"Ich verbrenne kein Geld"

Der Hedgefondsmanager Edi Pomeranz screent den Kunstmarkt nach den Mechanismen der Finanzwelt und hat innerhalb von vier Jahren eine spektakuläre Sammlung internationaler Conzept-Art & Minimalkunst aufgebaut. Nun zeigt er sie im Jüdischen Museum Wien. Im Interview analysiert er Kunst & Markt.

Edi Pomeranz schätzt Weitsichtigkeit, nicht nur was seine Finanzgeschäfte betrifft. Auch der Blick aus seinem Büro der FTC Capital im elften Stock des Galaxy Towers im zweiten Wiener Bezirk kann sich sehen lassen. Während hier gerade die letzten Kunstwerke abmontiert und ins Jüdische Museum transportiert werden, wo die Pomeranz Collection ab 24. Mai erstmals öffentlich zu sehen sein wird, erklärt der erfolgreiche Sammler seinen pragmatischen Zugang zur Kunst und den boomenden internationalen Auktionsmarkt, der aktuell mit Rekordergebnissen für Gesprächsstoff sorgt.

FORMAT: Der US-Kunstexperte Michael Findlay sagt: Der Erwerb von Kunst ist eine Kunst und kein Geschäft. Wie sieht das der Finanzexperte?

Pomeranz: Dem würde ich komplett widersprechen. Die Kunst ist längst ein Riesengeschäft geworden. In der Kunst wirken dieselben Marktmechanismen wie an der Börse, dessen muss man sich bewusst sein. Wenn man sich das nicht eingestehen will, ist man entweder wahnsinnig reich, oder man verbrennt sinnlos Geld. Was sicher nicht meine Intention ist.

FORMAT: Wie sind Sie auf die Kunst gekommen?

Pomeranz: Kunst gehört zu den Alternativen Investments, und ich bin in der Alternative-Investments-Branche, also war der Schritt nicht besonders groß. Nichtsdestotrotz ist Investment nicht meine vordergründige Motivation, Kunst zu sammeln. Aber einer der Gründe.

FORMAT: Und die anderen?

Pomeranz: Ein weiterer Aspekt ist, dass Künstler den Zeitgeist viel besser fühlen als wir Wirtschaftstreibende. Das spricht mich an. Ich lebe im Hier und Jetzt und möchte den Zeitgeist spüren. Ich bin ja im Handel mit Futures. Zeitgenössische Kunst ist eine Möglichkeit, Geschichte mitzubegründen und Werte zu schaffen. Wir leben ja nicht unser Leben, sondern das Leben unserer Werte und Glaubenssätze. Ich umgebe mich in meinem Unternehmen auch gerne mit Menschen, die besser sind als ich. Ich bin lieber der Ärmste in einer reichen Straße als der Reichste in einer armen Straße. Nur dadurch kann man wachsen. Und Wachstum ist ein wichtiger Wert für mich. Damit meine ich natürlich nicht nur Wirtschaftswachstum. Sich mit Kunst zu umgeben ist eine sehr schöne Form zu wachsen. Weil man sich mit Ideen und Gedanken auseinandersetzen muss, die komplett anders sind als das eigene Weltbild.

FORMAT: Sind Sie diesbezüglich gewachsen?

Pomeranz: Definitiv. Weil ich begonnen habe, mich durch die Kunst selber besser zu verstehen. Ich liebe die Arbeit des albanischen Künstlers Adrian Paci "Every Immigrant has a story to tell“. Diese Idee, vom geschönten Foto, das man nachhause zur Familie schickt, um zu zeigen, dass man es geschafft hat, kann ich als Emigrantenkind, das in Wien groß geworden ist, gut nachvollziehen.

FORMAT: Sie sind den Aufbau Ihrer Sammlung logistisch angegangen, haben von Anfang an mit Kuratoren gearbeitet und ein Computersystem entwickelt, das eine Shopping-Shortlist erstellt.

Pomeranz: Ich lege die Mechanismen der Finanzwelt auf die Kunst um. Ich komme ja aus der Finanzwelt und verwalte das Geld mit systematisierten Modellen, also habe ich auch ein Computerprogramm entwickelt, das mir den Kunstmarkt screent. Das Ergebnis gehe ich dann in einer Fundamentalanalyse mit meinem Kurator Amin Barak durch. Das Werk muss aber auch mir entsprechen, ein Spiegelbild meiner Persönlichkeit sein.

FORMAT: Fachleute unterscheiden drei Funktionen von Kunst: Kunst als Investment, als Prestigeobjekt und als Sinnenfreude. Auf welche setzen Sie?

Pomeranz: Wir haben es ziemlich gut geschafft, alles unter einem Dach zu vereinen. Wir haben sehr prestigeträchtige Kunst.

FORMAT: Wie definieren Sie diese?

