Die Web-Hacker von Anonymous und Co läuten ein neues Protestzeitalter ein

Autos anzünden und Häuser besetzen war gestern. Moderne Anarchisten sind als Computer-Hacker über das Internet mindestens genauso effizient – und auch ohne übergeordnete politische Agenda nicht ungefährlich.

Dass die Sommertage für Jürgen Menedetter vom ORF-Gebühreneintreiber GIS stressfrei wären, kann man nicht sagen. Österreichs oberster TV-Inkassomann wurde mit seinen Leuten nämlich kalt erwischt: Der Hacker-Angriff der Gruppe Anonymous kam vor einer Woche – schnell, unerwartet und brutal. Sogar bei der Sichtung des Schadens kamen die überraschten GIS-Mannen auch Tage nach dem Angriff noch ins Schwimmen: Wurden die von Anonymous erbeuteten mehr als 200.000 Datensätze zunächst noch bestritten (GIS-Sprecher Herbert Denk: „Kann nicht sein, die liegen auf einem gesonderten Server“), musste die GIS drei Tage nach dem Hack zugeben: Abgezogen wurden tatsächlich 214.000 Datensätze, darunter 96.000 mit Details zu Bankverbindungen von Kunden. Die Betroffenen sollen nun, empfiehlt die GIS ein wenig hilflos, ihre Kontobewegungen „verstärkt beobachten“.

BKA attackiert

Auf den ersten Blick versprühen die Bilder der Aktivisten von Anonymous einen gewissen Charme: Man präsentiert sich gerne mit smarten Masken vor dem Gesicht als moderne Robin Hoods, die von ihren Taten erzählen. Scientology musste dran glauben, der Versandhändler Amazon wurde angegriffen, Kreditkartenfirmen, das britische Boulevardblatt „The Sun“. Und in Österreich die Webseiten von FPÖ und SPÖ – oder zuletzt eben die GIS. Was bisher niemand an die große Glocke hängte: Mehrere Attacken gab es vor wenigen Wochen auch auf die gut geschützten Rechner des Bundeskanzleramtes. Aber sie scheiterten.

Robin Hood hatte weiland ein klares Ziel: Umverteilung von Reichen zu Armen. Anonymous, LulzSec und die vielen anderen Gruppen aus den diffusen Weiten des Internets sind zwar auch eine Art sozialer Protestbewegung, haben aber keine definierte Mission. Sie tauchen virtuell auf, formieren sich kurzfristig als Gruppe für einen Angriff und zerstreuen sich danach sofort wieder. Attacken erfolgen kaum je aus strategischen Erwägungen in einem größeren politischen Zusammenhang. „Sondern aus Lust oder Frust“, sagt der deutsche Sicherheitsexperte Peter Kämper, der unter anderem das Bayerische Landeskriminalamt und das deutsche Bundeskriminalamt berät. „Am ehesten kommt der Antrieb dieser Gruppierungen aus der Unzufriedenheit mit bestehenden Strukturen“, vermutet Peter Purgathofer, Informatikspezialist an der TU Wien.

Der persönliche Lustgewinn spielt bei Hackern meist eine wichtigere Rolle als das politische Statement. „Sorgt dafür, dass wir viel zu lachen haben“, heißt es zum Beispiel in einer Internet-Anleitung von Anonymous, wie man über Chats in Kontakt mit dem Kollektiv treten kann.

Zuschlag auf Zuruf

Von „Prestigehackern“ spricht Peter Gridling, Chef des österreichischen Bundesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung. Seine Behörde ist erst dabei, ihre Kompetenzen zu bündeln, um der neuen Gefahr auf Augenhöhe begegnen zu können. Während die rund 300 auf viele Strukturen verstreuten Cyber-Fahnder erst gemeinsame Büros suchen, wieseln die Aktivisten der Hackerkollektive organisatorisch schlank und rank längst durch ständig wechselnde Chat-Rooms. Sie wählen ihre Angriffsziele in virtuellen Räumen aus. Das macht sie de facto unantastbar und erhöht ihre Gefährlichkeit.

