Nicht ohne meinen Coach

Nicht ohne meinen Coach

Warum Coaches so gefragt sind und was sie Ihrer Karriere bringen können.

Es ist eine verflixte Situation, selbst für einen erfahrenen Kardinal wie Christoph Schönborn. Nahezu jeden Tag neue Missbrauchsfälle, die Zahl der Kirchenaustritte steigt rapide an. In dieser Phase ist es wichtig, sowohl vor den Opfern als auch vor dem empörten Kirchenvolk richtig aufzutreten, die passenden Worte zu finden, verständnisvoll, glaubwürdig. Kardinal Schönborn macht, was jeder Firmenchef in einer schweren Krise seines Unternehmens tun würde: Er nimmt sich einen Coach.

Anfang 2010 engagiert der Kirchenmann Helmut Brandstätter, heute "Kurier“-Chefredakteur, damals Kommunikationsberater. Der bereitet ihn auf TV-Auftritte vor, feilt an den Botschaften. Schönborn macht insgesamt eine recht gute Figur und kann zumindest eine Eskalation verhindern.

Ein typischer Fall von Feuerwehraktion, in dem die Hilfe eines Coach gefragt ist. Aber längst ist diese Art von Training nicht mehr auf Krisenbewältigung beschränkt. Coaching boomt in allen Bereichen des Unternehmensalltags. Es ist weltweit eines der am schnellsten wachsenden Business-Phänomene. Rund 4000 Coaches bieten in Österreich unter dieser Bezeichnung ihre Dienste an - aber nur ein Drittel davon gilt als seriös. Gecoacht wird auch von einem Teil der 19.000 Unternehmensberater, von den 4500 Lebens- und Sozialberatern und den 3000 Mediatoren, die es hierzulande gibt.

Coach kann sich jeder nennen, der Begriff ist nicht geschützt, das Betätigungsfeld hingegen sehr weit: Vor zehn Jahren assoziierten die Österreicher mit dem Begriff Coach noch einen Sporttrainer, heute ist Coaching zu einem Massenphänomen geworden und scheinbar geeignet für die Optimierung aller Lebenslagen: Es gibt den Beziehungs-, Fitness-, Ernährungs- und Glückscoach, einen Coach für korrektes Benehmen, den passenden Kleidungsstil, für Geldfragen oder Kreativität - und schließlich den Businesscoach für den Joballtag oder für Führungsfragen.

Was dahintersteckt

"Beim Coaching“, sagt Katharina Liebenberger vom Zentrum für Perspektiventwicklung in Wien, "geht es darum, mit Fragetechniken den Gecoachten zur Selbstreflexion und gezielten Lösung eines Problems aus seinen eigenen Fähigkeiten heraus zu bringen.“ Aber gibt es heute tatsächlich mehr Probleme, größere Herausforderungen, häufigere Krisenfälle als früher, sodass man sie alleine nicht mehr bewältigen kann? Oder ist es einfach "in“, einen Coach zu haben, so wie es Ende des vergangenen Jahrhunderts schick war, einen Therapeuten zu konsultieren? "Allein der Begriff Coaching baut bereits Hemmschwellen ab“, ist Michael Tomaschek, Obmann des Österreichischen Coaching Dachverbands ACC überzeugt. Denn er klingt nicht nach Therapie oder Krankheit. Er klingt nach hartem Training, nach Erfolg. Eingeführt wurde der Begriff im Zuge der Organisationsberatung Mitte der achtziger Jahre. "Top-Manager waren unter Druck, und wir wollten ihnen einen Reflexionsraum geben. Es war tatsächlich ein gelungener Marketing-Gag, es Coaching zu nennen. Denn wer von den ATX-Vorständen möchte nicht eine Spitzenleistung wie im Sport erbringen?“ Seitdem boomt Coaching.

Auslöser, einen Coach in Anspruch zu nehmen, muss immer ein ganz konkreter Leidensdruck sein, ist Buchautor und Coach Andreas Salcher überzeugt: "Heutzutage müssen Top-Manager ständig nach außen signalisieren, dass sie die Starken sind.“ Eine enorme Herausforderung, vor allem bei großen Veränderungsprozessen.

