder und Co, bedeutet das, dass auch ihr Modell mit der regen Beteiligung ihrer Mitglieder steht und fällt.

Die Schwelle hält Bruno Haid aber aktuell für zu hoch: Erst muss man sich einloggen, dann gezielt nach passenden Aufträgen suchen und schließlich einen Wettbewerb bestehen. "Es besteht die Gefahr, dass die besten Köpfe abspringen, weil es ihnen zu mühsam ist“, sagt der gebürtige Tiroler. Er will daher mit einem neuen Geschäftsmodell von New York aus reüssieren. Workio.com heißt die Online-Plattform, die er zusammen mit Kollegen entwickelt. Die Idee ist bestechend: Anstatt dass sich Spezialisten selbst um Aufträge bemühen müssen, bekommen sie von Workio passende Angebote zugeschickt. Es geht also um eine Art Facebook, bei dem man statt Freundschaftsanfragen passende Auftragsanfragen bekommt. Die Testversion soll in einigen Wochen online gehen. Um möglichst schnell auf möglichst viele Experten zugreifen zu können, würde Haid gerne mit renommierten Business-Netzwerken wie LinkedIn kooperieren. Erste Gespräche haben bereits stattgefunden.

Das Beispiel zeigt, dass sich die Geschäftsmodelle der Plattformen immer mehr verfeinern. Offenkundige Nachteile werden ausgemerzt, wodurch sich die Verbreitung weiter beschleunigen könnte.

Cent-Jobs

Man muss aber kein ausgewiesener Fachmann sein, um in der neuen Arbeitswelt bestehen zu können. Neben den Plattformen, die hochqualitative Arbeiten anbieten, gibt es mittlerweile Anbieter für Routinetätigkeiten, die (fast) jeder übernehmen kann, vom Studenten über die Hausfrau bis zum Rentner.

Vorreiter auf diesem Gebiet ist Amazon mit Mechanical Turk. Der Name - auf Deutsch: mechanischer Türke - bezieht sich auf einen vermeintlichen Schachautomaten aus dem 18. Jahrhundert, hinter dem ein Mensch steckte. 215.000 Mikrojobs sind aktuell angeschlagen. Wer damit Geld verdienen will, muss sich nicht wie bei den komplexen IT-und Forschungsthemen mit anderen messen. Das wäre viel zu aufwändig, da es hier um Cent-Beträge geht. Zwei Cent verdient man etwa, wenn man die richtige Adresse von Unternehmen im Web recherchiert. Fünf Cent, wenn man eine Google-Suche durchführt und angibt, auf welchem Platz die eingegebene Web-Adresse erscheint. "Mechanical Turk zeigt sehr anschaulich, in wie kleine Häppchen sich Wissensarbeit heute zerlegen lässt“, sagt Jan Krims, Experte von Deloitte Consulting.

Chancen auf Zuverdienst

Verglichen damit ist die österreichische Plattform Klickwork.com richtig anspruchsvoll unterwegs. Ideengeber ist Robert Steinbauer von der Webagentur Cyberhouse. Aktuell sind dort 10.000 Webworker registriert. Von ihnen arbeitet aber nur ein Zehntel regelmäßig über die Plattform, was auch bei den großen US-Marktplätzen nicht anders sein dürfte. "Klickwork eignet sich, wenn man einfache Aufgaben schnell von vielen Personen bearbeiten lassen möchte“, sagt Steinbauer. Auch hier ist die Entlohnung gering. Für einen Erfahrungsbericht mit 100 Wörtern gibt es einen Euro, für die Kontrolle einer Homepage auf Plausibilität und richtige Rechtschreibung 50 Euro. Kein Wunder also, dass sich in erster Linie Studenten einen Zusatzverdienst über die Plattform sichern.

Bruce Eder ist von Beruf Buchhalter. Der Job bei einem Wiener Unternehmen bietet ihm ein sicheres Einkommen, das er aber noch mit einem Nebenjob aufbessern möchte. Seit einiger Zeit arbeitet er daher abends als virtueller Texter. Wenn er seine drei Kinder ins Bett gebracht hat, setzt er sich an den Computer, loggt sich über das Internet bei Textbroker.de ein und sucht nach Themen, die ihn interessieren: Computer, Finanzen und Reisen. Hat er an einem Abend viel Zeit, tippt er schon mal bis spät in die Nacht. Je mehr Wörter er schreibt, umso mehr verdient er. Pro Wort erhält er vier Cent. Um auf die 900 Euro zu kommen, die er pro Monat verdienen möchte, muss er schon einige DIN-A4-Seiten vollschreiben. Für welches Unternehmen er jeweils arbeitet, weiß er nicht. Denn fast alle Aufträge werden anonym vermittelt. Auch die anderen Autoren kennt er nicht, sie arbeiten wie er von zu Hause aus oder an einem anderen Ort ihrer Wahl. "Für mich ist die Situation optimal, ich kann arbeiten, wann ich will und wo ich will“, sagt Eder, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will.

Es gibt also durchaus Leute, die Vorteile aus dem Web-Working ziehen. Ob das jedoch einmal für die gesamte Arbeitswelt gelten könnte, darf bezweifelt werden.

Von Vanessa Voss

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