Sci-Fi-Komödie 'Iron Sky' - Nazis im Weltraum

Am 5. April startet die finnisch-deutsche Sci-Fi-Komödie "Iron Sky“ über Nazis im Weltraum in den heimischen Kinos. Historiker, Satiriker und die Direktorin des Jüdischen Museums Wien analysieren, warum der Film platt bleibt und die Diskussion über das befreiende Lachen als legitimes Mittel zur Aufarbeitung immer noch eine verkrampfte ist.

Eine nahe Zukunft. Genauer: 2018. Amerika schickt eine Mondexpedition los, und die entdeckt auf der dunklen, unbeleuchteten Seite des Erdtrabanten eine Nazi-Kolonie. Nazis im Weltraum, das Ewiggestrige hat sich hinterm Mond versteckt und findet es nun an der Zeit, nach über sieben Jahrzehnten Darben im Weltall, den alten Heimatplaneten zu erobern.

Willkommen im Plot von "Iron Sky“, einer finnisch-deutsch-australischen Filmproduktion, die im Gewand der Science-Fiction und mit Trashkultur-Anspruch die Nazi-Ideologie mit überzeichnenden Mitteln der Satire zu demaskieren gedenkt. Mit wilden Plot-Twists, absurden Details und überdrehten Dialogen.

Ein filmischer Ansatz, der jetzt nicht unbedingt neu ist. Nazi-Exploitation-Filme, die mit galligem Trashglamour das Dritte Reich aufs Korn nehmen, gibt es seit den 60er-Jahren. "They Saved Hitler’s Brain“, "Fräulein Devil“ oder "Ilsa: She Wolf of the SS“ sind dabei die filmischen Ahnen, die "Iron Sky“ nur allzu gern beerben würde. Das Setting im Weltraum verspricht da zumindest einen interessanten Zugang. Wobei, auch der ist nicht ganz neu. Das Raumschiff Enterprise unter dem Kommando von Captain Kirk landete bereits 1968 auf einem Nazi-Planeten. Die Folge wurde allerdings auf Deutsch erst 1995 synchronisiert und überhaupt erst im November des Vorjahrs im Free-TV (ZDF neo) ausgestrahlt. Und auch auf der Theaterbühne ließ bereits 1998 das Künstlerkollektiv Habsburg Recycling im Stück "Nazis im Weltraum“ Hitler, Goebbels und Eva Braun für den steirischen herbst durchs All fliegen. Hubsi Kramar spielte damals übrigens zum ersten Mal Adolf Hitler.

Nichtsdestoweniger hat der Weltraum-Sci-Fi-Ansatz durchaus Potenzial, insbesondere wenn er mit den ultrarechtskonservativen gesellschaftlichen Auswüchsen in den USA, die in der Tea Party ein Sprachrohr gefunden haben, in Kontext gesetzt wird.

Hohe Erwartungen

Bei der Berlinale im Februar, als die Produktion ihre Weltpremiere hatte, sorgte die Nazi-Persiflage jedenfalls für Diskussionsstoff und warf dabei auch altbekannte Fragen auf: Lachen über Nazis - darf man das? Wird dabei nicht das NS-Regime verharmlost, seine Opfer lächerlich gemacht?

Ja, man darf! Man macht das ohnehin schon lange. Charles Chaplin und Ernst Lubitsch etwa bereits in den 40er-Jahren mit "Der große Diktator“ und "Sein oder Nichtsein“. Oder Quentin Tarantino erst vor drei Jahren mit "Inglourious Basterds“. Grundvoraussetzung dafür ist aber, dass Plattitüden und seichter Witz außen vor bleiben.

Das gelingt Timo Vuorensola, dem finnischen Regisseur von "Iron Sky“, ganz und gar nicht. Einfallslos werden unhinterfragte Klischees aneinandergereiht, die Schauspieler wie Udo Kier, Götz Otto oder Christopher Kirby bleiben am Weg zur totalen Charakterüberzeichnung auf halber Strecke stehen. Hinter den Gags verbirgt sich kaum jemals tiefere Bedeutung, zudem zitiert man sich durch einschlägig bekannte Genreklassiker. Da ist also nicht viel los dort oben im Weltall, und so bleibt "Iron Sky“ ein belangloses Sammelsurium an Albernheiten, das glorreich am eigenen Trash-Anspruch scheitert. Immerhin erstaunlich: das Finanzierungskonzept hinter der Produktion über Crowdfunding und die Tatsache, dass man 2012 mit 7,5 Millionen Euro solch spitzenmäßige Special Effects hinkriegt.