Die Cyber-Aktivisten sind kaum lokalisierbar und schlagen auf Zuruf los. LulzSec macht sich etwa gerne einen Sport daraus, weltweite Vorschläge für Angriffsziele über Twitter entgegenzunehmen. Treffen kann es alle. „Mitglied des Establishments zu sein und einem autonomen Mitglied einer Aktionsgruppe aufzufallen reicht schon“, weiß Hacker-Jäger Kämper. Finden sich über das Internet genug Mitstreiter, geht der Angriff los – um zur Attacke blasen zu können, benötigt man ein Bot-Netzwerk, also per Trojaner übernommene, zweckentfremdete Computer.

Was die über den Globus verstreuten Hacker zur Bewegung eint, ist weniger ein sozialpolitisches Ziel, sondern eine gemeinsame Absicht: die Bloßstellung der Opfer. Unternehmen erwischt es ebenso wie politische Institutionen. Die Anthropologin Gabriella Coleman von der US-Universität Princeton sieht in Anonymous „eine Schnittstelle für Geeks, um aktiv zu werden“. Kämper hält aktuell Konzerne wie Microsoft oder Oracle für gefährdet.

Weder in Österreich noch sonstwo können die Behörden mit den wendigen und strukturlosen Einzelkämpfern Schritt halten, die ihre Kräfte je nach Bedarf bündeln und wieder entbündeln. So tragen sie ein nur geringes Risiko, erwischt zu werden, auch wenn Manfred Matzka, Präsidialchef des Bundeskanzleramtes, behauptet: „Wir sind beim Aufspüren von Hackern besser, als vermutet wird.“ Verfassungsschützer Gridling kann sich aus dem Stegreif jedoch hierzulande nur an zwei Verhaftungen in letzter Zeit erinnern. Ob die Angreifer auf SPÖ, FPÖ und GIS je gefasst werden, wagt er nicht zu sagen. Internationale Erfolge wie jüngst die Verhaftung von 21 mutmaßlichen Anonymous-Leuten in den USA, Großbritannien und den Niederlanden durch das FBI sind seltene Prestigeerfolge der Behörden.

Da die Hacker oft honorige Berufe ausüben und die Auswahl der Ziele spontan erfolgt, sind Früherkennung und Prävention Dinge der Unmöglichkeit. Verfassungsschützer Gridling windet sich, wird er um Warnungen gebeten: „Wer Opfer sein wird, ist nicht vorherzusagen.“ Zur Vorbeugung empfiehlt er Hausbackenes: „Aktuelle Sicherheitssoftware, gute Firewalls, Problembewusstsein.“ Ob man angegriffen wird, so fürchtet der Anti-Terror-Mann, „hängt wohl davon ab, wessen Aufmerksamkeit man erregt“.

Neue Ära

Im Cyber-Aktivismus scheint jedenfalls eine neue Ära angebrochen zu sein. Die aktuelle Welle der Hacker-Angriffe zeitigt – auch ohne klare politische Hintergründe – Auswirkungen auf die reale Welt. Medienwissenschaftlerin Jana Herwig ist überzeugt: „Die Trennung zwischen Cyber-Aktionen und Realität kann nicht mehr aufrechterhalten werden.“ Das Internet mit seinen neuen Labels werde zum „Tool der Protestjugend“, die Welt müsse sich auf Unmutsäußerungen jenseits von Demonstrationen einstellen.

Und schon bald könnte wieder alles anders werden: Auch Anonymous beginnt, sich zu organisieren. Der 30. Juli ist weltweit in Städten für die „Operation On - s laught“ reserviert, ein Aktivistentreffen, um sich nun doch auch persönlich auszutauschen. Im Web existiert seit kurzem eine Anonymous-Seite namens „The Plan“: ein Dreistufen-Aktionsmodell für den Weg zu einer besseren Welt. Nicht nur bei der GIS wird das für Beunruhigung sorgen.

– Klaus Puchleitner, Jelena Gucanin

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