Das Börsen-Duell

Das Börsen-Duell

Knapp 9.000 Kilometer von Österreich entfernt geht derzeit an der Börse von Caracas die Post ab. Seit Jahresanfang sind die Aktienkurse in Venezuela im Schnitt um 115 Prozent gestiegen, auf Jahressicht haben sich die Notierungen sogar verdreifacht. Offenbar spekulieren einige Unerschrockene auf ein baldiges Ende der Ära Hugo Chávez.

Von solchen Fabelzahlen können Anleger, die auf etablierte Börsen vertrauen, nur träumen. Dennoch war es kein Fehler, seit zum Beispiel Jahresanfang in Aktien der Wall Street in New York zu investieren. Die Kurse stiegen in der ersten Jahreshälfte aus Sicht von Euro-Anlegern immerhin um zehn Prozent. Dass Totgesagte länger leben, beweist auch die Wiener Börse, die speziell im ersten Quartal nach dem Katastrophenjahr 2011 ein starkes Lebenszeichen von sich gab. Dagegen hatten an den Börsen von Mailand und besonders in Madrid die Bären - an der Börse gilt der Bär als Symbolfigur für fallende Kurse - das Zepter fest in der Hand. Nun stehen Investoren vor der Frage, ob die Börsenbullen in der zweiten Halbzeit 2012 die Oberhand haben werden oder ob den Aktienmärkten bei einer neuerlichen Eskalation der Staatsschuldenkrise letztlich die Luft ausgeht.

Durchatmen oder Luft anhalten?

Eines ist schon jetzt so gut wie sicher: Anleger müssen angesichts der trüben Aussichten von Spanien, Portugal oder Griechenland weiter damit rechnen, dass der Zickzackkurs an den Börsen weitergeht. Jim O’Neill, Chef des Goldman-Sachs-Vermögensmanagements und einer der einflussreichsten Bankökonomen der Welt: "Selbst der Wahlausgang in Griechenland samt Regierungsbildung und das Rettungspaket für Spaniens Banken brachten nur einige Minuten Entspannung. Ich mache keinen Hehl daraus, dass sich die Lage noch weiter verschlechtern kann. Entscheidend wird sein, ob Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel wirklich europäisch agiert oder ob die Bemühungen einfach aufgegeben werden.“

Trotz der Unsicherheiten bricht O’Neill eine Lanze für europäische Aktien, weil die Bewertung im Vergleich zum längerfristigen, um Konjunkturschwankungen bereinigten Kurs-Gewinn-Verhältnis extrem günstig ist. O’Neill: "Der Abschlag beträgt 46 Prozent.“ Darüber hinaus liegt die durchschnittliche Dividendenrendite europäischer Konzerne mit 4,4 Prozent deutlich höher als etwa in dem aufstrebenden BRIC-Quartett Brasilien, Russland, Indien und China mit 3,6 Prozent oder den USA mit 2,3 Prozent. Goldman-Sachs-Experte O’Neill legt Investoren außerdem nahe, sich nicht von der Eurokrise täuschen zu lassen, weil Europas Börsenunternehmen immer weniger vom Geschäftsgang am Alten Kontinent abhängen. In Zahlen: Während die Konzerne 1997 noch 71 Prozent der Umsätze innerhalb Europas erzielten, sank der Anteil mittlerweile auf 51 Prozent.

In der Vermögensverwaltung von Goldman Sachs kommen europäische Telekomunternehmen wegen sinkender Wachstumsraten und steigenden Regulierungsdrucks nicht zum Zug. Dagegen sind Mobilfunkkonzerne wie Vodafone aus Großbritannien, das die Expansion in Afrika weiter vorantreibt, erste Wahl. Telefónica aus Spanien bleibt hingegen wegen zweimaliger Kürzung der Dividende außen vor.

Zinsen von der Börse

Die Dividendenrendite der Vodafone-Aktie beträgt aktuell knapp 6 Prozent. Zum Vergleich: Zehnjährige Bundesanleihen aus Österreich werfen derzeit 2,4 Prozent ab, der deutsche Finanzminister zahlt sogar nur 1,6 Prozent. Dass Vodafone auch längerfristig aktionärsfreundlich agiert, zeigen die vergangenen fünf Jahre, in denen die Ausschüttungen kontinuierlich um 14,9 Prozent per annum angehoben wurden. Mit jährlichen Dividendensteigerungen von 15 Prozent seit 2007 und einer Dividendenrendite von 4,3 Prozent spielt der Schweizer Pharmariese Roche in der gleichen Liga. Zusätzliches Plus: Obwohl der Aktienkurs in Euro gerechnet auf Jahressicht um 20 Prozent gestiegen ist, raten 25 von 37 Analysten, die die Roche-Aktie verfolgen, zum Kauf des Papiers.

