Wie gut die Altersvorsorge geschützt ist, wenn die Banken ins Wanken geraten

Sind Lebensversicherungen in Zeiten der Finanzkrise noch absolut sicher? Die Antwort: Die Kunden können weiter beruhigt schlafen. Jedenfalls solange das europäische Bankensystem stabil bleibt.

Vor zwanzig Jahren war die Welt der Versicherungen noch heil. Die Solidität der Branche stand außer Zweifel, und die Veranlagung der eingenommenen Prämien war keine große Kunst. Man konnte mit dem Kauf von Staatsanleihen ganz auf Nummer sicher gehen und bekam trotzdem hohe Zinsen, im besten Fall waren über zehn Prozent zu holen.

Heute kann man von solchen paradiesischen Zuständen nur noch träumen. Momentan bringen Anleihen der Republik im Durchschnitt nur noch 2,17 Prozent, und die Schuldenkrise erschüttert das Vertrauen in die Stabilität der Finanzwelt. Viele Kunden fragen sich inzwischen nicht nur: Wie sicher ist meine Bank?, sondern auch: Wie sicher ist meine Versicherung?

In Zeiten, in denen selbst einstige Bastionen der Finanzwelt ins Wanken geraten, gibt es keine absolut verlässliche Antwort auf diese Fragen. Klar ist aber, dass die Zukunft der Versicherungen sehr eng mit dem Schicksal der Banken verknüpft ist. Weil die Renditen der Staatsanleihen immer tiefer in den Keller rutschten, haben die Assekuranzen ihre Veranlagungspolitik massiv umgestellt. Helmut Holzer, einer der führenden Versicherungsmathematiker Österreichs: „Mit Renditen von zwei oder zweieinhalb Prozent kann man keine klassische Lebensversicherung betreiben.“ Inzwischen entfallen deshalb 64 Prozent des Wertpapiervermögens auf Bankanleihen, Pfandbriefe und andere Finanztitel. Sollte es hier zu Ausfällen kommen, hätte das vor allem Auswirkungen auf Lebensversicherungen – und auf deren Kunden.

Längst sind auch die Ratingagenturen aufgewacht. Standard & Poor’s stellte in der vergangenen Woche den deutschen Lebensversicherern die Rute ins Fenster und droht mit einer Verschlechterung des Ratings. Wichtigster Kritikpunkt: Angesichts der allgemeinen Zinsschmelze laufen manche Institute Gefahr, ihren Kunden nicht mehr den fix versprochenen Garantiezins zahlen zu können. Im Extremfall wäre dann sogar eine Insolvenz nicht mehr völlig ausgeschlossen.

Günter Geyer, Generaldirektor der Vienna Insurance Group, sieht aber die heimischen Versicherer generell auf stabileren Füßen als die deutschen: „Eine Reihe von Faktoren blocken uns besser gegen Probleme ab. So bieten österreichische Staatsanleihen noch etwas höhere Zinsen als die deutschen. Außerdem liegt die Gewinnbeteiligung in der Lebensversicherung meist niedriger als in Deutschland. Drittens können österreichische Lebensversicherer leichter Reserven bilden.“

Hintergrund: Deutsche Assekuranzen sind seit kurzem verpflichtet, ihre Kunden zeitnah an den aufgehäuften Reserven zu beteiligen, österreichische müssen das nicht. Anders gesagt: In Deutschland wird oft weniger verdient, aber trotzdem mehr ausgeschüttet. Das ist zwar in guten Zeiten ein Vorteil für die Kunden, in schlechten Zeiten kann es aber auch einmal knapp werden.

Die Analysten von Standard & Poor’s haben diese Unterschiede bereits bemerkt und zeigten sich bei ihren jüngsten Visiten im Oktober recht zufrieden mit den österreichischen Assekuranzen, wie mehrere Versicherer berichten. Generali-Vorstand Peter Thirring: „Ich glaube nach den jüngsten Gesprächen nicht, dass die Ratings reduziert werden. In Österreich haben wir noch ordentliche Puffer.“ So hat zum Beispiel die Allianz ziemlich lange Luft: „Selbst wenn wir die Neuveranlagung zehn Jahre lang nur zu 1,5 Prozent Zinsen vornehmen könnten, haben wir noch über ein Jahrzehnt Spielraum, wenigstens den Garantiezins gutzuschreiben.“

Letzte Pleite vor 75 Jahren

Auch die Worst-Case-Bilanz spricht für Österreich. In Deutschland kam es in jüngster Vergangenheit schon zu einigen Schieflagen. Einige Lebensversicherer nehmen kein Neugeschäft mehr an, die Mannheimer Leben musste sogar von der Auffanggesellschaft Protector gerettet werden. In Österreich ereignete sich dagegen die letzte Pleite, die des „Lebens-Phoenix“, im Jahr 1936. Seitdem wurden die wenigen Problemfälle branchenintern gelöst, ohne dass die Kunden zu Schaden kamen. So wurde zum Beispiel die VJV, die wegen ihrer Prämienschleuderei bei Autoversicherungen aus der Kurve zu fliegen drohte, kurzerhand von Wüstenrot übernommen.