In welchen Situationen Coaching hilft

Manfred Schaffer leitet von Graz aus den globalen Geschäftsbereich Mining Systems des schwedischen Industriekonzerns Sandvik. Vor drei Jahren musste er zahlreiche Akquisitionen stemmen, dann die Integration der zuvor eigenständigen Firmen umsetzen. "Für mich war es in dieser Situation wichtig, mit jemandem sprechen zu können, der über das psychologische Wissen verfügt, wie sich die Menschen in dieser Situation verhalten und was man ihnen zumuten kann.“ Zusammen mit seinem Coach spielte Schaffer Konflikte durch, etwa im Umgang mit schwierigen Managern. Sein Resümee: "Mir hat das Coaching sehr geholfen, meine Führungsverantwortung wahrnehmen zu können.“

Offen auszusprechen, dass man einen Coach konsultiert, ist aber auch heute noch nicht selbstverständlich. Zu sehr fürchten manche - eher in alten Traditionen verhaftete - Klienten, man könne denken: Der hat ein Problem und kann es nicht alleine lösen. Einige sehr auf ihren Ruf bedachte Manager zahlen daher lieber aus eigener Tasche für die Dienstleistung, als Angebote der Personalabteilung wahrzunehmen, die es mittlerweile in allen großen Unternehmen gibt.

Warum es so gefragt ist

Doch die Gefahr, dass Coaching als Stigma gesehen wird, schrumpft von Jahr zu Jahr. Vereinzelt gibt es zwar immer noch Human-Relations-Manager, die Coaches anrufen und sie zwischen den Zeilen auffordern, dafür zu sorgen, dass der- oder diejenige wieder funktioniert. "Coaching ist aber kein Reparaturbetrieb. Der Gecoachte muss die Bereitschaft mitbringen, sich verändern zu wollen“, sagt der Wirtschaftswissenschafter und Gründer der Trigon Entwicklungsberatung, Werner Vogelauer. Die meisten Personalabteilungen erkennen Coaching daher mittlerweile als das an, was es ist: ein Instrument zur Personalentwicklung.

Dieses geänderte Bewusstsein macht es offenbar vielen Menschen leichter, die Dienste eines Coach in Anspruch zu nehmen. Bei der Erste Bank Österreich können Führungskräfte seit mehr als zehn Jahren einen externen Profi buchen. Ein Angebot, das ankommt: Aktuell lässt sich jeder fünfte Bankmanager coachen. Die Themen, die dort besprochen werden, reichen vom "Zeitmanagement bis zu Psychogeschichten“, sagt Hubert Beck, der in der Erste-Personalabteilung für das Thema Coaching zuständig ist. Der PC-Hersteller Hewlett-Packard (HP) bietet zwei unterschiedliche Programme zur Auswahl an. Bei der internen Variante können die Mitarbeiter einen von 300 speziell ausgebildeten HPlern weltweit auswählen. Wer lieber mit einem externen Profi reflektieren will, kann sich anonym an den Dienstleister Consentiv wenden, der Coaches beschäftigt. "Der Mehrwert von Coaching wird heute besser verstanden als noch vor einigen Jahren“, sagt Personalchefin Evelin Mayr, die sich derzeit von einer HP-Managerin in Deutschland coachen lässt. Dass die Gespräche nur selten persönlich, sondern fast immer telefonisch oder per Videokonferenz stattfinden, störte sie nur anfänglich, jetzt findet sie, dass es den ehrlichen Austausch sogar erleichtert.

Mit dem Coaching-Angebot reagieren die Unternehmen auf die veränderte Arbeitswelt: Unternehmen gehen pleite oder fusionieren, Jobs entstehen oder verschwinden, Stellen werden durch freie Projektarbeit ersetzt. "Der Markt verändert sich permanent, die Unsicherheit steigt. In schwierigen Konstellationen kann es helfen, mit einem Außenstehenden Szenarien zu durchdenken“, sagt Roswitha Königswieser, die seit zwanzig Jahren Top-Manager in Veränderungsprozessen begleitet.

