Das neue Leben des Günter Kerbler

Das neue Leben des Günter Kerbler

Der frühere Conwert-Immobilien-Tycoon ist umtriebig wie eh und je. Mit Investments von A wie Algen bis Z wie Zinshäuser bastelt Günter Kerbler an einem neuen Unternehmens-Imperium.

Juli 2008: Günter Kerbler sieht nicht wirklich gut aus, ist aufgedunsen, raucht bis zu 80 Tschick am Tag, schläft manchmal bei Sitzungen ein. Einen kleinen Herzinfarkt hat er schon weggesteckt. "Es ist 5 nach 12“, sagen die Ärzte. "Es kann jederzeit aus sein.“ Der hemdsärmelige Selfmademan und Gründer der börsennotierten Immobilien-Gruppe Conwert - vor der Krise immerhin ein etwa 1,5-Milliarden-Gigant - checkt widerwillig im Wiener AKH ein und wird nach drei Bypass-Operationen entkräftet entlassen.

Dann reißt er eine üble Depression auf. "Mir ist alles auf den Nerv gegangen: Dieses ewige Im-Rad-Laufen, die stressigen Reisen, meine neuen Partner, die Anrufe von Mietern mitten in der Nacht, weil eine Tür quietscht. Ich hab mich gefragt, wofür das alles gut ist.“ Er verkauft bis auf einen Promille-Anteil (aktuell 17.000 Aktien) Stück für Stück seine Conwert-Papiere und scheidet im Oktober 2010 endgültig aus. Drei Hypnose-Versuche später hört er zu rauchen auf. Und eine Ultraintensiv-Intravenös-Vitamin-C-Kur gibt ihm Anfang 2011 schließlich all seine verbrannte Energie zurück. "Danach war ich wieder am Damm und hab neu gestartet“, sagt er.

Juli 2012

Günter Kerbler sitzt entspannt in seinem weitläufigen Büro im Wiener Parkring-Tower, wo im ersten Stock über dem Gartenbaukino inzwischen die Fäden der Kerbler-Holding zusammenlaufen. Unter diesem Dach hat der umtriebige Unternehmer in nur gut einem Jahr ein beachtliches Firmenimperium zusammengezimmert (siehe Organigramm ). "Das Einzige, was mir hier nicht passt, ist die Raumhöhe“, so der 57-jährige gebürtige Horner. "Ich bin Altbauten gewohnt.“

Natürlich dreht sich nach wie vor ein Gutteil seiner Aktivitäten um Immobilien, die nun in der "Vienna Estate“ zusammengefasst sind. Kerbler hält an dieser Gesellschaft 25 Prozent, den Rest teilen sich "die üblichen Verdächtigen“, seine Weggefährten Armin Burger (Ex-Hofer-Manager), Vitus Eckert (Rechtsanwalt in Baden), Johann Kowar (Ex-Conwert-CEO) und Walter Scherb (Spitz Fruchtsäfte). Die Vienna Estate investiert in Wiener Wohnhäuser in vielversprechenden Gegenden, etwa in der Kaiserstraße oder der Fasangasse, um sie nach Entwicklung als Anlageobjekte zu vermarkten. Beispielsweise einen Gebäudekomplex in der Hellwagstraße im 20. Bezirk, wo auf 3.500 Quadratmetern gerade 41 exklusive Penthouse-Vorsorgewohnungen entstehen.

Die Investorensuche dafür übernimmt die Wiener Privatbank, an der Kerbler etwas über 35 Prozent hält. Das kleine, feine Institut ist mit 35,9 Millionen Eigenkapital ausgestattet und wies 2011 eine Bilanzsumme von 90,7 Millionen sowie ein Betriebsergebnis von knapp sechs Millionen Euro aus. Erst dieser Tage wurden unter dem neuen Management rund um Ex-Credit-Agricole-Mann Eduard Berger 75 Prozent der Vermögensberatungsgesellschaft Matejka & Partner übernommen.

Einige alte und ein paar neue Projekte runden die Kerbler-Immo-Investments ab: Nach wie vor besitzt er als Nebenerwerbs-Landwirt etwa 3.800 Hektar Farm- und Ackerland im rumänischen Landkreis Jalonica, wo Kukuruz, Gerste und Raps angebaut werden. Begonnen hat dieses Engagement als Sozialprojekt für 28 mittellose Heimkinder, changierte allerdings nach dem Auszug der Kids zur Grundstücksspekulation. Kerbler: "Ich habe zwischen 150 und 1.500 Euro für einen Hektar, der bei uns 20.000 Euro wert wäre, bezahlt. Ich rechne schon mit 2.000 Euro Ertrag pro Hektar. Im Grunde genommen gehöre ich in Rumänien inzwischen also zu den berüchtigten Land-Grabbern.“

Zu erwähnen wären auch noch eine beachtliche Hotelanlage in der Dominikanischen Republik, die mit meist amerikanischen Touristen etwa 120 Millionen Dollar Umsatz erwirtschafte. Eine Handvoll Wohnungen sowie ein Townhouse-Projekt in New York. Und ein Stück brachliegendes Bauland in Damaskus, über das er allerdings nicht so gerne spricht.

