Championship der Funktionäre

Championship der Funktionäre

Österreichs Olympia-Desaster macht die Mängel in der Sportpolitik offenkundig: Mit der Gießkanne werden Millionen an Förderungen über zahllose Verbände und Funktionäre ausgeschüttet, die Sportler profitieren kaum.

Jedes Jahr im Frühling treffen sich an die 20 ältere Herren, Funktionäre diverser Sportverbände. Sie wälzen Ordner mit abertausenden Belegen für die Verwendung von Fördermitteln. Weil die Richtlinien in Österreich wenig verbieten, geht fast alles durch: Vom Kauf von Kaffeemaschinen oder Rasenmähern bis zur Verrechnung von Reitstall-Unkosten soll alles schon vorgekommen sein. Die Herren nehmen es mit der Kontrolle nicht so genau, prüfen sie sich als Verbandsfunktionäre doch mehr oder weniger selbst.

Mit der Bequemlichkeit könnte es aber bald vorbei sein. Denn durch die österreichische Blamage bei Olympia steht die Sportpolitik auf dem Prüfstand, der öffentliche Druck nahm in den vergangenen zwei Wochen kontinuierlich zu. Das Londoner Medaillen-Desaster rief schließlich auch Sportminister Norbert Darabos auf den Plan. Der sonst eher unscheinbar agierende Politiker verkündete noch vor Ort weit reichende Reformen.

Sportlern soll ein effizienteres und transparenteres Sportfördergesetz rasch wieder auf die Sprünge helfen, so der Wunschtraum. Aber Darabos’ geplantes neues Regelwerk wird von den zahllosen österreichischen Sportverbänden und den noch zahlreicheren Funktionären bereits sabotiert, noch bevor es zur Begutachtung verschickt werden konnte (siehe Die 17 Wünsche der BSO ). Man befürchtet Machtverlust.

Und auch der Rechnungshof gibt der heimischen Sportpolitik Zündstoff: In einem Bericht aus dem vergangenen Jänner zerpflücken die Prüfer die Förderpraktiken. "Im Hinblick auf eine effiziente Spitzensportförderung nicht zweckmäßig“, lautet ihr wenig schmeichelhaftes Urteil. Vor allem die Aufsplitterung der Förderung auf mehrere Bereiche bemängelt der Rechnungshof.

Sturmlauf der Athleten

Hinter den Kulissen laufen die Athleten ohnehin schon lange gegen das undurchsichtige System Sturm. Einige trauen sich mit ihrer Kritik sogar vor den Vorhang. Schwimmer Dinko Jukic etwa scheut nicht vor klaren Worten zurück. "Die Funktionäre in Österreich sind alle nur Weltmeister im Schönreden“, kritisiert er gegenüber FORMAT. Tischtennis-Star Werner Schlager, der wie Jukic in London diesmal leer ausging, assistiert im Magazin "NEWS“. Man müsse die althergebrachten Sportstrukturen in Österreich aufbrechen, sagt er: "Das Geld ist oft weg, bevor es beim Sportler landet.“ Ex-Ruderweltmeister Walter Rantasa, nach seiner aktiven Karriere selbst jahrelang im Sportsponsoring und auch kurz als Sportfunktionär tätig, glaubt: "Eine einzige Förderstelle, die alle Mittel möglichst direkt an die Athleten vergibt, wäre genug.“

Aber das Sportland Österreich ist vor allem ein Paradies der Funktionäre, in dem Gelder im dichten Geflecht aus Verbänden, Organisationen, Beiräten, Komitees und Seilschaften aller Art nicht selten im Nichts verschwinden.

Die Organisationsstruktur des heimischen Sports stammt noch aus der Nachkriegszeit und orientiert sich streng an der Parteipolitik. Die drei Dachverbände ASKÖ (Rot), Sportunion (Schwarz) sowie der nur vordergründig unabhängige ASVÖ teilen sich im Wesentlichen exakt dieselben Aufgaben. Mit ihren Landesverbänden stellen sie allein bereits 30 Verwaltungseinheiten mit jeweils eigenen Präsidien, Vorständen und Beiräten. Der gigantische Apparat verschlingt hohe Summen. Dazu kommt die "Bundessportorganisation“ (BSO) mit 60 Fachverbänden, viele davon ebenfalls zusätzlich mit Landesverbänden ausgestattet.

