Nach den vielen Zukäufen will VW nun die Ernte einfahren

Nach den vielen Zukäufen will VW nun die Ernte einfahren

Keiner soll glauben, er könne sich auf seinem Posten ausruhen. Denn obwohl es VW so gut geht wie keinem anderen europäischen Massenhersteller von Fahrzeugen, verordnet sich der Branchenprimus einen Umbau, den sonst nur Krisenkonzerne angehen.

Bei dem Wolfsburger Konzern werden mehr als 30 Führungsposten durcheinandergewirbelt, um die einzelnen Marken und Regionen in dem weltumspannenden Autoreich stärker zu verzahnen. Damit zeigt Winterkorn einerseits, wie ernst ihm das Erreichen der Weltmarktspitze bis 2018 ist. Zugleich macht der kantige Manager Volkswagen damit fit für die Zeit, wenn er das Steuer in einigen Jahren an einen Nachfolger abgibt.

"In einem sich dynamisch verändernden Konzern darf man nicht in Müdigkeit verfallen," erklärt Stefan Bratzel, der das Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach leitet, die dahinter stehende Philosophie. Ständiger Wechsel als Erfolgsrezept. Rastlosigkeit, um nicht eingeholt zu werden.

Winterkorns Vertrag geht noch bis 2016. 2017 könnte er Aufsichtsratschef Ferdinand Piech beerben und dann gemeinsam mit dessen Ehefrau Ursula Piech, die bereits dem Kontrollgremium angehört, das neue Führungsgespann bilden. Die Vorbereitungen dafür trifft er jetzt, da es VW gut geht. 2012 peilt der Konzern trotz konjunktureller Unsicherheiten ein stabiles operatives Ergebnis an. Während fast die gesamte Konkurrenz in Europa rote Zahlen schreibt und über zu wenig ausgelastete Fabriken klagt, kann Volkswagen Absatzeinbußen durch gute Geschäft in China und den USA wettmachen.

VW will die Dominanz

Den Vorteil gegenüber der Konkurrenz will Volkswagen nicht aus der Hand geben und die Autowelt möglichst über 2018 hinaus dominieren. In den vergangenen Jahren ist der Konzern durch Zukäufe in eine Größe gewachsen, die ihn zwar unabhängiger von konjunkturellen Schwankungen gemacht hat. Zu dem Wolfsburger Riesenreich gehören einschließlich des kürzlich erworbenen Motorradherstellers Ducati und Porsche inzwischen zwölf Marken. Weltweit beschäftigt er Konzern mehr als 500.000 Mitarbeiter und betreibt Werke in fast allen Regionen rund um den Globus. Aber: Nach dem enormen Wachstum ist der Konzern schwieriger zu steuern. Da kommt es fast zwangsläufig zu Reibungsverlusten. Durch die Erfolge der vergangenen Jahre seien mehrere Baustellen verdeckt geblieben, meint Bratzel. Diese müssten schnellstens beseitigt werden, wolle Volkswagen seine Stellung nicht verspielen.

Wie schnell das gehen kann, hat der japanische Autobauer Toyota vorgemacht, der wegen seiner Größe Qualitätsprobleme bekam und die Weltmarktkrone schließlich an GM abgeben musste, als die Erdbebenkatastrophe 2011 Japans Wirtschaft praktisch lahmlegte.

Nach den vielen Zukäufen will VW nun die Ernte einfahren: Vor allem die nur schleppend verlaufende Allianz von MAN und Scania drohte den Konzern zuletzt zu hemmen. Denn erst wenn die beiden Lkw-Marken reibungslos zusammenarbeiten, können es die Wolfsburger auf diesem Feld mit Daimler und Volvo aufnehmen. Um die schon vor längerem angekündigten Kostenvorteile bei Einkauf, Entwicklung und Produktion von mindestens 200 Millionen Euro im Jahr einzustreichen - langfristig sollen sogar bis zu einer Milliarde Euro möglich sein - muss der angestrebte Lkw-Bund erst einmal ins Laufen kommen. Dafür soll nun Scania-Chef Leif Östling sorgen, bislang eher ein Kritiker der Allianz.

Die letzten verbliebenen Widerstände bei den störrischen Schwestern löst VW nun dadurch auf, dass die Marken vernetzt werden - das ist zugleich das Zauberwort, das hinter allen Veränderungen steht, die Winterkorn nach zweitägigen Aufsichtsratssitzungen in Stuttgart bekannt gab. Auch das Audi-Management wird umgekrempelt, um der Oberklasse-Tochter im Rennen mit BMW neuen Schwung zu geben. Kernpunkt aller Beschlüsse: VW lässt die Manager zwischen den verschiedenen Marken rotieren. Dadurch soll das Wissen der Spitzenleute allen Sparten zugutekommen und abgeschiedene Welten in dem Konzern sollen gar nicht erst entstehen. Die einzelnen Marken bleiben dabei selbständig; das ist ein weiteres Erfolgsrezepte aus Wolfsburg.

Aufsteiger und Absteiger

Zu den Aufsteigern bei den Personalrochaden gehört nach VW-Lesart Östling, der in den Konzernvorstand nach Wolfsburg wechselt. Der Schwede hatte sich einst gegen die Übernahme durch MAN gestemmt. Inzwischen befürwortet er eine engere Zusammenarbeit. Der 66-jährige wird oberster Trucker von Volkswagen und damit zuständig für die beiden Töchter Scania und MAN. Er erhält ein Führungsteam, dem neben Scania-Leuten auch Manager von MAN und VW angehören. Für den Machtverlust wird MAN-Chef Georg Pachta-Reyhofen mit einem Sitz im erweiterten Vorstand entschädigt, wo er das Industriegeschäft mit Motoren weltweit koordinieren soll. Auf diesem Posten kann sich der 56-jährige profilieren, um Östling später womöglich als Lkw-Chef zu beerben.

Als Verlierer der Stuttgarter Rochaden muss sich China-Chef Karl-Thomas Neumann fühlen. Ihm wird zwar von allen attestiert, er habe einen guten Job gemacht. Um der größeren Bedeutung des China-Geschäfts Rechnung zu tragen, wird ihm mit Jochem Heizmann - bis dato Vorstand für Nutzfahrzeuge - aber ein Konzernvorstand vor die Nase gesetzt. Für den ehrgeizigen ehemaligen Conti -Chef Neumann, der bereits als Kronprinz von Winterkorn gehandelt wurde, ist das ein herber Rückschlag. Für ihn wird nun eine andere Aufgabe im Konzern gesucht. Es gilt aber als wahrscheinlich, dass er Volkswagen verlassen wird. Eine wichtige Baustelle bleibt Winterkorn damit: Einen Nachfolger muss erst finden.

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