"Die Banken bremsen uns"

Für FORMAT diskutierten Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner und WKO-Präsident Christoph Leitl mit den Jungunternehmern Thomas Lendenfeld und Martin Kweton über die Sorgen der Gründer.

FORMAT: Wird einem die Gründung eines Unternehmens in Österreich leicht gemacht?

Martin Kweton: In Österreich gilt: Gut Ding braucht Weile. Das hängt ganz entscheidend von den Banken ab, mit denen Gründer zusammenarbeiten. In meinem Fall war die Bank ein echter Bremser, die mich insgesamt rund fünf Monate wertvolle Zeit gekostet hat. Während ich von der Bank gewünschte Adaptionen meines Businessplans in einer Nachtschicht binnen weniger Stunden durchgeführt habe, hat die Bearbeitung dann über zwei Monate gedauert. Da braucht man schon einen langen Atem, um nicht gleich am Anfang zu scheitern.

Thomas Lendenfeld: Ich hatte während der Gründungsphase nie ein Problem mit Bewilligungen oder bei Behörden und der Sozialversicherung. Das Problem waren und sind die Banken, die Geld nur gegen maximale Sicherheiten herausrücken. Das sind meistens Bedingungen, wo man dann zur Finanzierung keine Bank mehr benötigt, weil man ohnehin die Hauptlast tragen muss. Mein Unternehmen ist in der Hochtechnologiebranche tätig, wo neue Entwicklungen sehr rasch auf den Markt gebracht werden müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Schaffe ich das nicht binnen zwei bis vier Monaten, weil die Bank sich etwa mit einem Betriebsmittelkredit viel Zeit lässt, kann ich gleich zusperren.

FORMAT: Wie kann der Staat Gründer im Bereich der Finanzierung besser unterstützen?

Reinhold Mitterlehner: Die aws unterstützt Gründer mit Krediten, Haftungen und Beratung, allerdings gibt es keine staatliche Vollkaskoversicherung für Gründer. Unternehmerisches Risiko muss schon eingegangen werden. Das schreckt ja auch niemand vor einer Firmengründung ab. Die Durchlaufzeiten bei der aws und bei den Behörden konnten wir in den letzten Jahren deutlich senken, aber es gibt administrative Notwendigkeiten, die Fristenläufe beinhalten. Hier arbeiten wir aber laufend an der Verbesserung der Abläufe.

Christoph Leitl: Gerade im administrativen Bereich ist sicher noch einiges Verbesserungspotenzial. So würde ein einheitliches Formular zum Firmengründen, mittels dessen Gründer sämtliche administrativen Belange einer Firmengründung nach dem One-Shop-Stop-Prinzip erledigen können, schon vieles vereinfachen. Die Wirtschaftskammer fordert das schon seit längerem, und ich bin optimistisch, dass wir das auch in absehbarer Zeit erreichen werden. Bei der Finanzierung muss es zu einem Umdenken kommen. In Österreich sind 60 Prozent der Gründungen über Banken finanziert, in der EU liegt dieser Wert bei 40, in den USA gar nur bei 20 Prozent. Bei privatem Risikokapital für Start-ups liegt Österreich leider an letzter Stelle im EU-Vergleich. Das muss sich angesichts der sehr restriktiven Kreditvergabebedingungen der Banken ändern. Die Junge Wirtschaft fordert etwa einen Investitionsfreibetrag von 50.000 Euro für Investitionen in Firmengründungen, welche der Investor über fünf Jahre jeweils zu 10.000 Euro abschreiben kann. Das würde angesichts der mageren Zinsen bei Finanzprodukten für mehr privates Risikokapital für Jungunternehmer sorgen.

Mitterlehner: Die strengen Basel-III-Vorgaben betreffend das Eigenkapital der Banken werden die Finanzierungssituation sicherlich noch verschärfen. Jungunternehmer sollten sich daher auch beizeiten nach alternativen Finanzierungsmöglichkeiten umsehen, etwa einer Refinanzierung über Factoring. Eine Möglichkeit ist auch Venture Capital, das wir über die aws zur Verfügung stellen.

FORMAT: Wie zufrieden waren Sie bei Ihrer Unternehmensgründung mit der Beratungsleistung durch Wirtschaftskammer und öffentliche Stellen?

Lendenfeld: Da war ich von der Professionalität der aws echt überrascht. Dort hat man uns einen Berater vermittelt, der heute auch als Miteigentümer in der Firma tätig ist und hier vor allem sein kaufmännisches Know-how und sein Vertriebswissen einbringt. Mit dessen Unterstützung haben wir auch begonnen, unsere Online-Tests im Ausland zu vermarkten, etwa in Fernost.

Kweton: Wir haben in unserer Gründungsphase sehr von den Beratungsgesprächen mit der aws profitiert. Gemeinsam mit den Beratern der aws und externen Experten wurden unsere Geschäftsidee und unser Businessplan durchgearbeitet. Daraus sind sehr viele positive Ideen für das Unternehmen entstanden. Ich kenne das nur von meiner Tätigkeit als Angestellter, wo es in meinem damaligen Unternehmen Beiräte des Mittelstandsfonds gegeben hat, die uns bei Analysen und Lösungssuche unterstützt haben. Eine Art Mittelstandsfonds für Jungunternehmer wäre wünschenswert.