- Manfred Gram, Michaela Knapp

MEINUNGEN:

Doron Rabinovici, Autor & Historiker
Kann über alles gelacht werden? Nein. Über grottenschlechte Witze nicht. Sicher kann über die Nazis gelacht werden. Sicher darf man. Man muss es nur können! Und der Film "Iron Sky“ kann es nicht. Er ist billiger Klamauk. Nicht, weil da die Nazis hinter dem Mond verschwunden sind. Dem Film ist auch nicht vorzuwerfen, auf Kosten der Opfer zu lachen. Er ist ja "judenrein“. Es kommt nicht einmal das Wort Jude vor. "Iron Sky“ ist einfach eine vergebene Chance. Er ist nicht komisch.

Über den Nationalsozialismus sind wunderbar intelligent-lustige Filme gedreht worden: von Chaplins "Der große Diktator“ über Lubitschs "Sein oder Nichtsein“ bis zu Tarantinos "Inglourious Basterds“. Ihr Humor macht uns hellsichtiger. Wenn Menschen über oder besser gesagt gegen die Nazis lachen, nimmt man diesen einen Teil ihrer dämonischen Faszination. Jeder Witz hängt aber davon ab, wer ihn wann und wo erzählt. Der jüdische Witz kann etwa sehr schnell zum Judenwitz umschlagen. Den Freibrief, einen schlechten Witz zu erzählen, hat allerdings niemand. Unerträglich ist für mich der Satz: "Auch Spaß muss sein!“ Wo Spaß sein muss, hört er für mich schon wieder auf.

Die Klage, es könne wegen der "political correctness“ gar nichts mehr gesagt und nicht gelacht werden, ist Unsinn. In Deutschland und in Österreich gibt es die "political correctness“ kaum. Sie wird hier nur als Schreckgespenst beschworen, um gegen egalitäre Bestrebungen mobilzumachen. Im Übrigen waren die 1950er, als noch keiner den Begriff kannte, biederer und gewiss nicht lustiger als unsere Zeit.

Danielle Spera, Direktorin Jüdisches Museum Wien
Ich habe mich über die verlorene Zeit geärgert. Der Film "Iron Sky“ ist weder witzig noch intelligent, sondern platt und leer. Für meine Begriffe nicht sehenswert. Mein Eindruck ist, dass die Nazis überhaupt nicht kritisch und zu wenig distanziert betrachtet werden. Dass Sarah Palin als US-Präsidentin ins Lächerliche gezogen wird, erscheint absurd angesichts des aktuellen US-Wahlkampfs, wo sie keine Rolle spielt. Erstaunt bin ich darüber, dass Menschen via "Crowdfunding“ Geld ausgegeben haben, um diesen Film zu unterstützen, und auch das Publikum bei der Berlinale durchwegs positiv reagiert hat. Es gibt so viele intelligente Filme, die dieses Thema aufs Korn nehmen. Humor ist ein durchaus legitimes Mittel zur Aufarbeitung. Einer der großartigsten Filme diesbezüglich ist Lubitschs "Sein oder Nichtsein“. Diesen Film sollte jeder gesehen haben. Intelligent, mit Wortwitz und subtilem Humor. Bei "Iron Sky“ wird nur mit der Keule gearbeitet. Wirklich erschreckt haben mich allerdings manche Kommentare im Internet. Einer ist mir im Gedächtnis geblieben: "Hoffentlich finden die Juden den Film auch lustig, sonst wird er sicher sofort verboten.“

Florian Scheuba, Satiriker

In Österreich brauchen wir zum Thema Nazis keine Science-Fiction. Unser Dritter Nationalratspräsident Martin Graf zum Beispiel ist Mitglied der Burschenschaft Olympia, und die ist nicht nur rechtsextrem, dort wird auch lupenreinen Neonazis wie dem Liedermacher Michael Müller eine Auftrittsmöglichkeit geboten, bei der er Texte wie "Bei 6 Millionen Juden, da ist der Ofen an, mit 6 Millionen Juden ist noch lange nicht Schluss“ von sich geben darf. Nicht nur die Satire hat die Aufgabe, auf so etwas aufmerksam zu machen. Wie, ist Geschmacksfrage. Wir haben z. B. als "Staatskünstler“ H.-C. Straches groteske Aussage "Wir sind die neuen Juden“ nach Falcos "Helden von heute“ als "Wir sind die Juden von heut’“ interpretiert. Schlagende Burschenschafter lächerlich zu machen kann diese schon ein wenig verunsichern. Es ist wichtig, die anarchische Kraft des Lachens auch einzusetzen. Vor Dingen, über die man lachen kann, fürchtet man sich weniger.

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