Pomeranz: Das ist jene Kunst, die eine Chance hat, in die Kunstgeschichte einzugehen. Und nicht die, die in Hochglanzmagazinen abgebildet ist. Die Grundidee, die ich aus der Finanzwelt mitnehme, liegt ja in der Zusammensetzung des Portefeuilles, also der Positionen, die ich mir anschaffe. Das unterliegt einem bestimmten Mix, der aus vier Kategorien besteht: Es gibt die Künstler, die von der Kunstgeschichte und vom Markt anerkannt sind - die kann ich mir nicht leisten! Dann gibt es jene Künstler, die von der Kunstgeschichte akzeptiert, aber am Markt noch unterbewertet sind. Da gibt es immer wieder Kaufgelegenheiten. Dazu gehört beispielsweise Valie Export. Der dritte Bereich sind sogenannte Midcareer-Artists, die von der Kunstgeschichte schon wahrgenommen worden sind, sich aber noch am Weg nach oben befinden; und natürlich die Emerging Artists, die jungen, die schon erste Ausstellungen haben, gut vernetzt und von guten Galerien vertreten sind …

FORMAT: … bei denen man aber nie sicher weiß, ob sie sich weiterentwickeln. Wie lange geben Sie einer Karriere Zeit? Galeristen raten zu zehn Jahren.

Pomeranz: Da stimme ich überein, Künstler sind ja keine Maschinen. Aber Sammeln ist ganz klar auch ein finanzieller Aspekt, und wenn die Performance nicht passt, dann stoße ich Werke wieder ab.

FORMAT: Welche Parameter sind denn in Ihrem Computerprogramm enthalten?

Pomeranz: Ich habe eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung, wo Mathematiker und Statistiker sitzen, Dass ich Standardabweichungen berechnen kann, davon können Sie ausgehen. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

FORMAT: Werden Sie für diesen pragmatischen Kunstzugang nicht oft angegriffen?

Pomeranz: Natürlich. Es wird mir oft vorgeworfen, dass ich sehr rational an die Sache herangehe, zu wenig Emotion zeige. Aber ich hänge nur an dem, was lebt. Und der Erfolg und die Sammlung geben mir Recht. In viereinhalb Jahren habe ich eine Sammlung mit rund 200 Arbeiten aufgebaut. Die ist, ohne überheblich klingen zu wollen, von den Kunstexperten honoriert und hat einen internationalen Standard. Mein erstes Werk war von Sol LeWitt.

FORMAT: Osteuropakunst, Performance, Konzeptkunst und Minimal Art - es handelt sich durch die Bank um schwierige Kunst, die kritische Themen anspricht.

Pomeranz: Ich habe nicht den Anspruch, dass das Bild zur Couch passen muss. Aber es muss zu mir passen und mein Wertesystem fordern. Jede Sammlung repräsentiert und spiegelt den Sammler. Meine Themen sind gesellschaftskritische wie etwa Migrationshintergrund. Ich werde ja auch als Finanzexperte permanent nach der Performance gefragt - daher interessiert mich auch die Performancekunst und die Konzeptkunst der 60er- oder 70er-Jahre. Wo man etwa bei So LeWitt ein Zertifikat mit drei Strichen und einer Unterschrift bekommt. Das ist cool.

FORMAT: Der Kunstmarkt liefert aktuell eine Top-Performance, 2011 war ein Rekordjahr …

Pomeranz: Auch der Automarkt hat Absatzrekorde gefeiert. Wenn man bereits ein diversifiziertes Portefeuille mit Immobilien, Aktien und Hedgefonds und zu viel Bargeld hat, investiert man in Kunst - in ein sogenanntes Real Asset. Man darf aber nicht den Auktionsmarkt, wo Kunst zu Geld gemacht wird, mit dem Primärmarkt verwechseln. Der ist extrem instransparent. Auch ich habe eben erst wieder etwas ersteigert: eine kunsthistorisch extrem wichtige Arbeit, "One and three Hammers“ von Josef Kossuth von 1965. In der Galerie kostet das um 100 Prozent mehr!

FORMAT: Hat die Krise der Kunst gutgetan, den Hype aus dem Markt genommen?

Pomeranz: Definitiv. Die Spekulanten sind verschwunden, und der Markt hat sich entschleunigt. Ich kann mich erinnern: 2007 hatte man für im Internet angebotene Arbeiten fünf Minuten für die Kaufentscheidung, jetzt hat man oft fünf Wochen Zeit.

FORMAT: Dennoch werden extrem hohe Preise erzielt, wenn man etwa an Munchs zum Schreien teuren "Schrei“ denkt. Für Sie nachvollziehbar?

