"Wir stehen vor einer langen Phase der finanziellen Repression"

"Wir stehen vor einer langen Phase der finanziellen Repression"

FORMAT: An den Börsen herrscht extreme Nervosität, viele Anleger flüchten in Anleihen von Staaten, die noch als vergleichsweise sicher gelten. Ist das eine vernünftige Strategie?

Wöhrmann: Staatsanleihen der großen Schuldnerstaaten USA, Deutschland und Großbritannien würde ich meiden. Welcher Privatanleger kann sich damit anfreunden, dass er für zehnjährige deutsche Staatsanleihen 1,4 Prozent bekommt und dann noch Steuern zahlt? Wenn die Inflation auf drei bis vier Prozent steigt, kommen am Ende der Laufzeit leicht 30 Prozent Kaufkraftverlust zusammen. Auch Sparbücher und andere Einlagen sind von dieser Gefahr betroffen.

FORMAT: Für die Staaten ist das aber ein Bombengeschäft. Sie können sich auf Kosten der Anleger entschulden und werden dabei von den Notenbanken durch ihre niedrigen Leitzinsen unterstützt. Geschieht das mit voller Absicht?

Wöhrmann: Natürlich ist allen klar, was passiert, auch wenn das zum Beispiel von den Notenbanken nicht laut ausgesprochen wird. Wir wollen aber ein Anwalt unserer Sparer sein und müssen sie eindrücklich vor einer langen Phase der finanziellen Repression warnen.

FORMAT: Also einer langjährigen planmäßigen Entschuldung durch negative Realzinsen ähnlich wie nach dem Zweiten Weltkrieg.

Wöhrmann: Genau.

FORMAT: Wie können sich Anleger gegen die finanzielle Repression wehren und die Kaufkraft des Vermögens stärken?

Wöhrmann: Mit Aktien. Gerade Unternehmen mit stabilen hohen Dividenden sind eine ausgesprochen gute Waffe gegen die Finanzrepression. In Europa kann man sich mit soliden Titeln vier bis sechs Prozent Ausschüttung sichern, das ist doch beachtlich. Solche Papiere gehören für mich zu den smartesten Investments.

FORMAT: Viele Anleger trauen sich aber nicht mehr in Aktien, weil sie schon zu viel Geld verloren haben. Sehen Sie Aussichten auf stabilere Börsen?

Wöhrmann: Wir stehen weiter vor schwierigen Zeiten, die Börsen werden volatil bleiben. Da braucht man, um Aktien weiter die Stange halten zu können, ein stabiles Einkommen aus Dividenden. Diese sind Puffer in schlechten Zeiten und federn im Schnitt etwa 40 Prozent der Verluste ab. Außerdem liefern Dividendenaktien auch in guten Phasen Erträge, auch wenn diese nicht so hoch ausfallen wie bei Wachstumstiteln.

FORMAT: Extrem hohe Dividenden aus der Vergangenheit sind aber keine Garantie für die Zukunft. Wird nicht oft auf Kosten der Substanz gezahlt?

Wöhrmann: Ja, bei besonders hohen Dividenden sind wir vorsichtig, weil sie oft nicht stabil sind. Wir schauen uns deshalb in unserem Fonds DWS Top Dividende die einzelnen Unternehmen ganz genau an und analysieren zum Beispiel, wie hoch die Pay-out-Ratio ist, also ob noch ein ausreichender Anteil des Gewinns im Unternehmen verbleibt. Viele Unternehmen haben jedenfalls mehr als genug Cash, um die Dividenden zu zahlen und sogar weiter zu steigern.

FORMAT: Ist das eine nachhaltige Entwicklung?

Wöhrmann: Das ist ein gewaltiger Trend, der auch mit den niedrigen Zinsen zusammenhängt. Den Unternehmen bleibt jetzt mehr Geld in der Kasse. Inzwischen zahlt sogar Apple Dividenden.

FORMAT: Ein anderes Thema, auf das Sie jetzt als Antwort auf die finanzielle Repression setzen, sind die Schwellenländer.

