Die "Wunderbörsen" der Schwellenländer sind müde

Die "Wunderbörsen" der Schwellenländer sind müde

Die "Wunderbörsen" der Schwellenländer sind müde geworden, die Kurse fallen. FORMAT analysiert, wo es hakt und wie sich Investoren jetzt richtig positionieren.

Ohne den taiwanesischen Börsenkonzern Foxconn geht im Elektronikbereich fast nichts mehr. Mit 1,2 Millionen Arbeitern sind die Asiaten zum weltgrößten Auftragsfertiger für Elektronikgeräte aufgestiegen. Auf der Kundenliste finden sich klingende Namen wie Apple, Hewlett-Packard, Dell, Microsoft, Nokia oder Nintendo.

Das florierende Geschäft hat der Aktie von Foxconn, das bereits mehrmals wegen schlechter Arbeitsbedingungen am Pranger stand, auf Jahressicht auch nicht geholfen. Euro-Anleger blicken seit Ende Juli 2011 auf knapp fünf Prozent Verlust. Kein Einzelfall: Seit Mitte des Vorjahres ist generell Sand im Getriebe von Schwellenländeraktien. Der Rendite-Knick der bis vor kurzem noch mit dem Etikett "Wunderbörsen“ versehenen Aktienmärkte der aufstrebenden Staaten reicht von São Paulo bis nach Moskau.

So verloren Aktienfonds, die in indische Papiere investieren, auf Jahressicht durchschnittlich 14,8 Prozent. Breiter gefasste Fonds, die den Beinamen BRIC - das Kürzel steht für die Börsen Brasiliens, Russlands, Indiens und Chinas - tragen, gaben im Schnitt um 12,9 Prozent nach.

Exodus der Großanleger

Hauptursache des Rückschlags ist der Rückzug von Großanlegern, die infolge der Zuspitzung der Euro-Krise zusehends ihren Risikoappetit verloren und deshalb die als schwankungsanfällig geltenden Schwellenländeraktien auf den Markt warfen. "Institutionelle Anleger aus den USA und aus Europa sind dort nur noch mit fünf Prozent investiert. Der Gewichtung von Schwellenländeraktien im weltweiten MSCI-Weltaktienindex angemessen wäre ein Anteil in Höhe von etwa 13 Prozent“, analysiert Mark Livingston, Investmentstratege für Schwellenländer bei der Fondsgesellschaft Fidelity Investments.

Handelt es sich bei dem Einbruch nur um ein kurzes Zwischentief - oder geht der Abschwung weiter? Betrachtet man lediglich die Bewertung einzelner Exotenbörsen, gibt es jedenfalls nichts auszusetzen. So sind russische Aktien mit einem für das Gesamtjahr 2012 geschätzten KGV von 4,9 zum Schnäppchenpreis zu haben. Auch die Bewertung der Börsen von China, Korea und der weltweite MSCI-Schwellenländeraktienindex liegen teils deutlich unter dem langjährigen Schnitt.

Beim Wirtschaftswachstum stehen die aufstrebenden Staaten zwar nach wie vor deutlich besser da als die Industrieländer. Aber speziell die Angst vor einem Dämpfer der chinesischen Konjunktur hat die einstige Schwellenländer-Euphorie ins Gegenteil verkehrt.

Michael Hasenstab, Anleihenexperte der Fondsgesellschaft Franklin Templeton, glaubt zwar nicht, dass die chinesische Wirtschaft in ein tiefes Loch fallen wird, mahnt jedoch zu Vorsicht: "Für dieses Jahr werden für die chinesische Wirtschaft Wachstumsraten zwischen sieben und acht Prozent prognostiziert. Ein Auslöser für eine harte Landung wäre eine Krise im Bankensystem, für die ein Land wie China mit künstlich niedrig gehaltenen Zinsen anfällig sein kann. Mit Devisenreserven in Höhe von drei Billionen Dollar ist China dagegen aber sehr gut gewappnet.“

Aber selbst wenn das Wachstum stabil bleiben sollte, ist das noch kein Freibrief für einen neuerlichen Anstieg der Exotenbörsen. Dass eine gute Konjunktur nicht automatisch in ansprechende Aktienkursgewinne mündet, zeigte sich bereits früher. Wer etwa zwischen 1994 und 2011 in chinesische oder russische Aktien investierte, hat noch immer Verluste zu verdauen.

Am Gängelband der Politik

Laut dem Research der US-Bank JPMorgan befinden sich 28 der 100 größten Schwellenländerunternehmen im Staatsbesitz. In China stehen gar 79 Prozent der Börsenkonzerne unter der Fuchtel der Regierung. In Russland gehören 62 Prozent Vater Staat, in Brasilien liegt der Anteil immerhin noch bei 38 Prozent. Investmentstratege Livingston: "Bei den brasilianischen Aktien des Erdölkonzerns Petrobras und dem Bergbauriesen Vale erweist sich der Staatseinfluss als Hemmschuh. Anleger sollten die Auswirkungen im Einzelfall beurteilen. Ein positives Beispiel ist die russische Sberbank, die eine enorme Marktmacht innehat.“

Obwohl der unmittelbare Staatsanteil an börsennotierten Unternehmen in Indien nur elf Prozent beträgt, steht auch hier die Politik einer günstigen Aktienmarktentwicklung im Weg. Fidelity-Experte Livingston: "Indien hat zahlreiche viel versprechende Unternehmen, die Demografie ist besonders günstig. Aber die Politik blockiert, sie verhindert wichtige Reformen. Noch dazu ist die indische Börse im Vergleich zu anderen Schwellenländermärkten relativ teurer bewertet.“ Auch bei der Einhaltung von Transparenzstandards und bei der Aktionärsfreundlichkeit herrscht in den Schwellenländern häufig noch Aufholbedarf. Während in Südafrika das in den Industriestaaten übliche Niveau bereits erreicht wurde, hinken etwa chinesische Unternehmen deutlich hinterher.

Angesichts der negativen Faktoren sind Anleger gut beraten, ihre Erwartungen nach unten zu schrauben. "Der Gegenwind an den Börsen der aufstrebenden Staaten wird erst abflauen, wenn sich die Euro-Krise entspannt und wenn sich die US-Wirtschaft erholt“, sagt Experte Livingston, "in Summe darf man aber nicht damit rechnen, dass sich wieder eine Boomphase wie zwischen 2003 und 2007 einstellt. Die Zeit des Free Lunchs mit enorm hohen Kursgewinnen ist in der Form vorbei. Aktien von Konzernen, die nur auf Umsatzwachstum aus sind, sind im Nachteil. In Hinkunft geht es um stabile Margen.“

Fazit: Trotz der momentanen Anspannungen bleiben die langfristigen Aussichten für die Schwellenländerbörsen positiv. Anleger sollten sich jetzt von der teils besonders günstigen Bewertung der Schwellenländerbörsen aber nicht blenden lassen. Vor einem Aktienkauf sollten die Entwicklungen der nächsten Monate abgewartet werden. Beim Einstieg ist es von Vorteil, auf breit gestreute Fonds zu vertrauen. Dabei haben im Moment Depots die Nase vorn, die direkt in Exotenaktien investieren und die Papiere von Konzernen aus Industriestaaten beimischen, die einen Teil ihres Geschäfts in China, Brasilien, Indien, Russland und Co machen.

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