Funktionäre aus all diesen Organisationen beschicken ihre Vorstände teils wechselseitig: BSO-Chef Peter Wittmann etwa ist auch ASKÖ-Präsident, Sportunion-Präsident Peter Haubner wiederum BSO-Vize. So bleibt alles in der Sportfamilie. Bloß die Sportler bleiben draußen. Dazu mischen noch das Bundesheer und diverse Organisationen vom Olympischen Komitee (ÖOC) bis zur Sporthilfe kräftig mit.

Es geht um nicht wenig Geld: Konservativ gerechnet fließen weit mehr als 200 Millionen Euro pro Jahr auf verschiedene Weise als Förderung in den Sport. Garantierte 80 Millionen kommen aus der "besonderen Bundesförderung“ (2012 sogar rund 97 Millionen), gespeist aus dem Umsatz der Lotterien. Verteilt werden sie über BSO, ÖOC, Fachverbände sowie diverse Organisationen und Zigtausende Sportvereine. Kaum jemals gehen echte Fördermittel in nennenswertem Ausmaß direkt an die Sportler.

Dazu budgetiert das Bundesheer neun Millionen pro Jahr für die bei ihm angestellten Heeressportler - plus vier Millionen für das vergleichsweise junge Projekt "Team Rot-Weiß-Rot“. Gerade dieses Projekt wird vom Rechnungshof heftig kritisiert. "Eine rein politische Angelegenheit, damit Funktionäre und Politiker Mittel an ihre Günstlinge verteilen können“, behauptet auch ein Experte, der nicht genannt werden möchte.

Und natürlich fördern die Länder - mit mehr als 100 Millionen jährlich. Diese Chance lässt sich kein Landeshauptmann entgehen. Über ein klares Konzept, was denn erreicht werden soll, verfügt hingegen kaum ein Bundesland.

Mauer aus Angst

Nur selten treten Athleten wie Jukic oder Schlager mit Kritik gegen die verkrusteten Strukturen vor den Vorhang. Aktive Sportler zu finden, die das System offen kritisieren, ist schwer. Viele haben Angst vor Repressalien. Einer Olympia-Teilnehmerin etwa, die ihrem Verband intern mangelnde Professionalität vorwarf, wurde prompt angekündigt, dass sie nicht mehr mit Nominierungen zu rechnen habe. Name und Vorwürfe sind FORMAT bekannt. Auch Vera Lischka, früher Schwimm-Europameisterin und jetzt ÖOC-Rechnungsprüferin, schweigt eisern, wenn es ums Thema Geld geht: "Nein, da sage ich sicher nichts.“

"Die meisten handelnden Personen bis hinauf zum Minister haben keine Ahnung vom Sport und sind unfähig“, nimmt sich hingegen ein Insider aus der Szene, der selbst jahrelang in Top-Funktionen tätig war, kein Blatt vor den Mund. Mit Namen genannt werden möchte aber auch er nicht, weil er Nachteile für seinen gerade in den Leistungssport hineinwachsenden Nachwuchs fürchtet. Olympia-Schwimmer Dinko Jukic kann eine passende Geschichte erzählen: Bei einem Wettbewerb in Antwerpen sei die Tochter eines Vizepräsidenten des Schwimmverbandes als Physiotherapeutin mit von der Partie gewesen. Statt die Athleten zu betreuen, wurde sie krank und habe darum gebeten, einfach nur in Ruhe gelassen zu werden. Ersatz wurde nicht geschickt.

"Die fehlende Professionalität der Funktionäre ist einfach ein Problem“, ergänzt Ex-Ruderer Rantasa. Als er nach Abschluss seiner aktiven Karriere als Sportdirektor beim Ruderverband werkte, hat ihn das Funktionärswesen so zermürbt, dass er das Handtuch warf.

Sportminister Norbert Darabos kommt nach dem Desaster der Österreicher in London nun langsam doch in die Gänge. Aber das Heer der Funktionäre rebelliert aus Selbsterhaltungstrieb gegen Neuerungen und munitioniert sich bereits mit allerlei Beharrungsargumenten gegen die Reduzierung der bürokratischen Strukturen auf. Darabos will ausnahmsweise kämpfen. "Ich bin entschlossen, das diesmal durchzuziehen“, trotzt der Minister. Ein großer Wurf ist sein Gesetz aber noch nicht.

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