Entlassungswelle schwemmt Investmentbanker weg

Entlassungswelle schwemmt Investmentbanker weg

Der Druck von den Finanzmärkten macht sich nun auch bei den überdurchschnittlich gut bezahlten Investmentbankern dramatisch bemerkbar.

Rekapitalisieren, restruktieren, rationalisieren, letztendlich auch entlassen – all diese Begriffe nehmen Investmentbanker gerne in den Mund. Allerdings meinen sie damit meist eher die anderen, nicht sich selbst. Das könnte sich nun ändern: Investmentbanker in Europa müssen sich derzeit für die zweite große Entlassungswelle rüsten - nur ein Jahr, nachdem die europäische Schuldenkrise die Einnahmen aus Fusionen und Börsengängen auf ein Neunjahrestief hat fallen lassen. Im ersten Halbjahr beliefen sie sich auf rund 7,3 Milliarden Euro, ein Drittel weniger als ein Jahr zuvor, wie Schätzungen des Marktforschungsinstitutes Freeman & Co. in New York zeigen.

Der Druck steigt

Credit Suisse Group AG und UBS AG, die größten Schweizer Kreditinstitute, stehen unter dem stärksten Druck, die Effizienz zu steigern, da die Eidgenossenschaft ein Vorreiter bei strengeren Kapital- und Liquiditätsregelungen zur Eingrenzung der Risikobereitschaft ist. Manche Geschäfte werden dadurch unrentabel. Der Erlös pro Angestellten bei den Investmentbanken von Credit Suisse und UBS betrug im vergangenen Jahr 622.654 Dollar bzw. 612.707 Dollar, etwa 50 Prozent weniger als 2006, wie Bloomberg-Daten zeigen. Die beiden Kreditinstitute mit Sitz in Zürich beschäftigten Ende 2011 zusammen 38.156 Mitarbeiter in ihren Investmentbanken. Sie werden in diesem Jahr genau wie 2011 wohl abermals das höchste Kosten-Umsatz-Verhältnis der zwölf größten Banken verzeichnen, schrieben Hubert Lam und Huw van Steenis, Analysten bei Morgan Stanley, am 24. Mai. Wenn es den Schweizer Banken nicht gelingen sollte, den Umsatz in diesem oder im kommenden Jahr deutlich zu steigern, wird der Druck zunehmen, weitere Arbeitsplätze abzubauen und die Wertpapierabteilungen zu verkleinern, sagen Lam und van Steenis. Andere Banken sind in einer ähnlichen Lage: die Kapitalanforderungen werden hochgefahren und das Wirtschaftswachstum geht gen null. Der Erlös pro Angestelltem der Deutsche Bank AG in den Bereichen Firmenkunden und Wertpapiere ist seit 2006 um 14 Prozent gefallen, bei der Investmentbank von Barclays Plc sind es 9,3 Prozent. Sprecher von UBS, Credit Suisse, Deutsche Bank und Barclays wollten sich dazu nicht äußern.

Beschädigter Ertragszyklus

Westeuropäische Finanzinstitute haben in diesem Jahr weniger als 16.000 Stellenkürzungen angekündigt, im Vergleich zu 107.000 im vergangenen Jahr, wie Bloomberg-Daten zeigen. “Die Branche ist noch deutlich überbesetzt”, kommentierte Dirk Hoffmann-Becking, Analyst bei Societé Générale SA in London, in einer Studie im Juni. “Der normale Ertragszyklus im Investmentbanking ist weiterhin beschädigt. Die Branche könnte den finanziellen Aufwand um 29 Prozent verringern, wenn die im Langzeitvergleich immer noch um über ein Drittel zu hohen Gehälter gekürzt und das Personal um 10 bis 12 Prozent verkleinert würde, heißt es in Hoffmann-Beckings Bericht. „Die europäische Bankenbranche muss sich rekapitalisieren und ihr Kreditportfolio restrukturieren”, sagt Richard Bove, Analyst bei Rochdale Securities LLC in Lutz, Florida. „Während dieses Prozesses würde man erwarten, dass deutlich mehr als 100.000 Beschäftigte ihre Stellen bei Banken” während der kommenden 18 Monate “verlieren würden”, so Bove.

