Zahlungsmoral: In Italien heißt's lange warten

Zahlungsmoral: In Italien heißt's lange warten

Wäre Italien so effizient in der Forderungsbetreibung wie Deutschland, dann würde viel zusätzliches Kapital in die Kassen der Unternehmen gespült werden. Ganz so einfach ist die Sache aber nicht.

So vielfältig und einzigartig jedes Land Europas auch ist, so unterschiedlich verhält es sich mit der Zahlungsmoral. Ein Phänomen bestätigt sich dabei in Umfragen immer wieder aufs Neue: das Nord-Süd-Gefälle. Oder, anders ausgedrückt, je wärmer das Klima, umso schlechter die Zahlungsmoral. Alle Jahre wieder führen die skandinavischen Länder, die DACH-Region, Island, Estland und Polen als disziplinierteste Zahler die Statistiken an. Ihre negativen Pendants sind – wenig überraschend – die ökonomischen Krisenherde Europas im Süden. In Italien, Griechenland, Spanien, Portugal und Zypern vergehen teils viele Monate, bis offene Rechnungen beglichen werden und Geld in die Kassen der Unternehmen zurückfließt. Doch warum eigentlich ist das so? Abgesehen von zum Teil unterschiedlichen Rahmenbedingungen in den Ländern zeigen sich einige Gemeinsamkeiten, die die oben beschriebene Entwicklung begünstigen. Zu nennen sind hier Politik, Justiz & Bürokratie und Mentalität als relevante Einflussfaktoren.

Was die Zahlungsmoral beeinflusst

Die Gesetze bzw. deren Qualität im Sinne ihrer Durchschlagskraft für Gläubiger ist entscheidend dafür, ob in einem Land eine disziplinierte Zahlungsmoral Einzug halten kann. Je mehr Möglichkeiten ein Gläubiger hat, einem säumigen Schuldner beizukommen, desto besser für dessen Liquidität. Gute gesetzliche Rahmenbedingungen wirken sich jedoch nur positiv aus, wenn sie von einem effizienten Justizwesen umgesetzt werden, beispielsweise durch schnell arbeitende Gerichte. Und natürlich können auch bürokratische Hürden die Zahlungsmoral beeinträchtigen. So etwa ist die Identifikation von Schuldnern bei der Forderungsbetreibung sehr wichtig. In Österreich geschieht dies mithilfe eines gut organisierten Melderegisters. In Länder wie Spanien, Italien oder Griechenland arbeiten diese Stellen organisatorisch nicht auf der „Höhe der Zeit“. Schuldner wissen in der Regel, wie es um diese Faktoren in ihrem Land bestellt ist. Dementsprechend entwickelt sich auch eine Mentalität, diese strukturellen Schwächen auszunützen – jedoch in aller Regel nicht zum Wohl der Gesamtwirtschaft.

Deutschland – Italien wie Tag und Nacht

Unternehmen bezahlen in Deutschland ihre Rechnungen nach durchschnittlich 37 Tagen. Das ist verhältnismäßig schnell, der europäische Schnitt liegt bei 53 Tagen. Italien wiederum könnte mit 103 Tagen kaum schlechter sein, wobei die Zahlungsfristen seit jeher wesentlich länger sind als in Deutschland. Die formalen Gründe für den Zahlungsverzug sind jedoch in Deutschland wie im Adriastaat dieselben, nämlich Liquiditätsengpass und Überschuldung. Der Antrieb dafür, dass in Deutschland schneller bezahlt wird, sind die vom Gesetzgeber vorgesehenen Sanktionen, die durch ein straffes Justizsystem auch zeitnah zur Anwendung kommen. Ein Zivilprozess dauert in Deutschland zwischen sechs und 12 Monaten, in Italien vergehen 960 Tage, bis ein Urteil gefällt wird. Die desolaten Verhältnisse im Justizwesen und die Wirtschaftskrise haben zu einer weiteren Verschlechterung der Zahlungsmoral geführt. Die Instabilität der italienischen Regierung verschärft das Problem zusätzlich und beeinflusst darüber hinaus das Vertrauen von Investoren in den Wirtschaftsstandort.

Wirtschaftsmentalität im Argen

Doch all diese Faktoren haben in Italien nicht erst seit gestern Gültigkeit, sondern das Land schleppt sie schon lange mit sich. Die Unternehmen wiederum haben sich darauf eingestellt und spielen bei der Forderungsbetreibung nicht selten auf Zeit. Die Gerichte können diese Praktiken aufgrund ihrer Überlastung nicht verhindern. Alternativ gibt es auch in Italien die Möglichkeit, Kapital durch einen Zahlungsbefehl oder eine Exekution zurückzuholen. In diesen Fällen ist der gerichtliche Weg zwar kurz, der administrative aber lang. Beispielsweise ist ein Exekutionstitel verhältnismäßig rasch zu erlangen, bis jedoch der Gerichtsvollzieher aktiv wird, vergeht viel wertvolle Zeit, in der Vermögen „plötzlich“ nicht mehr auffindbar ist. Was die Betreibung mithilfe von Inkassobüros angeht, sind jedoch solide Resultate zu erzielen. Die KSV1870 Forderungsmanagement GmbH schafft es, etwa 50 % aller Forderungen einbringlich zu machen. Doch auch in diesem Bereich ticken die Uhren in Italien anders: Im Gegensatz zu Deutschland sind es die Unternehmen in Italien gewohnt, die Verzugszinsen – bei einer außergerichtlichen Betreibung – eher nicht zu bezahlen, der Gläubiger verliert damit in den meisten Fällen die Zinserträge.

Was die Zukunft bringt?

In Summe ist in Italien über sehr viele Jahre eine problematische Mentalität, was den Umgang mit offenen Rechnungen angeht, entstanden. Die Wirtschaftskrise und die Rekordzinsen für Staatsanleihen haben das Land unmittelbar in die erste Reihe der europäischen Sorgenkinder katapultiert. Aber die Haushaltslage in Italien hat sich im Vergleich zu den Prognosen von vor einem Jahr verbessert. Das liegt daran, dass sich unter anderem die italienische Regierung das politische Ziel gesetzt hat, den Stabilitäts- und Wachstumspakt einzuhalten. Nun hat sich der Zinsabstand der Staatsanleihen zwischen Italien und Deutschland wieder verringert. Weitere Reformen sind angekündigt ... Man darf gespannt sein.

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