Der Griff nach Griffner

Nahezu ins Schwärmen gerät Kerbler indes bei seiner 30-Prozent-Beteiligungs-Story am Kärntner Holzbauunternehmen Griffner. "Kurz nach dem Ausstieg bei Conwert ist er mitten in einem Wörthersee-Urlaub überraschend bei uns hereingeplatzt“, erinnert sich Griffner-Haupteigentümer Thomas Lenzinger. "Und hat nur gemeint: Ich denke, Holz ist im Kommen.“

Kerbler rannte beim Holzbau-Pionier Lenzinger offene Scheunentore ein. Der erzählte ihm von einer neuen EU-Gebäuderichtlinie, deren Energieeffizienzvorschriften nur in einem regelrechten Boom der Holzbauweise münden könnten. Nach einem Appell an Kerblers grüne Seele, der Schilderung der neuen Griffner-Strategie - neben dem Kerngeschäft mit hölzernen Einfamilienhäusern eine Expansion hin zu mehrgeschoßigen Wohn- und Bürobauten aus Holz, bis zu zehn Etagen hoch - und einem Blick in die Auftragsbücher hatte Lenzinger einen neuen Investor gewonnen. "Er ist ja ein ungemein bauernschlauer Unternehmer“, so der Holz-Profi. "Aber wichtiger war fast, dass es ihn einfach wieder gejuckt hat. Er wollte es noch einmal wissen.“

Griffner erwirtschaftet derzeit mit etwa 250 Beschäftigten einen Umsatz von rund 70 Millionen Euro, in den Büchern stehen für 2013 Aufträge über etwa 100 Millionen. In Deutschland wird gerade ein 13 Meter hohes, 11.000 Quadratmeter Bruttogeschoßfläche großes Holz-Bürogebäude für den Öko-Konzern Juwi fertiggestellt. Auch die Nobel-Appartements in der Hellwagstraße stammen von Griffner. "Und weil der Standort in Kärnten aus allen Nähten platzt“, sagen Kerbler und Lenzinger, "überlegen wir den Bau eines Werks in Wien.“

Ins Auge gefasst ist eine Produktionsstätte in der Nähe der General-Motors-Werke bei der geplanten Seestadt Aspern, die auf 20.000 Bewohner und noch mal so viele Arbeitsplätze ausgelegt ist. Darüber verhandeln Griffner und Kerbler mit der Stadt Wien derzeit um mehrere Grundstücke, darunter eines mit rund 75.000 Quadratmetern potenzieller Bruttogeschoßfläche, was je nach Größe 300 bis 400 Wohnungen entsprechen würde.

Allerdings rittern um dieses Geschäft noch zwei weitere Bieter-Gruppen rund um Rene Benko und Hans Peter Haselsteiner. "Um diesen Expansionsschritt realisieren zu können, verhandeln wir derzeit jedenfalls mit neuen Investoren“, so Lenzinger. Ergänzt Kerbler: "Da sind große, börsennotierte Kaliber dabei. Aber die wollen gleich 50 Prozent. Das wird es sicher nicht spielen.“

Flying down to Recife

Während sich diese Verhandlungen noch bis in den Herbst hinziehen dürften, knallen an einer weiteren Investment-Front Kerblers bereits die Sektkorken. Erst am 19. Juni gab das Wiener Umwelttechnologie-Unternehmen SEE Algae, an dem der frühere "AZ“- und "Falter“-Mitbesitzer seit einem Jahr mit 51 Prozent beteiligt ist, den Verkauf einer Algen-Farm in Recife an den brasilianischen Energie-Giganten Grupo JB im Wert von rund acht Millionen Euro bekannt. "Seither rennen uns die Kunden die Tür ein“, sagt SEE-Algae-Chef Joachim Grill. "Wir haben Anfragen für weitere Algenzucht-Anlagen in ganz Brasilien, aus Südafrika, von den Philippinen und sogar aus Neapel.“

Das SEE-Algae-Konzept funktioniert vereinfacht gesagt so: In etwa fünf Meter hohen Silos, die zu Farmanlagen von je einem Hektar gekoppelt sind, werden Algen in einer CO2-Nährflüssigkeit mit ausgeklügelter Sonnenbelichtung gezüchtet. Nach der Ernte erfolgt die Verarbeitung in Bio-Treibstoffe sowie Rind- und Fischfuttermittel. Der Ex-Agrolinz-Manager Grill: "Ein riesiger Markt tut sich da auf. Derzeit planen wir eine Kapitalerhöhung, und auch der Gang an die US-Technologiebörse Nasdaq wird seit Monaten vorbereitet.“

Kerbler hat laut eigenen Angaben bisher etwa drei Millionen Euro in die SEE Algae investiert und meint, "dass sie bei einem Börsengang sicher 100 Millionen oder mehr wert ist, wenn das Geschäft so richtig abhebt“. Angesichts der rund 50 Millionen Euro, die der ehemalige Eisverkäufer, Bademeister und Wirt bisher in den Aufbau seines neuen Imperiums gesteckt hat, keine schlechte Perspektive.

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