Doch alle Selbstreinigungsmaßnahmen sind keine Überlebensgarantie, wenn die Banken wirklich ins Wanken kommen. Als die Münchener Hypo Real Estate, die sich auf Immobilienkredite spezialisiert hatte, im Jahr 2009 notverstaatlicht wurde, atmeten auch österreichische Versicherungsmanager hörbar auf – eine HRE-Pleite hätte den gesamten europäischen Pfandbriefmarkt in Aufruhr gebracht und die Assekuranzen weit härter getroffen als die Pleite der US-Investmentbank Lehman.

Jörg Finsinger (Bild), Professor für Finanzdienstleistungen an der Uni Wien: „Es ist jetzt entscheidend, das europäische Bankensystem zu stabilisieren, sonst droht ein Dominoeffekt. Wenn die Banken fallen, wird es auch die Versicherungen treffen. Deswegen ist es auch im Interesse der Versicherungskunden, wenn Banken gegebenenfalls zwangsweise mit frischem Kapital versehen werden.“

Schutz im Ernstfall

Allianz-Vorstand Baumgartl räumt zwar ein, dass Banken und Versicherungen letzten Endes im gleichen Zug unterwegs sind. Allerdings macht er feine Unterschiede: „Niemand in der Finanzbranche geht es derzeit wirklich gut. Aber wenn etwas schiefgeht, sitzen wir zumindest im letzten Wagen und nicht im ersten.“ So wäre das angesparte Versicherungsvermögen der Kunden im Insolvenzfall geschützt. Ähnlich wie der Inhalt eines Schließfachs würde das Guthaben ausgesondert und den Kunden übergeben. Das gilt grundsätzlich für alle Versicherungsvarianten, gleich ob klassische Lebensversicherung, Fondspolizzen oder staatlich geförderte Zukunftsvorsorge. Allerdings gibt es ein paar Sonderregeln, die im Fall der Fälle zu beachten sind (siehe Polizzen-Check ).

Versicherungsmathematiker Holzer: „Im Notfall könnten die Garantieleistungen in der klassischen Lebensversicherung laut Versicherungsaufsichtsgesetz gekürzt werden, um eine Insolvenz zu verhindern. Allerdings muss der Staat dies ausdrücklich genehmigen.“

Mitunter könnte eine kleine Reduktion ausreichen, um eine Versicherung zu sanieren. Zwar wäre das für die Kunden schmerzlich, aber noch kein Super-GAU. Schließlich werden auch die unverbindlich versprochenen Leistungen in der Lebensversicherung, die sogenannte Gewinnbeteiligung, schon seit Jahren gekürzt. Versicherungsexperte Holzer: „Bei Verträgen, die vor 15 Jahren abgeschlossen wurden, liegt die Auszahlung aus heutiger Sicht etwa 25 Prozent niedriger als damals prognostiziert.“

Einlagensicherung geplant

Zwar haben die Versicherten gegenüber Bankkunden den Vorteil, dass ihr Vorsorge-Guthaben im Fall einer Pleite ein Sondervermögen ist. Dafür besteht bei Spareinlagen bis zur Höhe von 100.000 Euro pro Kunde die gesetzliche Einlagensicherung. Jetzt will die EU ein ähnliches Schutzsystem auch für Lebensversicherungen einführen. Im September hat das Europaparlament den Anstoß gegeben, bis 2012 soll die EU-Kommission einen konkreten Vorschlag unterbreiten. Allianz-Vorstand Baumgartl, der auch als Branchensprecher der Lebensversicherer aktiv ist, hält diese Maßnahmen allerdings nicht für notwendig: „Das Geld bleibt ja auch vorhanden, wenn die Versicherung pleite ist.“

Fazit: Österreichs Lebensversicherer stehen durchaus auf soliden Füßen, es gibt keinen Grund, Verträge zu kündigen. Aber alle Sicherheiten sind infrage gestellt, wenn das Bankensystem ins Krachen kommt.

– Martin Kwauka

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