"Österreich hat sich durch Kreisky einen Platz im Herzen der Araber erobert"

"Österreich hat sich durch Kreisky einen Platz im Herzen der Araber erobert"

Mohamed Bin Issa Al Jaber, zuletzt immer wieder negativ in den heimischen Schlagzeilen, versucht einen Neustart. Und präsentiert sich im FORMAT-Interview als Mittler zwischen arabischer Welt und dem Westen.

FORMAT: Ihre MBI Al Jaber Foundation veranstaltet mit der UNESCO Anfang Juni in Wien die Großkonferenz „Euro Arab Dialogue“. Sie begeben sich damit auf ungewohntes Terrain. Warum diese neue Aktivität?

Al Jaber: Das ist nicht neu, sondern eine Seite meiner Aktivitäten, die man in Österreich so bisher eben nicht kannte. Die Foundation ist intensiv bemüht, junge Menschen aus dem arabischen Raum, die eine erstklassige westliche Ausbildung erhalten sollen, zu unterstützen, den Dialog zu fördern. Als Beitrag zur Verständigung zwischen arabischer Welt und Europa. Wir arbeiten schon lange mit der UNESCO zusammen und investieren hier viel Geld.

FORMAT: Die UNESCO sitzt in Paris, warum kommen Sie mit der Konferenz ausgerechnet nach Wien? Soll das hier Ihr angekratztes Image aufpolieren?

Al Jaber: Image ist etwas Relatives, und ich verbinde diese Dinge nicht, bitte trennen Sie das ebenfalls. Was Wien betrifft: Ich mag diese Stadt und genieße es, wenn ich hier bin. Die UNESCO hatte eigentlich nicht geplant, hierher zu kommen. Es hat mich einige Überzeugungsarbeit gekostet, Wien als Konferenzstandort durchzubringen. Jetzt sind wir hier, und das ist gut so. Mit meinen geschäftlichen Aktivitäten in Österreich hat das absolut nichts zu tun. Außerdem möchte ich festhalten, dass meine Probleme in Österreich längst gelöst sind. Ich kann nicht umhin, zu sagen, dass hier aus unverständlichen Motiven ein kleiner Krieg gegen mich geführt wurde, den ich gewonnen habe. Bitte sprechen wir nicht mehr über diese Dinge

FORMAT: Trotzdem die Frage: Profitieren Sie als Geschäftsmann von der Konferenz in Wien?

Al Jaber: Nein. Noch einmal, ich trenne meine Geschäfte und die Aktivitäten der MBI Al Jaber Foundation. Sprechen wir lieber über den Arabischen Frühling, die Probleme der Länder dort, die Ausbildung junger Araber. Und über deren Zukunft.

FORMAT: Wie schätzen Sie die aktuelle Situation in den arabischen Reformländern ein?

Al Jaber: Es ist ein Prozess im Laufen. Bisher war es so, dass es in diesen Staaten keine Meinungsfreiheit gab und Menschenrechte quasi nicht existent waren. Jetzt ändert sich alles, die Länder sind auf einem guten Weg. Ich blicke sehr optimistisch in die Zukunft.

FORMAT: An welchem Punkt steht der Prozess des Arabischen Frühlings Ihrer Ansicht nach derzeit?

Al Jaber: Gerade im Augenblick stehen wir mit den Wahlen in Ägypten vor einem historischen Moment. Es ist dies die erste freie Wahl seit der Pharaonenzeit. Verzeihen Sie mir das Pathos, aber als Araber muss ich sagen: Der Ausgang dieser Wahl ist für uns ähnlich historisch, wie es für die Europäer der Fall des Eisernen Vorhangs war. Ägypten wird Spiegelbild der künftigen arabischen Staaten sein. Das ist der endgültige Schritt zu einem komplett irreversiblen Prozess des Wandels zum Guten. Die Araber werden diesen Prozess sehr erfolgreich zu Ende führen.

FORMAT: Wie lange wird das dauern?

