Mister ESM

Mister ESM

Mit Harald Waiglein steigt ein Ex-Punkmusiker ins Direktorium des ESM auf und verantwortet 20 Milliarden Euro der österreichischen Steuerzahler.

Er würde sich nicht von der Masse der Bürokraten abheben, die in Sachen Schuldenkrise regelmäßig zusammentreffen. Bei offiziellen Meetings trägt Harald Waiglein meist dunkelblauen Anzug, farblich abgestimmte Krawatte und weißes Hemd. Wäre da nicht der Pferdeschwanz, ein Relikt aus früheren Musikertagen. Damit fällt er auf.

Seit zwei Monaten ist der 44-Jährige der Chef der Sektion III im Finanzministerium, zuständig für Finanzmärkte und Wirtschaftspolitik. Ab 8. Oktober wird sein Arbeitsbereich um eine Agenda erweitert. Dann tritt der Europäische Schutzmechanismus ESM in Kraft. Und Waiglein wird Österreichs Interessen im Directors Board des 700 Milliarden Euro schweren Rettungsschirms vertreten. Das Gremium fungiert als Aufsichtsrat und Koordinator zwischen den Finanzministern, Schuldenländern und der Troika. Waiglein trägt also die Mitverantwortung für 19,5 Milliarden Euro an österreichischem Steuergeld - so hoch ist der Haftungsrahmen Österreichs für die umstrittene Institution. Eine bedeutende Aufgabe für den studierten Dolmetsch mit vielschichtiger Vergangenheit, dessen Qualifikation dafür sich nicht auf den ersten Blick erschließt.

"Der Harald kann das.“

Aber dem Finanzbeamten wird attestiert, dass er den Dingen akribisch auf den Grund geht. Genau deshalb hat ihn Wilhelm Molterer 2007 als Fachsprecher für Steuerangelegenheiten ins Ministerium geholt; für das Finanzressort damals eine Premiere. "Es war bis dahin kein erklärtes Ziel der Verwaltung, ihr Tun in verständlichen Worten der Bevölkerung zu kommunizieren“, meint Thomas Wieser, Waigleins Vorgänger in der Sektion III. Wieser, mittlerweile Eurozonen-Koordinator und einer der mächtigsten EU-Beamten, war skeptisch. "Er musste sich erst in der Realität beweisen“, sagt der Duzfreund von Eurozonen-Chef Jean-Claude Juncker - Nachsatz: "Und der Harald konnte das.“

Das fiel auch Josef Pröll auf, der Waiglein 2009 als Fachsprecher in sein Kabinett holte. Einige Monate zuvor hatte mit der Lehman-Pleite die Krise begonnen. "Ich habe das Glück oder das Pech gehabt, zu Beginn der Finanzkrise in Prölls Kabinett zu kommen. Ich war bei jeder Bankenverstaatlichung dabei“, sagt Waiglein über lehrreiche Jahre.

"Kein Radikalmarxist“

Vom Fachsprecher zum ESM-Direktor: ein erstaunlicher Karriereverlauf. Denn sozialisiert wurde Harald Waiglein im Post-Punk. "Wir wollen eine kulturelle Opposition zur österreichischen Chartsmusik bilden“, stand 1989 im Begleittext zum Debüt-Album von "Bomb Circle“, einer Band, in der der nunmehrige ESM-Direktor den Frontman gab. In den Medien gab es gute Kritiken. Der "Standard“ lobte "Harald Waigleins schneidende Stimme, die in Österreich ihresgleichen sucht“.

"Unsere Musik war nicht ganz handzahm, ein bisschen papstkritisch“, sagt sein Bandkollege Gunther Oswalder. Eher links sei Harald damals eingestellt gewesen. "Er war extrem politisch, klug, gebildet. Aber Radikalmarxist war er keiner.“

Die Musikerlaufbahn gab Waiglein aus finanziellen Gründen auf, fing während des Studiums als Redakteur beim Musiksender FM4 an, wechselte später ins Ö1-Wirtschaftsressort. Er nahm sich Themen an, die niemand wollte: Mietrecht, Versicherungsrecht, komplizierte Materien eben. Handzahm war Waiglein auch im Journalismus nicht. Legendär sein Interview mit Karl-Heinz Grasser, als er diesen so lange über die moralische Komponente der KHG-Homepage-Finanzierung befragte und nachhakte, bis Grasser entnervt abbrach.

Ein Job als Politiker hat Waiglein bislang nicht gereizt, Winkelzüge sind nicht sein Metier. Ihm geht es um die Mechanik dahinter. "Ich versuche immer, die Logik einer Richtlinie oder eines Gesetzes zu verstehen. Ich weiß beim ESM-Vertrag nicht immer auswendig, was in welchem Paragrafen steht. Aber ich verstehe die Logik hinter dem Mechanismus. Und daraus kann ich ableiten, wie er funktioniert.“ Eigentlich, meint der designierte ESM-Direktor, sei das wie in der Musik. "Sie hat auch eine innere Ordnung, die sich erschließen muss. Musik ist nichts anderes als ein Richtlinientext, nur folgt sie einer anderen Struktur.“

Seit einem Jahr spielt Waigleins Band wieder in alter Besetzung. Vergangene Woche war ein Auftritt geplant. Aber Waiglein kam ein Ecofin-Meeting dazwischen.

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