Pomeranz: Die Leute wollen ihr Geld loswerden. Die wissen sehr wohl, dass sie zu viel bezahlt haben, denken aber anders: Hat man 120 Millionen Dollar am Konto, können 120 Millionen weg sein. Kauft man darum einen Munch, behält man zumindest 80 Millionen Dollar sicher. Im Krisenfall kann man natürlich davon nichts abschneiden, aber man hat einen Wert für die nächste Generation.

FORMAT: Was würden Sie persönlich kaufen, wenn Geld keine Rolle spielen würde?

Pomeranz: Einen Mark Rothko.

FORMAT: Wie soll es mit Ihrer Sammlung weitergehen? Sie zeigen sie nun im Jüdischen Museum, wird es auch einmal ein Pomeranz-Museum geben?

Pomeranz: Man muss mit der Sache wachsen. Wir versuchen, museal zu sammeln, ich habe aber nicht den Anspruch, alles abdecken zu müssen. Das ist der Vorteil eines privaten Sammlers. Wir gehen mit einigen Ideen schwanger, etwa einem öffentlichen Raum, wo man die Arbeiten zeigen, Ausstellungen kuratieren und Kunst unter die breite Masse bringen kann. So etwas ist eine Win-win-Situation für die Künstler, für den Sammler wie für die Gesellschaft.

FORMAT: Wenn man nach internationalen Experten wie Sotheby’s Chef-Auktionator Tobias Meyer geht, spielen die zeitgenössischen österreichischen Künstler am internationalen Markt kaum eine Rolle …

Pomeranz: Dem kann ich nur Recht geben. Es wird mir auch vorgeworfen, zu wenig österreichische Kunst in der Sammlung zu haben. Andererseits: Franz West ist bekannt, Heimo Zobernig ist international sehr präsent, der Wiener Aktionismus ist noch extrem unterbewertet. Ich wage sogar zu behaupten, dass Valie Exports Œuvre mindestens so spannend ist wie jenes von Marina Abramovi´c. Dennoch ist Abramovi´c international der Superstar. Das hat natürlich immer auch mit der Vermarktung und der Power der jeweiligen Galerie dahinter zu tun.

FORMAT: Sie raten also prinzipiell jedem zum Investment in Kunst?

Pomeranz: Ich bin der Meinung, dass heute zu viel Geld sinnlos ausgegeben wird. Bevor man etwa seinen Kindern die nächste Uhr schenkt, sollte man eine Fotoarbeit kaufen: Ein Rudolf-Schwarzkogler-Vintage kann man schon um 5.000 Euro bekommen. So eine Arbeit kann in zehn Jahren zehntausend Euro bringen, bleibt aber in jedem Fall die 5.000 wert. Was die Nachhaltigkeit betrifft, hat man mehr davon. Und es bereichert das Leben. Man muss allerdings auf Qualität achten: Man muss sich umhören, viel anschauen, sich informieren. An vielerlei Orten, nicht nur in einer Galerie.

FORMAT: Besuchen Sie selbst noch Galerien?

Pomeranz: Nicht mehr so oft. Ich habe den Luxus, dass mein Kurator für mich weltweit unterwegs ist. Aber auch ich habe via Internet zu allem Zugang. Ich freue mich aber auf die Ausstellung, denn viele der Arbeiten habe ich selber noch gar nie live gesehen. Die sind immer im Depot oder auf Reisen. In der Schau sind ja Arbeiten zu sehen, für die man sonst nach New York, Paris oder Tokio fliegen müsste. Die Werke von Marina Abramovi´c etwa haben den MoMA-Stempel drauf.

FORMAT: Macht Sie das stolz?

Pomeranz: Ja. Obwohl ich sehr rational bin. Das macht mich stolz. Bei aller Demut.

Zur Person: Eduard Pomeranz ist Kunstsammler und Finanzexperte. Der 1969 in Odessa geborene Pomeranz emigrierte mit seiner Familie 1976 und kam nach Österreich, wo er Wirtschaft studierte und als Wertpapieranalyst tätig war. 1995 gründete er die FTC Capital GmbH. Jährlich investiert der Hedgefonds-Manager einen hohen sechsstelligen Betrag in die Kunst. In nur viereinhalb Jahren hat er mit seinem Kurator, dem gebürtigen Rumänen Amin Barak, eine Sammlung internationaler Konzeptkunst aufgebaut. Im Bild steht er vor der Arbeit "communism never happened“ von Ciprian Mures,an.

Jüdisches Museum, ab 24. Mai

"Das Judentum ist die einzige Grundlage, die bleibt - im Dasein als Fremde überall“, sagt Edi Pomeranz. Demgemäß hat er für die Präsentation seiner Sammlung Claire Fontaines "Fremde überall“ als Titel gewählt. Aus der Pomeranz Collection sind u. a. Arbeiten von Thomas Hirschhorn, Sigalit Landau oder Marina Abramovi´c zu sehen. Eröffnung: Mi., 23. 5., 18.30 Uhr

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