Autoindustrie in der Krise - 500.000 Jobs hängen am seidenen Faden

Autoindustrie in der Krise - 500.000 Jobs hängen am seidenen Faden

Um die Verluste in Europa einzudämmen wollen Hersteller wir Peugeot oder Fiat Überkapazitäten abbauen. Das könnte zu massiven Verwerfungen am Arbeitsmarkt in Europa führen und bis zu 500.000 Jobs in der Industrie und bei den Zulieferern kosten.

Eine seit fünf Jahren anhaltende Absatzkrise bei vielen Unternehmen der europäischen Autoindustrie kann nach Experteneinschätzung schwerwiegende Folgen für den Arbeitsmarkt haben. Gerade Massenhersteller wie PSA Peugeot Citroen und Fiat SpA wollen vermehrt Überkapazitäten abbauen und die Verluste in Europa eindämmen. Auf dem Spiel stehen bis zu 500.000 Arbeitsplätze, einschließlich der Zulieferbetriebe. Letztlich ist es die Schuldenkrise in der Eurozone, die hier ihre Wirkung zeigt.

1,5 Millionen Zeitarbeiter

Im laufenden Jahr wird der Arbeitsplatzabbau bei Herstellern und ihren Zulieferern in Europa wie SKF AB und Autoliv Inc. voraussichtlich das fünfte Jahr in Folge weitergehen. Die Unternehmen haben sich seit Jahren für diesen Fall gewappnet und setzten vermehrt auf Zeitarbeitsverträge. Rund 1,5 Millionen der etwa sieben Millionen Beschäftigten in der europäischen Autoindustrie und ihren Zulieferern sind solche vergleichsweise unkompliziert kündbaren Arbeitnehmer. Sie wird nach Ansicht des Branchenexperten Lars Holmqvist - dem vormaligen Vorsitzenden des europäischen Zuliefererverbands Clepa - der größte Teil des Arbeitsplatzabbaus betreffen.

800.000 Jobs bereits weg

Die Stellenstreichungen würden den Abbau von rund 800.000 Arbeitsplätzen seit 2007 fortsetzen, der bereits zur rekordhohen Arbeitslosenquote von 11,2 Prozent in den 17 Ländern der Eurozone beigetragen hat. Nicht zuletzt dieser 17,8 Millionen Arbeitslosen wegen, die schließlich auch als Neuwagenkunden ausfallen, sinkt die Nachfrage weiter. An der Börse ist der aus 13 wichtigen Autoaktien bestehende Branchenindex Stoxx 600 Automobiles & Parts Index in den letzten zwölf Monaten bereits um 14 Prozent eingebrochen, wobei Peugeot mit 72 Prozent den stärksten Verlierer stellt.

“Es wird immer offensichtlicher, dass das Produktions- und Beschäftigungsniveau angesichts eines sinkenden Fahrzeugabsatzes bei bestimmten Herstellern erheblich zu hoch liegt”, sagt Analyst Ian Fletcher von IHS Automotive in London. Wenn nahezu 30 Prozent der Kapazitäten in Europa nicht genutzt würden, so sei das ein offensichtliches Riesenproblem. Sinkende Absatzzahlen, sagt Fletcher, brächten die Unternehmen damit an den Rand des Ruins.

In den Vorstandsetagen wird auf die sinkenden Neuwagenverkäufe reagiert. Fiat will sämtliche Investitionen auf dem italienischen Heimatmarkt auf Eis legen und vermehrt Zeitarbeiter entlassen, um die Kosten zu senken. Konzernchef Sergio Marchionne erwägt nach den schwachen Quartalszahlen weitere Restrukturierungen in Europa und will auch Werke schließen. Opel, die deutsche Tochter des US-Konzerns General Motors Corp., peilt die Schließung des Opelwerks in Bochum zum Jahresende 2016 an.

Peugeot will 14.000 Menschen entlassen

Die bislang stärkste Entlassungswelle rollt aber auf die Beschäftigten bei Peugeot zu. Mehr als 14.000 Stellen sollen hier wegfallen und ein Werk nahe Paris komplett geschlossen werden. In der ersten Jahreshälfte hatte sich der Verlust aus dem Autogeschäft bei Peugeot auf 662 Mill. Euro summiert. Alleine im ostfranzösischen Peugeot-Hauptwerk in Sochaux sollen bis zum Jahresende 650 Zeitarbeiter gehen, wie Gewerkschaftsvertreter Bruno Lemerle von der CGT sagt. Insgesamt beschäftige Peugeot in drei Werken rund 3.800 Zeitarbeitskräfte, sagt er.

“Nach dem Jahr 2000 ist die Zeitarbeit vom Management massiv als Ausgleich benutzt worden, und zwar obgleich die Zeitarbeiter nahezu permanent beschäftigt wurden”, sagt Gewerkschafter Lemerle. Zuvor sei die Zeitarbeit nur sehr begrenzt und in Sondersituationen, etwa beim Anlauf neuer Modelle, zum Einsatz gekommen.

Branchenkenner Holmqvist bezeichnet die Stellenstreichungen bei den Herstellern nur als “Spitze des Eisbergs”. Jeder hier gestrichene Job kostet im Schnitt fünf weitere Stellen bei Zulieferern, sagt der jetzige Leiter für den Autobereich beim Unternehmensberaters Kreab Gavin Anderson in Brüssel. Zum Ende des kommenden Jahres sei mit einer halben Million weniger Beschäftigten in der europäischen Zulieferindustrie zu rechnen.

BMW schafft neue Arbeitsplätze

Aber es gibt ebenso Lichtblicke in der europäischen Autoindustrie. Bei der Bayerischen Motoren Werke AG entstehen weiterhin neue Arbeitsplätze, darunter alleine 800 im Werk Leipzig. Dort soll im nächsten Jahr die Serienfertigung des kleinen Elektro-BMW i3 beginnen. Insgesamt sind bei BMW, dem erfolgreichsten Luxusautohersteller der Welt, in den letzten zwölf Monaten mehr als 5.000 Stellen entstanden.

Und es gibt den 24 Jahre alten Schweden Jimmy Ekstrand. Der Zeitarbeiter bekam von der Volkswagen AG-Tochter Scania ab September eine Festanstellung angeboten. Die Zukunftsängste seit über einem Jahr mit seinem kurzfristigen Arbeitsvertrag sind damit verschwunden und Ekstrand wird nunmehr fest am Standort Södertälje nahe Göteborg in der Fertigung von Lkw-Teilen beschäftigt sein. “Das ist eine Sorge, die verschwunden ist”, sagt er, “und ich will hier für viele Jahre arbeiten”.

Service

Ausgesperrt: Schlüsseldienst kann teuer kommen

Service

Mehr Urlaub für ältere Deutsche