"Ein italienischer Hilferuf ist derzeit nicht abzusehen"

"Ein italienischer Hilferuf ist derzeit nicht abzusehen"

Nach dem Rettungsantrag Spaniens für seinen Bankensektor rumort es auch in Italien: Mit der Banca Monte dei Paschi di Siena (MPS) lässt das drittgrößte Kreditinstitut des Landes möglicherweise bald eine milliardenschwere Kapitallücke vom Staat schließen.

Doch erscheinen die Probleme der ältesten Bank der Welt eher hausgemacht. Italien wird nicht das zweite Spanien und muss keine Hilfen für seine Institute in Brüssel beantragen - zumindest vorerst. Sollte die seit Jahren vor sich hin dümpelnde Wirtschaft nicht in Gang kommen und das Schuldenproblem des Staates überhandnehmen, droht dies aber zu einer äußerst brisanten Mischung für die Banken zu werden.

"Ein italienischer Hilferuf ist derzeit nicht abzusehen", meint Finanz-Experte Dirk Müller-Tronnier von Ernst & Young. "Aber nur, wenn die Eurokrise nicht eskaliert", warnt Bankprofessor Martin Faust von der Frankfurt School of Finance & Management. Während die geplatzte Immobilienblase in Spanien praktisch das gesamte Sparkassenlager in Probleme stürzte, hat sich in Italien noch kein ähnliches Beben im Finanzsystem ereignet. Doch auch in diesem Südland liegt einiges im Argen: Es tummeln sich zu viele Banken auf dem Markt. Zudem wächst die Wirtschaft seit Jahren nicht mehr. "Das schlägt irgendwann natürlich voll auf das Geschäft der Finanzinstitute durch", meint Faust.

Zugleich ist mehr als die Hälfte der italienischen Staatsanleihen in inländischen Händen - und das sind zumeist Banken. Sie haben beim Langfristtender der Europäischen Zentralbank Schlange gestanden, um sich die großzügige Liquiditätsspritze der EZB abzuholen. "Auch weil es politisch gewollt war, haben sie davon wieder italienische Anleihen gekauft", erläutert Faust. Doch hier lauern Risiken: Sollte Italien in der Euro-Krise ins Schlingern geraten, würden dies auch die Geldinstitute voll in ihren Bilanzen zu spüren bekommen. Der Schuldenberg Italiens wird in diesem Jahr weiter steigen - nach Prognose der EU-Kommission auf 123,5 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. 2008 waren es nur knapp 106 Prozent. Nur in Griechenland ist der Berg noch höher. Italien ist damit der viertgrößte Schuldenmacher weltweit.

Risikomanagement ist verbesserungswürdig

Die Rating-Agentur S&P, die die MPS jüngst herunterstufte, rügte insbesondere, dass das altehrwürdige Institut bereits mit einem "höheren Bestand an ausfall-gefährdeten Vermögenswerten" in die Krise gegangen ist und auch danach noch munter riskante Papiere angehäuft hat. Das Institut im beschaulichen Siena in der Toskana ist weit weg vom italienischen Finanzzentrum Mailand. "So weit weg vom Schuss fehlte es beim Risikomanagement wohl an frischem Wind", heißt es dazu in Finanzkreisen. Der neue MPS-Präsident Alessandro Profumo, der vom Branchenprimus Unicredit in die Provinz wechselte, konnte das Ruder nicht schnell genug herumreißen.

Doch ist die Bank im Feld der großen Institute in Italien eher ein Einzelfall. Unicredit und auch die Nummer Zwei, Intesa Sanpaolo, gelten als verhältnismäßig gut aufgestellt. "Die Probleme sind eher im Mittelfeld zu finden", sagt Faust. Zu viele Institute seien ausschließlich regional verankert und daher insbesondere im strukturschwachen Süden des Landes im Abschwung anfälliger. Zugleich sind einige Geldhäuser bei der Ausweitung ihrer Geschäftsfelder wohl übers Ziel hinausgeschossen - etwa durch Engagements im Investmentbanking. Eine Konsolidierungswelle ist in den nächsten Jahren unausweichlich, meint Ernst & Young-Mann Müller-Tronnier: "Sollte MPS noch stärker in den Abwärtsstrudel geraten und eines Tages komplett von der Bildfläche verschwinden, wäre dies traurig und tragisch". Schließlich existiert die Bank bereits seit 1472.

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