Wöhrmann: Schon seit längerem wird darüber geredet, dass sich die Wachstumszentren der Weltwirtschaft verschieben. Heute ist das längst Realität. Diese Verschiebung sehen wir auch an den Finanzmärkten. Die Marktkapitalisierung der Schwellenlandbörsen hat sich schon in der Vergangenheit verzehnfacht, und diese Entwicklung ist noch längst nicht am Ende. Früher oder später werden die Emerging Markets sogar die etablierten Industriestaaten überholen.

FORMAT: Wann wird es so weit sein?

Wöhrmann: Nach einer Studie von Goldman Sachs wird das bereits 2025 der Fall sein.

FORMAT: Die Schwellenländer glänzen mit höherem Wachstum, aber kurzfristig sind die Kursschwankungen gerade an Börsen der Emerging Markets enorm, weil westliche Investoren massiv Geld abziehen. Wie weit liegt das auch an den oft undurchsichtigen und wenig aktionärsfreundlichen Führungsstrukturen?

Wöhrmann: Natürlich müssen manche Unternehmen noch besser werden, etwa bei der Corporate Governance, aber die Entwicklung geht in die richtige Richtung. Und trotz aller Kursschwankungen ist eines klar: Für die Börsen der Schwellenländer waren die vergangenen zehn Jahre keine verlorene Dekade, die Erträge waren in diesem Zeitraum etwa 80 Prozent höher als an den etablierten Börsen, die mit plus/minus null abschnitten. Und es gibt ja nicht nur Aktien aus den Schwellenländern zu kaufen. Ich bin auch ein großer Anhänger von Anleiheninvestments. Dort verläuft auch die Kursentwicklung ruhiger. Die Staatsverschuldung der Emerging Markets ist im Schnitt deutlich geringer als die der Industrieländer. Es geht aber nicht nur um Staatsanleihen, auch die Unternehmensanleihen der Schwellenländer sind attraktiv.

FORMAT: Was ist mit den Börsen in Europa, werden Sie da auch fündig?

Wöhrmann: Ja, unterbewertete Substanzwerte gibt es mehr als ausreichend. Nehmen Sie zum Beispiel Deutschland: Seit 1980 lag der durchschnittliche Kurs-Buchwert deutscher Aktien bei 2,3. Heute liegen wir nur noch beim 1,3fachen. Auch das Kurs-Gewinn-Verhältnis bewegt sich auf Basis der geschätzten Gewinne der nächsten zwölf Monate etwa bei zehn gegenüber einem historischen Schnitt von 13,5. Ich persönlich finde das erstaunlich. Außerdem steigen die Gewinne der DAX-Unternehmen so kräftig, dass der Index eigentlich jedes Jahr 300 bis 500 Punkte zulegen müsste. Das heißt, in nur drei Jahren könnte der DAX allein aus der Substanz bis zu 1.500 Punkte höher stehen. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis der DAX neue Rekorde jenseits der 8.000 Punkte erreicht.

FORMAT: Und das übrige Europa?

Wöhrmann: Da gilt Ähnliches. Trotz aller lokalen Probleme gibt es unglaublich viele Weltmarktführer. Die Aktien der Exporteure fallen im Sog der europäischen Schuldenkrise. Das bietet gute Kaufgelegenheiten.

FORMAT: Das hilft aber alles wenig, wenn es wieder einen Crash gibt wie im vergangenen September, als der DAX auf 5.900 Punkte fiel.

Wöhrmann: Das war doch eine große Chance, wir haben das damals jedem gesagt. Allen Unkenrufen zum Trotz zeigt sich jetzt, dass die Unternehmensergebnisse in Deutschland sogar noch besser ausfallen. Jeder Rückschlag in Deutschland ist für mich ein Kaufanlass. Natürlich darf man nicht nur für sechs Monate investieren. Auf Sicht von zwei bis drei Jahren und darüber hinaus wird diese Strategie aufgehen.

Zur Person: Asoka Wöhrmann, 46, ist Chef-Anlagestratege der DWS, der Fondstochter der Deutschen Bank. Nach einem Volkswirtschaftsstudium in Bielefeld folgten Lehrtätigkeiten an der TU Wien und der Uni Magdburg, wo er promovierte. Wöhrmann begann 1998 bei der DWS als Fondsmanager für internationale Anleihen.

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