Was einen erwartet

"Eine neutrale Grundhaltung, gepaart mit einer Mischung aus Einfühlungsvermögen, Geduld und Distanz, zeichnet einen guten Coach aus“, sagt Karin Norek-Frank von KN Training & Coaching. Jede Coaching-Stunde sollte eine abgeschlossene Einheit bilden und der ganze Prozess nach rund zehn Sitzungen erledigt sein. "Denn Coaching ist keine Therapie und auch keine Beratung, die Tipps und Tricks von außen liefert“, so ACC-Obmann Tomaschek, "sondern es wird nur die vorhandene Leistungsstärke des Gecoachten wieder hervorgelockt und sichtbar gemacht.“

Ein Coach bringt die Führungskraft also zum Nachdenken und dazu, aus sich heraus Lösungen zu finden. "Die wichtigste Kompetenz besteht daher in lösungsorientierten Fragen“, meint Coach Wolfgang Fürnkranz. "Das zweite Instrument ist das Anbieten von passenden Hypothesen, also Überlegungen, was die Ursache des Problems sein könnte, das der Kunde ohnehin selber sieht.“

Dafür braucht der Coach eine profunde Ausbildung. Rund 300 verschiedene Arten gibt es aktuell im deutschsprachigen Raum. "In den vergangenen fünf Jahren ist eine Professionalisierung zu bemerken. Viele machen noch eine Coaching-Ausbildung, obwohl sie längst als Coaches arbeiten“, sagt Vogelauer von Trigon.

Das liegt auch daran, dass die Kunden kritischer werden. Bevor sie oft mehrere tausend Euro für einen Coaching-Prozess ausgeben, wollen sie sichergehen, dass sie nicht an einen Scharlatan geraten. Gute Coaches findet man einerseits auf den Listen der offiziellen Verbände, bei akkreditierten und langjährig erfolgreichen Ausbildungsinstituten, die auch gerne Coaches vermitteln, und über erfahrene Personalentwickler. Heute gibt es in fast allen größeren Unternehmen Coaching-Programme. Das Gros gibt mindestens zehn Prozent des Personalbudgets dafür aus.

Coaching ist heute eine der wichtigsten Methoden, mit der Chefs die Entwicklung ihrer Mitarbeiter unterstützen können. Es trägt dazu bei, die sozialen Kompetenzen zu entwickeln, die Zusammenarbeit im Unternehmen zu verbessern und Veränderungsprozesse zu beschleunigen. Im Idealfall profitieren also der Gecoachte und das Unternehmen - wie zum Beispiel Martina Wimmer, die sich, bevor sie HR-Verantwortliche bei der Immofinanz wurde, für ihre persönliche Weiterentwicklung coachen ließ. "Nach einigen geschickten Fragen zur Zielsetzung stiegen wir in eine Aufstellung aller wichtigen Elemente auf dem Systembrett ein“, erzählt Wimmer, wie sie das Coaching von Luzia Fuchs-Jorg erlebte. "So wurde rasch klar und sichtbar, wo die Blockaden waren, und ich konnte noch in jener Stunde eine Entscheidung treffen.“ Wimmer war so begeistert, dass sie dann bei der Immofinanz Fuchs-Jorg für die Herausforderungen nach der schweren Krise engagierte.

Meist ist es aber so, dass durch Coaching ein Prozess in Gang gesetzt wird, dessen Erfolg sich erst im Lauf der Zeit einstellt. Eine quantitative Messung ist kaum möglich - eine persönliche Erfolgsmessung jedoch schon. Marie-Theres Euler-Rolle, frühere ORF-Redakteurin und Moderatorin von Sendungen wie "Am Schauplatz“, macht als Geschäftsführerin von amwort heute Mediencoaching für zahlreiche Politiker und Führungskräfte. Einer ihrer prominenten Klienten, der anonym bleiben will, meint: "Sie ist mein Vorsprung gegenüber der Konkurrenz, mein Ass im Ärmel, das ich nie preisgeben würde.“

Auch Kardinal Schönborn hat gute Erfahrung beim Coaching gemacht. Immerhin gelang es ihm, mit einigen Medienauftritten ein Bild der Kirche zu vermitteln, das sich klar von den Vorkommnissen der Vergangenheit distanziert und mit einer Untersuchungskommission aktiv zur Aufarbeitung beiträgt. Wenn sein Image derzeit etwas gelitten hat, liegt es vielleicht daran, dass er sich nun wieder ausschließlich von allerhöchster Stelle coachen lässt.

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