Einnahmen aus Fusionen in Europa könnten in diesem Jahr weiter fallen, falls die Übernahme von Xstrata Plc durch Glencore International Plc für 16,7 Milliarden Pfund scheitert. Die größte Akquisition des Jahres wackelt, nachdem der zweitgrößte Xstrata-Anteilseigner eine Erhöhung des Angebots um 16 Prozent gefordert hat. Auch Börsengänge, wie der im Juni abgesagte IPO von Evonik Industries AG, werden vor dem Hintergrund der Belastung der Aktienmärkte durch die Staatsschuldenkrise abgebrochen. Die Einnahmen aus dem europäischen Aktiengeschäft sind in der ersten Jahreshälfte im Vergleich zu 2011 um 53 Prozent zurückgegangen und betrugen nur noch etwa 890 Millionen Euro. Die Einnahmen aus Übernahmen und Fusionen fielen um 36 Prozent auf 2,6 Milliarden Euro, die aus der Begleitung von Anleiheemissionen um 20 Prozent auf 2,44 Milliarden Euro.

Brady Dougan, der CEO von Credit Suisse, hat angekündigt, bis Ende 2013 konzernweit 3.500 Stellen zu streichen. Ende 2011 beschäftigte die Investmentbank 12 Prozent mehr Mitarbeiter als fünf Jahre zuvor, während der Nettoerlös um 44 Prozent gefallen war. Leitende Manager, die nicht genannt werden wollten, rechnen mit weiterem Jobabbau, da sich das Marktumfeld nicht bessert. Der Bonuspool für den Wertpapierbereich wurde im vergangenen Jahr um 51 Prozent gekürzt, nachdem die Sparte das zweite Quartal in Folge Verluste eingefahren hatte. Die UBS kündigte im vergangenen Jahr ebenfalls den Abbau von 3.500 Stellen an, etwa 1.575 davon im Bereich Investmentbank. Seit 2006 ist die Zahl der Beschäftigten um 21 Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig schrumpften die Erlöse um 57 Prozent. Bis Ende 2016 soll der Bereich auf 16.000 Mitarbeiter reduziert werden.

Deutsche Bank unter Druck

Die Deutsche Bank hat im Oktober den Abbau von 500 Stellen angekündigt, nachdem die Gewinnerwartung von 10 Milliarden Euro vor Steuern für 2011 eingestampft werden musste. Die neuen CEOs Anshu Jain und Jürgen Fitschen, die im Juni das Steuer von Josef Ackermann übernommen haben, könnten sich auf Einsparungen und das Abstoßen unattraktiver Vermögenswerte konzentrieren, wenn sie ihre Strategie im September darlegen, schrieben Kian Abouhossein und Amit Ranjan, Analysten bei JPMorgan & Chase Co. in London, am 3. Juli. Die Bank könnte durch Stellenabbau, Kostensenkung und Gehaltskürzungen bei der Investmentbank bis zu 2,5 Mrd. Euro einsparen und bis zu 20 Prozent der Belegschaft reduzieren, so Abouhossein und Ranjan. Laut den Schätzungen der Analysten beschäftigt die Investmentbank etwa 31.799 Mitarbeiter, mehr als die Konkurrenz. Sollte Deutsche Bank keine Jobs streichen, könnte ihr Erlös je Beschäftigten im kommenden Jahr auf das niedrigste Niveau im Vergleich zu Goldman Sachs Group Inc., Morgan Stanley, UBS, Barclays und Credit Suisse fallen, schätzt JPMorgan.
Die Investmentbank von Barclays sieht nach dem Libor- Skandal und dem Rücktritt von CEO Robert Diamond, Chairman Marcus Agius und COO Jerry Del Missier einer ungewissen Zukunft entgegen. Die Bank hatte bis vergangenen Oktober konzernweit bereits 3.500 Stellen abgebaut. 200 weitere sollen in der Investmentbank gestrichen werden, erklärte eine mit dem Sachverhalt vertraute Person im April. Barclays könnte fünf bis zehn Prozent der Mitarbeiter bei seiner Investmentbank in Europa abbauen, hieß es aus informierten Kreisen.

Selbst wenn Banken nicht öffentlich von Stellenabbau sprechen, wird die Belegschaft vermutlich im Stillen reduziert, sagte Christopher Wheeler, Analyst bei Mediobanca SpA in London.

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