Wie sicher sind deutsche Staatsanleihen?

Die Angst der Anleger vor Verlusten treibt mitunter kuriose Blüten. Da suchen sie Schutz in deutschen Staatsanleihen, deren Zinsen wegen der enormen Nachfrage auf immer neue Rekordtiefs fallen.

Gleichzeitig wird es aber immer teurer, die als Rettungsanker gesuchten Bundeswertpapiere gegen einen Zahlungsausfall zu versichern. Die Kosten für diese Kreditausfallversicherungen sind derzeit so hoch wie seit Anfang Jänner nicht mehr. Wie passt das alles zusammen?

Beide Entwicklungen haben einen gemeinsamen Auslöser: die wachsende Sorge vor einem Austritt Griechenlands aus der Eurozone und einer Verschärfung der Schuldenkrise. Galten Investitionen in Staatsanleihen von Euroländern einst als risikoloses Investment, gilt dies spätestens seit dem Schuldenschnitt Griechenlands nicht mehr. Athens Gläubiger mussten auf einen Großteil ihrer Ansprüche verzichten und verloren Milliarden. Dadurch gewannen deutsche Staatsanleihen an Attraktivität: Die Bundesrepublik wird von allen drei großen Ratingagenturen mit der Bestnote "AAA" bewertet, die Konjunktur brummt, die Neuverschuldung sinkt. Kein Wunder, dass Anleger enorme Abschläge bei der Rendite in Kauf nehmen, um ihr Geld sicher parken zu können. Am Freitag fiel der Zins für zehnjährige Bundeswertpapiere erstmals unter 1,40 Prozent.

Allerdings wächst mit dem drohenden Euro-Austritt Griechenlands die Sorge, dass auch Deutschland in den Abwärtsstrudel gerät. "Kommt es zu einem solch extremen Ereignis, dann ist kein Land gegen die Folgen immun", sagt Analyst Luca Jellinek von Credit Agricole. Der Bund ist mit seiner Beteiligung an den Rettungspaketen für angeschlagene Euroländer enorme Risiken eingegangen. Die Zusagen summieren sich auf rund 80 Mrd. Euro.

Das Notenbank-Risiko

Das ist aber noch nicht alles: Aus dem Großbezahlsystem der Notenbanken (Target 2) hat die Zentralbank in Athen Verbindlichkeiten gegenüber der EZB in Höhe von rund 100 Mrd. Euro. Hinzu kommen Forderungen aus dem umstrittenen Kauf griechischer Staatsanleihen durch die EZB - geschätzt zwischen 40 und 50 Mrd. Euro. Rechnet man diese Posten zusammen, steht Athen alleine beim Eurosystem aus EZB sowie Bundesbank und anderen nationalen Notenbanken mit bis zu 150 Mrd. Euro in der Kreide. Auf die Bundesbank entfielen nach dem Kapitalschlüssel der EZB etwas mehr als ein Viertel, also etwa 40 Mrd. Euro. Im schlimmsten Fall wird Griechenland die Forderungen nicht begleichen, dafür stünde dann der deutsche Staat gerade.

Angesichts dieser enormen Risiken ist es nicht verwunderlich, dass Kreditausfallversicherungen für Bundeswertpapiere teurer geworden sind. Die sogenannten CDS (Credit Default Swaps) für fünfjährige deutsche Staatsanleihen kletterten am Freitag auf gut 97 Basispunkte - den höchsten Wert seit Anfang Jänner. Das bedeutet, dass die Versicherung eines zehn Mio. Euro schweren Bond-Paketes inzwischen 97.000 Euro kostet - mehr als doppelt so viel wie vor einem Jahr. "Der CDS-Markt spiegelt die Unsicherheit in der Eurozone wider", sagte der Experte des britischen Markit-Instituts, Gavan Nolan. "Die Märkte versuchen, die Kosten eines Euro-Austritts Griechenlands für Deutschland einzupreisen", sagt der Anleihen-Experte einer deutschen Bank. "Dazu sind sie da."

CDS-Spekulation nimmt zu

Die entgegengesetzten Kursbewegungen an den Märkten für deutschen Staatsanleihen und CDS lassen sich auch anders erklären. "Beide Märkte haben einen völlig unterschiedlichen Kundenstamm", erklärt ING-Analyst Jeroen van den Broek. "Spekulativ orientierte Anleger setzen Geld auf CDS. Im Anleihenmarkt wird dagegen Sicherheit gesucht."

Spekulanten tummeln sich so gern im CDS-Markt, weil hier mit vergleichsweise wenig Geld die Kurse in die gewünschte Richtung bewegt werden können. Der Markt für deutsche Staatsanleihen ist nach den USA der zweitgrößte weltweit. Jährlich wechseln Papiere im Wert von mehreren Billionen Euro den Besitzer. Um hier Kurse zu beeinflussen, muss schon sehr viel Geld in die Hand genommen werden. Anders sieht es bei den CDS aus. Der Wert der offenen CDS-Kontrakte für Spanien und Italien ist größer als der für deutsche Kreditausfallversicherungen. Der Handel mit deutschen CDS-Papieren könne deshalb unruhiger sein, sagt Analyst Ciaran O'Hagan von Societe General.

Gleichzeitig stößt eine wachsende Nachfrage auf ein geringes Angebot, was die Preise für CDS ebenfalls nach oben treibt. "Angesichts der aktuellen Umstände gibt es mehr Leute, die sich um das Kreditrisiko sorgen, als solche, die mit dem Verkauf von Ausfallversicherungen Geld verdienen wollte", ist sich Credit-Agricole-Experte Jellinek sicher.

Das alles deutet darauf hin, dass die Kosten für den Schutz deutscher Staatsanleihen vor einem Kreditausfall weiter steigen könnten - selbst dann, wenn ihre Zinsen noch mehr fallen. "Die Regierungen finden nicht die richtigen Antworten, um die aktuellen Probleme zu lösen", sagt Analyst O'Hagan. "CDS-Papiere dürften deshalb teurer werden."

Reuters

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