Investoren, die US-Aktien im Depot haben wollen, sollten laut Robert Karas, Aktienchef der Schoellerbank, zu Papieren von Großkonzernen greifen. Zu den Favoriten des Experten zählt die Aktie des Internet-Suchmaschinenbetreibers Google (s. Chart rechts), die 37 von 42 Analysten zum Kauf empfehlen. Karas: "Weiterhin gute Chancen sehe ich bei Wall-Street-Aktien von Philip Morris, Apple, Cisco, Johnson & Johnson, Microsoft, Coca- Cola und Pfizer.“

Grant Bughman, Manager des Aktienfonds UBS USA Growth, bricht die Lanze für den US-Kreditkartenspezialisten Visa, eine ziemlich sichere Bank für steigende Gewinne. Bughman: "Weltweit wird immer mehr mit Kreditkarten eingekauft. Es ist außerdem sehr schwer, den großen Anbietern Visa und MasterCcard Konkurrenz zu machen.“

12 Prozent Kurschance

Die Börse Wien kam besonders schlecht durch die Krise. RCB-Analyst Stefan Maxian gibt aber jetzt Entwarnung für Österreich-Aktien: "Ich glaube, dass der ATX-Index bis Jahresende auf 2.200 Punkte steigen wird.“ Das entspricht gegenüber dem Niveau vom vergangenen Mittwoch einem möglichen Kursplus von immerhin 12 Prozent. Maxian: "Ich rechne mit geldpolitischen Lockerungen und einem steigenden Ölpreis. Davon könnten Aktien des Ölkonzerns OMV und des Erdölindustriezulieferers Schoeller-Bleckmann profitieren.“ Darüber hinaus glaubt der Experte, dass die Kurse von Papieren der Immofinanz, des Alukonzerns Amag, des Mautsystemespezialisten Kapsch TrafficCom sowie des Halbleiterherstellers Austriamicrosystems noch Luft nach oben haben.

Delegiertes Timing

Wer sich nicht dauernd über die neueste Börsenentwicklung auf dem Laufenden halten und die Entscheidung über etwaige Anpassungen an Experten abgeben will, findet eine große Auswahl an flexiblen Mischfonds, die schon bisher gut durch Wind und Wetter kamen. Ein empfehlenswertes Produkt für diejenigen, die nur schaumgebremst unterwegs sein wollen, ist der Misch-fonds Kapital Plus der Allianz (ISIN DE0008476250). Der Aktienanteil ist grundsätzlich mit 30 Prozent begrenzt, bei Bedarf kann aber das Risiko rasch reduziert werden. Mit dieser Defensivstrategie hat der Fonds von Jahresbeginn bis Mitte der Woche einen Gewinn von 6,2 Prozent erzielt. Die durchschnittliche Jahresrendite von 13,2 Prozent in den vergangenen 36 Monaten ist zwar nicht so rasch wiederholbar, zeigt aber das Potenzial, wenn es richtig gut läuft (Grafik unten links).

Wer die Aktiendosis weiter erhöhen will, kann mit dem Carmignac Patrimoine bis zu 50 Prozent des Vermögens an den Börsen platzieren. Die Zwischenbilanz des heurigen Jahres fällt mit plus 6,2 Prozent exakt gleich aus wie beim Kapital Plus. Auf Drei-Jahres-Sicht bleibt der Carmignac-Mischfonds mit einer durchschnittlichen Rendite von 6,2 Prozent hinter dem Allianz-Produkt zurück. Doch im echten Dauertest geben die höhere Aktienquote und ein markanter Anteil von Schwellenland-Investments den Ausschlag für den französischen Fonds: Carmignac liegt mit einem mittleren Jahresgewinn von 8,5 Prozent seit 2002 doch einiges vor dem in Deutschland gemanagten Allianz-Fonds mit 5,5 Prozent. Übrigens: Wer sich nicht für einen der beiden Fonds entscheiden kann, macht sicher nichts falsch, wenn er das Investment auf beide Produkte aufteilt. Das erhöht nicht zuletzt auch die Sicherheit: Schließlich können derartige Mischfonds, die ihren Erfolg nicht zuletzt starken Wetten auf kommende Börsenentwicklungen verdanken, auch einmal kräftig daneben liegen.

Wer auf das Thema Dividenden setzen will, liegt mit dem DWS Top Dividende (DE0009848119) richtig. Der weltweit anlegende reine Aktienfonds kann nicht so flexibel wie Mischfonds auf einen Börsencrash reagieren, wie auch der Kurs-Chart rechts unten zeigt. Dafür liegt der Drei-Jahres-Ertrag mit durchschnittlich 14,7 Prozent per annum auch am höchsten. Zusatztipp: Wer das Risiko verkleinern will, schon kurz nach dem Einstieg am falschen Fuß erwischt zu werden, sollte in Etappen kaufen. Am einfachsten geht das über Sparpläne, die unter anderem bei Online-Brokern angeboten werden. So kauft man gegebenenfalls billig nach und kann langfristig am meisten verdienen, wenn zwischenzeitlich die Bären das Sagen haben.

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