"Scheitern ist nichts Schlimmes"

FORMAT traf James S. Turley, den weltweiten Chef des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsriesen Ernst & Young, zum Gespräch über Erfolgsfaktoren des Unternehmertums in ökonomisch brisanten Zeiten.

Wenn James S. Turley, Chef von Ernst & Young, über unternehmerische Qualitäten und Unternehmertum spricht, weiß er, was Sache ist. Das Prüfungs- und Beratungsunternehmen verleiht nämlich den begehrtesten Unternehmerpreis der Welt, den " Entrepreneur Of The Year “. Pro Jahr bewerben sich darum 48.000 Teilnehmer in weltweit über 50 Ländern. Sie erweitern mit der Teilnahme ein von Ernst & Young betreutes Netzwerk des Weltunternehmertums - und damit den Fundus an Erfolgsgeschichten und Fallbeispielen. Dicht gespannt wird dieses Netzwerk nicht nur durch den Wettbewerb, sondern auch durch Events auf nationaler und internationaler Ebene, die der unternehmerischen Elite ein exklusives Forum geben. Wer dazugehören möchte, kann sich noch in den nächsten zwei Wochen zur Teilnahme am diesjährigen österreichischen "Entrepreneur Of The Year“ anmelden . FORMAT traf Turley zum Gespräch über unternehmerische Erfolgsfaktoren bei Ernst & Young in Wien.

FORMAT: Sie kennen erfolgreiche Unternehmer aus allen Teilen der Welt. Gibt es gemeinsame Merkmale?

James Turley: Beim jährlichen Wettbewerb "World Entrepreneur Of The Year“ in Monte Carlo stelle ich immer wieder fest, dass die Gemeinsamkeiten von Unternehmerpersönlichkeiten immer größer sind als die Unterschiede. Sie haben die gleiche Art zu denken: Unternehmer ticken weltweit überall gleich.

FORMAT: Nämlich wie?

Turley: Erstens: Sie denken nicht an sich selbst, sondern daran, was außerhalb der Unternehmen geschieht. Was wird auf Märkten gebraucht? Wo ist Bedarf? Das Interessante: Seit der Finanzkrise entdecken Unternehmer mehr Bedarf. Eine weitere Gemeinsamkeit von Austria bis Australia: ihre kreative Vision und die Fähigkeit, ein Produkt oder einen Service zu schaffen, um diesem Bedarf gerecht zu werden. Dazu kommt der Mut und die Risikobereitschaft, ihr Privatvermögen einzusetzen, Schulden aufzunehmen, ihr Haus zu belasten, um den Traum zu verwirklichen.

FORMAT: Aber nicht jede Geschäftsidee wird zum Erfolgsunternehmen.

Turley: Viele Landessieger haben tatsächlich noch etwas anderes gemeinsam: Sie sind beim ersten Mal gescheitert. Das ist nichts Schlimmes. Eine hervorstechende Fähigkeit guter Unternehmer ist "failing fast“. Wer auf dem falschen Weg ist und schnell umkehrt, ist besser dran als jemand, der langsam in eine Krise hineinrutscht. Von Thomas Alva Edison heißt es, er habe 10.000 Möglichkeiten entdeckt, wie eine Glühbirne nicht funktioniert, ehe er den Durchbruch geschafft hat.

FORMAT: Kann man Unternehmertum lernen - in dem Sinne von Peter Drucker, der meinte, Management sei erlernbar?

Turley: Wichtig ist, ob es eine Kultur dafür gibt. Möglicherweise ist Unternehmertum in manchen Leuten drin, aber es wird auch leicht ausgemerzt. Entrepreneurship wird durch eine Kultur entmutigt, die Fehler und Scheitern bestraft. Das kann ein Steuersystem sein, in dem Verluste nicht abzugsfähig sind, oder eine Kultur, die Scheitern stigmatisiert. Andererseits kann eine Kultur ermutigen, zum Beispiel ein Umfeld wie im Silicon Valley. Viele, die dort einen Fehlschlag gelandet haben, waren buchstäblich eine Woche darauf in einer anderen Garage wieder daran, eine neue Idee zu verwirklichen.

FORMAT: Wo liegen da global gesehen die Unterschiede?

Turley: In Japan sind Fehlschläge stark negativ besetzt, man verliert sein Gesicht. Europa würde ich ermutigen, Unternehmergeist stärker zu fördern. Hier ist er nicht so ausgeprägt wie in anderen Teilen der Welt - nicht nur im Silicon Valley, wo Leute darauf brennen, Innovatives zu leisten, sondern auch in Indien, China und an vielen Orten Osteuropas.

FORMAT: Erfordert Entrepreneurship andere Persönlichkeiten als Leadership oder Management in einer Organisation?

Turley: Es erfordert unterschiedliche Fähigkeiten, ein Business zu schaffen und es zu managen. In jungen Unternehmen sind Venture-Capital-Geber manchmal die echten CEOs, die Gründer sind eher Nonstop-Ideengeneratoren. Eine der härtesten Proben für Unternehmen im Wachstum ist, den Entrepreneur-Spirit zu behalten. Auch große Unternehmen können unternehmerisch sein, aber die Führung muss stark darauf fokussiert sein, Zeit und ein gesichertes Umfeld für jene zu schaffen, die dort innovativ arbeiten. Man kann durch Wachstum aber auch Innovationskraft verlieren. Gerade deshalb suchen Unternehmen wie Procter & Gamble auch immer wieder die Verknüpfung zum Entrepreneuer-Of-The-Year-Programm, um am Pulsschlag des Unternehmertums zu bleiben.

FORMAT: Unternehmertum und Innovation sind eng verknüpft. Was sind die wichtigsten Innovationsfaktoren?

Turley: Das Geheimnis hinter der Innovationskraft Amerikas war immer Diversity von Workforce und Talenten. Die internationale Attraktivität der Universitäten für Studenten und Teams aus aller Welt bringt neue Perspektiven. Die Hälfte der neuen Unternehmen im Silicon Valley werden von Nicht-US-Staatsbürgern gegründet. Japan mit seiner gegen Ausländer abgeschotteten Kultur ist schlechter dran, Europa liegt in der Mitte. Auch hier wird man der Alterung durch Zuwanderung begegnen müssen. Auch Governance kann etwas für Innovation tun, nämlich offene Volkswirtschaften sichern. Nichts ist für Entrepreneurship schädlicher als Protektionismus. Grundsätzlich ganz wichtig ist es außerdem, Intrapreneurship zu ermutigen

FORMAT: Was heißt das für Sie?

Turley: Ständig in Kontakt bleiben mit Märkten, Klienten, Partnern und Mitarbeitern. In jeder großen Organisation findet ein CEO Gründe, in seinem Büro im Elfenbeinturm zu bleiben. Schauen Sie auf meine Visitenkarte: London auf der einen Seite und New York auf der anderen. Aber 75 Prozent meiner Zeit bin ich weder da noch dort, sondern unterwegs: in Wien oder Kasachstan, um mit unseren Leuten vor Ort zu arbeiten.

Zur Person: James S. Turley ist Chairman und CEO von Ernst & Young Global Ltd. (E&Y), einem der globalen "Big Four“-Anbieter von Dienstleistungen in den Bereichen Wirtschaftsprüfung, Steuerberatung, Transaktions- und Unternehmensberatung. Das Unternehmen beschäftigt 150.000 Mitarbeiter in 140 Ländern. Turley startete seine Karriere bei E&Y 1977 in Houston, wurde später Area Managing Partner in New York. Als Chairman und CEO agiert er seit 2001 von New York und London aus.

- Interview: Michael Schmid

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