Der Bestseller "Russendisko" wurde verfilmt

Kultautor Wladimir Kaminers Bestseller "Russendisko“ wurde verfilmt. FORMAT traf die Balkanikone zum Gespräch über Film, DJs, Wodka und Österreich.

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, wenn man wildfremde Menschen auf einer Leinwand sieht und weiß, was sie gleich sagen werden. Auch wenn im richtigen Leben alles ein wenig anders war“, fasst der deutschrussische Autor Wladimir Kaminer die Emotionen zusammen, die er hatte, als er zum ersten Mal die Verfilmung seines autobiografischen Episodenromans "Russendisko“ im Kino sah.

Das Buch, das mittlerweile auch schon zwölf Jahre auf dem Buckel hat, brachte dem Schriftsteller einiges an Ruhm ein. Denn der Berlin-Roman, der die anarchische Aufbruchsstimmung der frisch wiedervereinigten Metropole an der Spree charmant und witzig einfängt, traf damals den Zeitgeist. Kaminer, der Exilrusse, der seine Texte auf Deutsch verfasst, avancierte zum Feuilletonliebling, der mit spitzer Feder die Eigenheiten seiner neuen Heimat einfing.

Dichten & Disko

Mitte der 90er-Jahre hob Kaminer im Berliner Kaffee Burger den Club "Russendisko“ aus der Taufe. Zu traditioneller russischer Folklore, die mit Elementen moderner Pop-, Rock- und Elektromusik vermischt wird, tanzten sich die Leute die Füße wund. Das beförderte gleich ein neues musikalisches Genre in die öffentliche Wahrnehmung, wurde als Clubkonzept oft kopiert und machte Kaminer zum gern gebuchten DJ und zur Ikone des Balkansounds.

Das Konzept des Clubs funktioniert auch heute noch ausgezeichnet: "Ich weiß nicht, ob es wegen dem Film war, aber bei der letzten Veranstaltung vor wenigen Tagen bildete sich eine Warteschlange, die dreimal ums Haus ging - es war die Hölle los.“ Der 44-Jährige hat auch eine Erklärung für den lang anhaltenden Erfolg seiner "Russendisko“. "Wir wollten das immer einigermaßen klein halten. Deswegen gibt es die Veranstaltung nur zweimal im Monat und ab und an Gastauftritte in anderen Städten.“

Die Städte Prag, Oslo und Salzburg (am 27. April) stehen übrigens demnächst am Tourkalender. Irgendwie schlüpft der Autor hier auch in die Rolle des Botschafters und Kulturvermittlers. Das kann gerne auch bunte Blüten treiben. "Ich kriege immer wieder Fotos von Kindern zugeschickt, deren Eltern sich bei der, Russendisko‘ kennengelernt haben. Die ältesten gehen mittlerweile schon ins Gymnasium“, zeigt sich Kaminer über seine Vermittlereigenschaften belustigt.

Sein Fokus liegt aber auf dem Schreiben: "Das Auflegen ist ein Hobby von mir, das Spaß macht und leicht geht. Mein eigentlicher Beruf ist nach wie vor der des Geschichtensammlers und Geschichtenerzählers.“ Das ist insofern eine originelle Antwort, als Kaminer irgendwie Wert darauf legt, nicht als Schriftsteller bezeichnet zu werden. "Das Autorendasein ist ein einsamer Job. Das ist nichts, was man gerne sein will. Ich gehe lieber raus und entdecke Geschichten.“

Diese Geschichten können überall gefunden werden. Etwa wenn er Rotwein mit Wodka vergleicht: "Wodka ist Gift. Im Wein steckt Geschichte. Nicht umsonst hat Jesus Wasser in Wein und nicht in Wodka verwandelt.“ Aber auch von Lesereisen kommt der zweifache Familienvater mit neuen Storys im Gepäck nach Berlin zurück. "Ich arbeite etwa gerade an einem, Weltdschungelbuch‘, und in dem spielt auch Österreich eine wichtige Rolle“, verrät er. Zu erwarten ist dabei wohl der typisch Kaminer’sche Blick auf die kleinen Eigenheiten und Diskrepanzen der Menschen. "Man merkt, dass es zwei Österreich gibt. Eines in den Köpfen der Menschen, voll imperialem Glanz und schöner Historie, das im Gegensatz zu diesem kleinen Landstreifen steht, der wie ein Würstchen die Grenze zwischen altem und neuem Europa bildet - das ist sehr spannend.“

Ein Traum, ein Leben

Mit Spannung fieberte er auch der Leinwandumsetzung von "Russendisko“ entgegen. "Ich war sehr erleichtert, dass die Verfilmung lustig und leicht geworden ist. Es ist eine Hymne an die Unbeschwertheit der Jugend“, zeigt sich der 44-jährige Schriftsteller, der Angst hatte, dass man aus seiner Vorlage eine Klamotte macht, froh über das Ergebnis. Wohl auch, weil sein Roman lange als nicht zu verfilmen galt.

Dass der Film meist durchwachsene Kritiken geerntet hat, ficht den Urheber der Geschichte indessen nicht sonderlich an: "Ich halte nicht viel von Kritik, die bringt einen eigentlich auch selten weiter. Ich bin mehr fürs Jammern und Mitleiden.“

Mitleiden und Mitfiebern kann man bei der lose ans Buch angelehnten Verfilmung durchaus. Erzählt wird nämlich die Geschichte der drei russischen Emigranten Wladimir, Mischa und Andrej, die es im Sommer 1990 nach Ostberlin zieht. Aus Abenteuerlust, aber auch weil sich in Moskau das Gerücht verbreitet hat, das gestürzte DDR-Regime nehme Juden aus der Sowjetunion als Geste der Wiedergutmachung für die Verbrechen im Zweiten Weltkrieg auf und verleihe die Staatsbürgerschaft.

Der Film schickt nun dieses Trio auf Entdeckungsreise durch das neue, kapitalistische System. Inklusive Liebe, Hoffnung, Glaube, Heimweh und kleinerer Rückschläge in allen Lebenslagen. Ein weites Feld also, das da beackert wird. Bittet man Kaminer übrigens, die letzten 20 Jahre Revue passieren zu lassen, fasst er das im poetischen Zeitraffer zusammen. "Zuerst war ein Traum von einer Reise. Diese Reise wurde Wirklichkeit und dann zur Russendisko. Die Russendisko zum Buch und das Buch jetzt zum Film - ein Traum.“

"Russendisko“, ab 20. 4. im Kino.

- Manfred Gram

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