"Der Text wirkt, als hätte ihn eine Hilfskraft geschrieben"

"Der Text wirkt, als hätte ihn eine Hilfskraft geschrieben"

FORMAT: Was halten Sie von dem Aufruf, der von Hans-Werner Sinn mitinitiiert wurde und den rund 170 Ökonomen unterschrieben haben?

Van der Bellen: Ich halte das Schreiben für ziemlichen Schwachsinn. Ich kenne Sinn, und es sind jede Menge illustre Namen darunter, aber der Text wirkt, als hätte ihn eine wissenschaftliche Hilfskraft geschrieben, er ist schlampig und inhaltlich dumm.

FORMAT: Welche Stellen stören Sie konkret?

Van der Bellen: Wenn etwa davon die Rede ist, dass die Bankschulden dreimal so groß wie die Staatsschulden sind. Da sag ich: Na und? Auch meine Einlagen bei der Bank Austria sind Schulden der Bank an mich, und seit wann sind hohe Bankeinlagen ein Problem? Gemeint ist da offenbar die Forderungsseite. Dann steht da was von "soliden Ländern“ oder "struktureller Mehrheit“, ohne zu definieren, was man darunter versteht. Oder es ist die Rede davon, dass es nur eine Gruppe gibt, die die Lasten tragen sollte, wenn die Schuldner nicht zurückzahlen können, nämlich die Gläubiger. Aber was ist denn mit den Eigentümern, den Aktionären? Ich bin über das Papier erbost.

FORMAT: Warum unterschreiben Ökonomen so etwas? Gibt es da Gruppendruck?

Van der Bellen: Ein wenig wahrscheinlich schon. Wenn ein Kollege, den ich schätze, anruft, hätte ich vielleicht auch ja gesagt und unterschrieben. Sinn ist ja ein guter Ökonom, aber er versteigt sich in eine Kassandrastimmung und vertritt rein deutsche Interessen.

FORMAT: Agieren die Ökonomen unabhängig, wenn sie auf diese Weise versuchen, auf Merkel Druck zu machen?

Van der Bellen: Die Wissenschaft ist unabhängig, aber es gibt schon so etwas wie nationale Eigenheiten. In Deutschland ist die kollektive Erinnerung an die Hyperinflation der 20er-Jahre präsenter als anderswo, französische Ökonomen etwa haben viel weniger Probleme mit den Staatsschulden.

FORMAT: Überfordert die Krise die Ökonomen?

Van der Bellen: Das kann schon sein. Es ist schwierig, alles im Blick zu behalten, und es gibt nicht die einzige, wahre, seriöse Lösung für die Krise. Es ist einfach, alles zu kritisieren, auch den Brief von Sinn.

Weiterführende Links: DerSinn-Aufruf im Wortlaut

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