"Für die ganze Finanzbranche ist das ein großes Ding"

"Für die ganze Finanzbranche ist das ein großes Ding"

Gleich mehrere US-Regierungsbehörden und der Bankenausschuss des US-Senats nehmen die Vorgänge rund um den verpatzten IPO unter die Lupe, der die Neuaktionäre bislang rund drei Milliarden Dollar gekostet hat.

Dabei steht auch die mysteriöse Senkung von Geschäftsprognosen im Mittelpunkt, die auch mehrere juristische Nachspiele haben wird. Wie Reuters erfuhr, forderte Facebook selbst kurz vor dem Börsengang die Banken dazu auf, die Geschäftsaussichten skeptischer zu bewerten - die allermeisten Aktionäre bekamen davon jedoch nichts mit. Hedgefonds spekulieren unterdessen darauf, dass die Aktie ihre dramatische Talfahrt fortsetzt.

Sowohl die Börsenaufsicht SEC und die Kontrollbehörde für die Finanzindustrie Finra nehmen nach Angaben vom Mittwoch Ermittlungen auf. Wie Reuters von mehreren Personen mit direkter Kenntnis der Vorgänge erfuhr, riet Facebook den Analysten der Großbanken weniger als zwei Wochen vor dem IPO zur Senkung ihrer Prognosen - Zu dieser Zeit war die Facebook-Werbetour für die Aktien bereits in vollem Gange. In den folgenden Tagen kamen zahlreiche Analysten der Aufforderung nach, bewerteten die Aussichten für Facebook skeptischer und machten dies auch einigen ihrer Großkunden bekannt - während vor allem Kleinanleger im Dunkeln blieben. Insidern zufolge schraubten Morgan Stanley, JPMorgan, Goldman Sachs und Bank of America/Merrill Lynch im Vorfeld ihre Prognosen herunter.

Eine Anwaltskanzlei aus Los Angeles reichte deswegen am Dienstag eine Sammelklage gegen Facebook und die Konsortialbanken ein, darunter Morgan Stanley. Auch in Manhattan reichten verärgerte Aktionäre am Mittwoch eine Sammelklage ein. Sie werfen unter anderem Zuckerberg direkt vor, den skeptischeren Ausblick verheimlicht zu haben. Auch für die Nasdaq hat das Debakel ein juristisches Nachspiel. Ein Investor verklagte den New Yorker Börsenbetreiber wegen der technischen Pannen zu Handelsbeginn.

Neben der SEC kündigte der Vorsitzende der Financial Industry Regulatory Authority (Finra), Richard Ketchum, an, die Verbreitung der Geschäftsinformationen zu überprüfen. Auch der Bundesstaat Massachusetts will die Vorwürfe untersuchen. Eine entsprechende Vorladung sei zugestellt worden, teilte die zuständige Landesbehörde mit. Morgan Stanley erklärte, man habe bei Facebook die gleichen Abläufe eingehalten wie bei jedem anderen Börsengang. Es seien keine Vorschriften verletzt worden. Facebook äußerte sich nicht dazu.

Vorteile für Großinvestoren

Für viele enttäuschte Anleger ist der Facebook-Börsengang damit ein hässliches Beispiel für ein System, das den Großinvestoren Vorteile verschafft und den einfachen Anleger benachteiligt. Der Fall zeigt aber auch deutlich die unterschiedlichen Interessen der Banken im Investment- und Privatkundengeschäft, die auch schon seit längerem die Aufsichtsbehörden beschäftigen. "Tag und Nacht haben die institutionellen Anleger Informationen erhalten, die wir nicht erhalten haben", sagte ein Banker, der für Morgan Stanley Privatkunden berät. "Für die ganze Finanzbranche ist das ein großes Ding."

Für Rechtsexperten bewegt sich der Fall allerdings in einer Grauzone. Zwar müssten börsennotierte Unternehmen wichtige Informationen allen Anlegern gleichzeitig zur Verfügung stellen. Doch möglicherweise treffe dies nicht auf Informationen zu, die Facebook seinen Konsortialbanken noch vor dem IPO zukommen lässt.

Die technischen Probleme bei dem Börsengang beschäftigen inzwischen auch die Justiz. Die Nasdaq räumte bereits Fehler ein. Investoren und Broker waren bei Facebooks Börsenstart stundenlang im Unklaren über den Stand ihrer Kauf- und Verkaufsaufträge geblieben. Die Börsenaufsicht leitete bereits eine Untersuchung der Vorgänge ein.

Die Facebook-Aktie beendete am Mittwoch vorerst ihre dramatische Talfahrt und schloss rund rei Prozent fester. Nach einem Ausgabepreis von 38 Dollar war das Papier am Montag um elf und am Dienstag knapp neun Prozent auf schließlich knapp 32 Dollar gefallen.

Nach Angaben des Börsendienstes Data Explorers leihen sich derzeit zahlreiche Hedgefonds für viel Geld Facebook-Aktien, um auf einen weiteren Kursrutsch zu wetten.

Reuters

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