Al Jaber: Das wird ab jetzt überraschend schnell gehen. Ich rechne damit, dass sich die Situation in den meisten Staaten innerhalb der kommenden drei Jahre so weit verändert haben wird, dass man zufrieden sein kann. Das Positivste aus meiner Sicht: Ist das abgeschlossen, wird man sagen können: Die Menschen in diesen Ländern müssen sich nie mehr bedroht fühlen.

FORMAT: Die Europäer und auch die Österreicher spielen im ganzen Prozess des Arabischen Frühlings bisher eine eher zurückhaltende Rolle. Sollte man sich stärker engagieren?

Al Jaber: Europa sollte sich stärker einbringen und sich viel deutlicher auf die Seite der Menschen stellen. Aber man muss auch sagen, dass Europa sich in Libyen letztendlich großartig benommen hat. Österreich hat sich bis jetzt insgesamt durchaus korrekt verhalten, nur kann man immer noch mehr tun. Wo es mit Regierungen Geschäftsbeziehungen gibt, um die man vielleicht bangt, sollte man bedenken: Wenn die Diktatoren verschwunden sind, werden die Menschen noch da sein, und die regieren dann. Sie jetzt zu unterstützen wäre ein weitsichtiges und langfristig erfolgversprechendes Investment. Was in Tunesien, Libyen und Ägypten passiert ist, wird auch in Syrien geschehen. Wichtig wäre, dass die österreichische Regierung sich hinstellt, laut und klar sagt: Wir stehen auf der Seite der Menschen in diesen Staaten.

FORMAT: Österreich besaß in der Ära Kreisky in der arabischen Welt großes Ansehen. Kreiskys Amtszeit liegt allerdings Jahrzehnte zurück, und seine Nachfolger haben sich im arabischen Raum deutlich weniger engagiert. Hat Österreichs Ansehen inzwischen gelitten?

Al Jaber: Ich glaube nicht. Österreich hat sich historisch und durch Kreisky einen Platz im Herzen der Araber erobert. Die heutigen Politiker könnten davon allerdings stärker profitieren und das Gewicht, das Österreich in der arabischen Welt besitzt, besser einsetzen.

FORMAT: Statt Außenminister Spindelegger wird Staatssekretär Kurz die Eröffnungsrede Ihrer Konferenz halten. Ein falsches Signal des Außenministers?

Al Jaber: So würde ich das nicht sehen. Wir hätten den Außenminister zwar sehr gerne präsent gehabt und haben ihn auch gefragt. Aber ich glaube, er hatte terminliche Probleme

FORMAT: Soll der syrische Diktator Assad, dem libyschen Beispiel folgend, unter Beteiligung Europas mit Gewalt vertrieben werden?

Al Jaber: Im Zweifelsfall ja. Das würde weniger Menschen das Leben kosten als die derzeitigen Kämpfe. Und wenn dann das Volk übernommen hat, müssen wir ihm helfen. In Österreich wie auch in ganz Europa sind übrigens nach wie vor viele syrische Lobbyisten unterwegs, von denen müssen wir uns distanzieren.

FORMAT: Wie wird Europa vom Arabischen Frühling profitieren, vor allem aus ökonomischer Sicht?

Al Jaber: Europa wird in vielfältiger Weise profitieren, das steht fest. Zum Beispiel wird sich das Problem der Immigration aus Afrika in Luft auflösen, wenn in den nordafrikanischen Staaten erst einmal eine ökonomische Aufbruchstimmung unter demokratischen Regimen herrscht. Dort wird es dann genug Arbeit geben, europäische Unternehmen werden großartige Investitionschancen vorfinden. Und jene Emigranten, die derzeit auf der Suche nach Jobs nach Europa drängen, werden in Nordafrika Beschäftigung finden. Das wird die europäischen Arbeitsmärkte entlasten. In den arabischen Reformstaaten werden riesige Geschäftsmöglichkeiten entstehen.

FORMAT: Da müsste es doch auch gerade für jemanden wie Sie großartige Geschäftsmöglichkeiten geben.

Al Jaber: Daran denke ich im Moment nicht, bitte glauben Sie mir das. Ich denke an meine Kinder und wie ihre Zukunft im arabischen Raum aussehen wird.

Interview: Klaus Puchleitner

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