FORMAT: Tut man sich seitens der Politik mit der Vermittlung von Beratungsleistungen leichter als mit der Kapitalzufuhr?

Mitterlehner: Man braucht sicherlich als Jungunternehmer beides. Über die aws bieten wir informelle und formelle Beratungsunterstützung an, die bis zur Vermittlung von Business Angels oder Senior Experts geht. Hier entsteht auch für Gründer einiges. Zudem stellen wir über den Mittelstandsfonds Eigenkapital zur Verfügung.

Leitl: Die Unterstützung durch das Gründerservice, wo angehenden Unternehmern unter einer Adresse alle notwendigen Ansprechpartner und Experten für einen Firmenstart zur Verfügung stehen, ist sicher für viele Start-ups wesentlich, ebenso die Businessplan-Software Play4You, die wir angehenden Unternehmern im Internet anbieten - mit deren Hilfe können sie die wirtschaftlichen Chancen ihrer Geschäftsidee durchleuchten.

FORMAT: Kostet Gründen in Österreich nicht noch immer zu viel Geld?

Leitl: Im Bereich der GmbHs ist das mit Sicherheit so. Da die Kosten von 35.000 Euro für ein Start-up, welches mit einem PC und einem Smartphone seine Geschäfte ausüben kann, viel zu hoch sind, ist die Zahl der GmbHs bei den Gründungen auf unter zehn Prozent gesunken. Wir wollen zwar in Österreich keine 1-Euro-Limited-Unternehmen, aber eine 10.000-Euro-GmbH würde vielen Jungunternehmen rechtliche Sicherheiten und eine solide Firmenbasis sichern.

Kweton: Eine 10.000-Euro-GmbH hätte mir die Firmengründung deutlich erleichtert, die GmbH-Hürde ist meiner Meinung nach in Österreich viel zu hoch.

Mitterlehner: Eine GmbH Light wäre sicherlich wünschenswert, allerdings ist das gerade in Zeiten der Budgetkonsolidierung mental eher schwierig durchzusetzen. Langfristig ist sie aber ein Ziel.

Leitl: Eine GmbH Light würde vielen Jungunternehmern die klare Trennung zwischen dem unternehmerischen und dem privaten Bereich erleichtern. Denn ohne diese Trennung ist ein an sich nicht kriminelles unternehmerisches Scheitern immer mit einem langen, oft existenzgefährdenden finanziellen Leidensweg verbunden.

Lendenfeld: Als Jungunternehmer lebt man in ständiger Angst vor dem Stigma des Scheiterns. Man ist ja nicht für alle wirtschaftlichen Faktoren direkt verantwortlich, die ein Unternehmen in seiner Existenz bedrohen können. Da schläft man ohnehin immer schlecht. Es ist eine mentale Erleichterung, wenn das Risiko auf den unternehmerischen Bereich beschränkt bleibt und nicht die private Existenz bedroht.

FORMAT: Die meisten Firmengründungen sind Ein-Personen- oder Kleinunternehmen im Dienstleistungsbereich. Gerade kleine Unternehmen tun sich im Bereich Forschung oder bei der Eroberung neuer Märkte im Ausland schwer. Welche Unterstützung gibt es in diesen Bereichen für junge Unternehmer?

Leitl: Unsere 117 AWO-Stellen in aller Welt stehen auch Kleinunternehmen zur Verfügung. Gute Ideen sind auf der ganzen Welt marktfähig. Die AWO-Mitarbeiter kümmern sich um Kontakte und helfen beim Markteinstieg.

Lendenfeld: Wir nutzen das Service der AWO für unsere Auslandsexpansion. Mit der Unterstützung sind wir sehr zufrieden, da wir so unsere bescheidenen Marketingmittel punktgenau für die richtigen Zielgruppen verwenden können. Das ist ohne Landeskenntnisse und Kontakte nicht möglich, und die kann man als Kleinunternehmen alleine nicht stemmen.

FORMAT: Geht Österreich der Unternehmernachwuchs aus?

Mitterlehner: Nein, denn es gibt laufend genügend junge Menschen mit exzellenten Ideen. Wir merken das bei unserem Wettbewerb "Jugend innovativ“, wo es jedes Jahr mehr Teilnehmer gibt. Aus den Projekten der Schülerinnen und Schüler sind schon zahlreiche echte Firmen entstanden, und aus vielen Ideen sind inzwischen Patente geworden, mit denen die Jungunternehmer heute gutes Geld verdienen.

Leitl: Das sehe ich ähnlich. Im Rahmen des Junior-Projekts und der FORMAT-Aktion "Schule macht Wirtschaft“ sehen wir anhand der Beiträge, welches krea-tive Potenzial schon an den Schulen schlummert. Wenn die jungen Menschen dann während des Studiums ihre Fähigkeiten in ihren Stärkefeldern verbessern, sind sie bestens für die Selbständigkeit gerüstet.

Diskussionsleitung: Christian Neuhold

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