"An ein 'Drachmageddon' glauben wir nicht"

Gut 150 Journalisten drängen sich um Alexis Tsipras, den Chef des linksradikalen griechischen Wahlbündnisses Syriza, als er am Dienstag vor die deutsche Hauptstadtpresse tritt.

"Ist ja wie bei der Kanzlerin hier", wundert sich ein Reporter. Nachdem sich das Blitzlichtgewitter gelegt hat, serviert der ehemalige kommunistische Studentenführer dem Saal Dialektik: Nicht ein Ende des Sparkurses, sondern dessen Fortsetzung würde das Ende des Euro bedeuten. Sollte Syriza die Parlamentswahl in drei Wochen gewinnen, könnte Tsipras neuer griechischer Premier werden. Höchste Zeit, das Rezept seines Erfolges zu ergründen.

Für die Deutsche Bundesregierung kam ein Treffen mit dem von seinen Anhängern wie ein Popstar gefeierten Griechen nicht in Frage. Tsipras war auf Einladung der Linkspartei in Berlin. Auch in Paris, wo er am Montag nach Gesprächspartnern suchte, hatte nur der linke Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Melenchon Zeit für den jungen Genossen aus Athen. Vielleicht hätten die Verfechter des Sparkurses, allen voran die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, ja ein schlechtes Gewissen und seien deshalb nicht diskussionsbereit, sagt Tsipras - und wendet sich deshalb gleich an alle Deutschen.

"Wir bitten um die Solidarität des deutschen Volkes", sagt Tsipras, der für sich jetzt schon in Anspruch nimmt, für die Griechen zu sprechen: "Wir sind nach Berlin gekommen, um Sie zu überzeugen - nicht um Sie zu erpressen -, dass es in Ihrem Interesse ist, dass die Austeritätspolitik gestoppt wird." Dann folgt die Argumentationskette, die Syriza wie aus dem Nichts bei der Wahl am 6. Mai zur zweitstärksten Kraft in Griechenland gemacht hat: Mit den Rettungsmilliarden werden die Banken und nicht die Wirtschaft gestützt, der harte Sparkurs verschärft die Rezession, so ist das Land nie in der Lage, die Hilfsmilliarden zurückzuzahlen. Stattdessen muss ein Wachstumsprogramm her.

Griechen wollen Euro behalten, aber nicht sparen

Das könnte auch von anderen griechischen Politikern so gesagt werden. Hinzu kommt bei Tsipras allerdings noch eine Prise Klassenkampf. Kriege fänden nicht zwischen Völkern statt, sondern zwischen Banken und Kapitalisten einerseits und dem Volk und den Arbeitnehmern andererseits. Er jedenfalls bedanke sich beim deutschen Volk für dessen Solidarität. Zeigen könne man die auch, indem man weiter nach Griechenland in den Urlaub fahre.

Der Clou, der wohl erklärt, warum Syriza in Umfragen derzeit auf fast ein Viertel der Wählerstimmen kommt: Tsipras scheint fest davon überzeugt, dass die Griechen in der Euro-Zone bleiben können, auch wenn sie den mit ihren Euro-Partnern und dem IWF ausgehandelten Sparkurs verlassen. Denn drei Viertel der Griechen wollen weg von Reformen und Steuererhöhungen, aber den Euro behalten. Dass zahllose europäische Politiker seit der gescheiterten Regierungsbildung klar gemacht haben, dass es ein solches griechische Paradoxon nicht geben wird, blenden sie aus. An ein "Drachmageddon" - zurück zu Drachme - glauben sie nicht.

Eine Möglichkeit, die Griechen aus dem Euro zu werfen, gebe es ja auch gar nicht, sagt Tsipras. Außerdem drohe dann eine Kettenreaktion, andere Länder könnten folgen, was dann schon eher nach Erpressung klingt, und nicht mehr nach Solidarität.

Vielen Griechen gibt Tsipras, der einem komplizierten Bündnis linker Splittergruppen vorsteht, im fünften Rezessions- Jahr schlicht und einfach Hoffnung. Dazu kommt sein einnehmendes Wesen. "Der hat was von Antonio Banderas", sagt eine Journalistin nach der Pressekonferenz. Alleine das Bild! In der Mitte der jugendlich-frische Tsipras, eingerahmt von Ernst und Gysi, beide abgekämpft im jahrelangen Führungsstreit ihrer Partei. Kein Wunder, dass die griechischen Konfektionspolitiker alter Schule Mühe haben, gegen den Medienliebling zu punkten.

Fraglich ist, ob er den Zauber bis zur Wahl am 17. Juni aufrecht erhalten kann. Gewinnt er und schafft es auch noch, eine Regierung unter seiner Führung zu bilden, wird sich allerdings zeigen, wer in der Realität ankommen muss: Tsipras oder Merkel. Im Juni jedenfalls geht der griechischen Regierung ohne weitere Hilfe seiner Euro-Partner das Geld aus: nicht nur für Zinsen an die Banken, sondern auch für Löhne, Renten und Medikamente.

Reuters

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