"In Europa bahnt sich einiges an"

"In Europa bahnt sich einiges an"

Format: Die Jugend in Europa steht unter Druck. Was sind Ihrer Meinung nach die größten Probleme, die heute auf die jungen Menschen zukommen?

Franz Fischler: Das größte Problem, dem sich die jungen Menschen in Europa stellen müssen, ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit, vor allem in Südeuropa. Wenn, wie in Spanien, fast die Hälfte aller unter 25-Jährigen ohne Job ist, also in der aktivsten Phase des Lebens ohne Chancen dasteht, ist das frustrierend. Das beim letzten EU-Gipfel beschlossene Programm zur Senkung der Jugendarbeitslosigkeit wird da leider keine Trendwende bewirken. In Österreich stehen wir dank unseres dualen Ausbildungssystems vergleichsweise noch gut da, es gibt aber auch bei uns Mängel in der Berufsberatung und der Berufsvorbereitung.

Also geht es der Jugend in Österreich eigentlich gut …

Fischler: Ja, aber die relativen guten Zahlen bei der Jugendarbeitslosigkeit sind kein Freibrief für die Politik. Österreich hat, verglichen mit dem EU-Durchschnitt, eine sehr hohe Abgabenlast. Von den Steuern fließt ein überproportionaler Teil in den ausufernden Bürokratismus und viel zu wenig in Zukunftsinvestitionen. Dieser Mangel verbraucht unsere guten Chancen. Es kommt zu einem sanften, aber stetigen Absinken des Niveaus. Dadurch können wir in Österreich unsere Potenziale nicht optimal nutzen. Verpasste Chancen kommen aber nicht mehr zurück. Die Tatsache, dass wir wirtschaftlich noch relativ gut dastehen, wirkt als Reformbremse. Die Österreicher neigen dazu, es sich im Status quo gemütlich zu machen und nicht heute die notwendigen Schritte für die positive Entwicklung von morgen zu setzen.

Droht da ein "Clash of Generations“?

Fischler: Die Entwicklung der Alterspyramide macht es schwierig, ein funktionierendes Sozialsystem zu etablieren, weil immer weniger Zahler immer mehr Leistungsempfänger versorgen müssen. Da sind die üblichen Antworten wie die Erhöhung des Pensionsalters oder die Verstärkung der Einwanderung zu wenig. Wir haben es nach wie vor nicht geschafft, ein nachhaltiges Gesellschaftssystem zu etablieren. Der Trend zur Frühpension, ich nenne sie "Ausredenpension“, ist ein vorübergehendes Problem. Ich gehe davon aus, dass aktive und gesunde Menschen in Zukunft kein Interesse daran haben werden, die Hände in den Schoß zu legen. Die ältere Generation muss sich aber mit der Jugend zusammenraufen, auch wenn es hier viele kulturelle und gesellschaftliche Gräben gibt. Gelingt das nicht, wird es sicher ungemütlich werden.

Glauben Sie wirklich an einen Aufstand der Jugend, die ist doch so angepasst wie seit Jahrzehnten nicht mehr?

Fischler: Hier darf man Österreich nicht isoliert betrachten. Der Arabische Frühling ist eine Revolte der Jugend, die Protestbewegungen in Spanien werden vorwiegend von der Jugend getragen, ebenso Phänomene wie die Occupy-Bewegung. In Österreich bemerken wir derzeit einen Rückzug der Jugendlichen ins "elektronische Biedermeier“, in die Welt von digitalen Netzen und Social-Media-Plattformen. Das Biedermeier war aber schon seinerzeit der Nistplatz der Revolution. Das ist heute nicht anders als im Vormärz des 19. Jahrhunderts. Ich sehe das als Ruhe vor dem Sturm, denn auch in Europa bahnt sich einiges an. Die Entwicklungen in Paris oder London waren da nur ein Vorgeschmack.

Ist das die Freude am Krawall oder ein echtes politisches Interesse, das die Jugendlichen antreibt?

Fischler: Der Nährboden für kommende Auseinandersetzungen ist bei der Mehrheit der Jugendlichen sehr wohl politisches Interesse. Das hat sich nur von den etablierten Parteien und Jugendorganisationen weg und hin zu den NGOs verschoben. Bis auf Pfadfinder und Sportvereine sind die einst breit aufgestellten Jugendorganisationen fast vollkommen aus dem Alltag verschwunden. Das wird von den Jugendlichen als Mangel wahrgenommen, und sie suchen nach Alternativen. Es gibt genügend politisch denkende Köpfe unter den Jugendlichen, sie brauchen nur Foren und Podien, auf denen sie ihre Ideen präsentieren können. Diese Sprachrohre haben wir den Jugendlichen beim Europäischen Forum Alpbach in Form der Initiativgruppen gegeben. Inzwischen gibt es in 30 Ländern derartige Initiativgruppen, was beweist, dass die Jugend heute sehr stark politisch, aber nicht parteipolitisch interessiert ist.

Warum läuft die Politisierung der Jugendlichen an den etablierten Parteien schlicht vorbei?

Fischler: Es fehlt einfach an tauglichen Angeboten der Parteien für die Jugendlichen. Vor allem können Parteien oder parteinahe Organisationen den Jugendlichen nicht das Gefühl von Geborgenheit und Zugehörigkeit vermitteln. Die fühlen sich oft wie Fremde im eige-nen Haus. Da sehr oft auch die Familie als Basis für Geborgenheit wegfällt, suchen die Jugendlichen über andere Kanäle nach Nestwärme. Ich bedaure den Ausfall der Jugendorganisationen, da ich es nicht gut finde, wenn sich gesellschaftliche Veränderungen im Nebel entwi-ckeln. Damit fehlt auch die Möglichkeit des frühzeitigen Erkennens von Reformbedürfnissen und entsprechenden Reformen.

Wo gäbe es dringenden Reformbedarf?

Fischler: In Österreich muss der überbordende Bürokratismus endlich eingedämmt werden. Unser Bildungssystem ist das beste Beispiel dieser extremen Verbürokratisierung fast aller Lebensbereiche. Wir brauchen hier keine Reform, sondern ein neues System, denn es geht nicht um punktuelle Verbesserungen, sondern darum, ohne Vorurteile ein neues, zukunftstaugliches Bildungssys-tem zu entwickeln. Es ist jeder Tag verloren, an dem wir weiter Unsummen in das vor dem Kollaps stehende System pumpen. Während hier ergebnislos herumgewurstelt wird, steigt die Zahl der Schulabbrecher laufend an. Diese jungen Menschen sind durch ihre mangelnde Ausbildung akut armutsgefährdet. Am anderen Ende des Bildungsbo-gens gelingt es uns seit Jahren nicht, die Akademikerquote in Österreich zu steigern. Vor allem in den technisch-natur-wissenschaftlichen Fächern fehlen gut ausgebildete Akademiker, ohne die unsere Unternehmen im internationalen Wettbewerb nicht bestehen können. Ein weiterer Punkt, der dringend geändert werden muss, sind die Subventionen und Förderungen, die nahezu sämtliche Lebensbereiche in Österreich durchdringen und Unsummen an Steuergeldern verschlingen. Diese Subventionitis ist nicht die richtige Antwort auf die drängenden Zukunftssorgen der Jugend.

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