"So etwas hat außer mir noch niemand erlebt"

"So etwas hat außer mir noch niemand erlebt"

Was er sich vom neuen Partner aus Mexiko verspricht und womit die Telekom Austria künftig Geld machen will.

trend: Nach dem Einstieg von Carlos Slim und seiner América Móvil bei der Telekom Austria haben Sie nach eineinhalb Jahren medialen Dauerfeuers wohl das erste Mal eine kurze Phase zum Durchschnaufen?

Ametsreiter: Einige Wogen haben sich geglättet, aber Zeit zum Durchatmen? Das ist übertrieben. Es wird weiterhin turbulent bleiben, unsere Industrie bleibt spannend.

trend: Zumindest das Thema, wer Ihre Eigentümer sind, ist jetzt einmal abgehakt …

Ametsreiter: Die Vergangenheit ist erst einmal abgehakt, und darüber bin ich froh. Wir sind in Kontakt mit den neuen Investoren und versuchen, die bestmöglichen Aufstellungen für das Unternehmen zu finden. Das Tempo ist hoch, es geht wirklich zur Sache.

trend: Sind Sie schon informiert, was die Mexikaner bei der Telekom Austria im Schilde führen?

Ametsreiter: Im Moment versuchen sie generell, den europäischen Markt auszuloten. Ein großes Thema sind logischerweise auch Synergieeffekte: gemeinsamer Einkauf von Infrastruktur, Handys und so weiter. América Móvil hat 309 Millionen Kunden, das ist substanziell größer als alle anderen Betreiber, die in Österreich tätig sind. Ich glaube, mehr als zweimal größer als die Deutsche Telekom und zehnmal größer als Hutchinson. Natürlich haben wir Vorteile, wenn ein so großer Partner mit uns gemeinsam etwas angeht. Da lassen sich bessere Preise erzielen.

trend: Wenn Sie sagen, der Partner will jetzt einmal den europäischen Markt kennen lernen, dann klingt das noch nicht nach einer fertigen Strategie von Herrn Slim für die Telekom Austria.

Ametsreiter: Man muss das so sehen, dass die América Móvil Europa als eine sehr günstige Investitionsmöglichkeit ansieht. Das stimmt auch: Die Multiples für die Bewertung der europäischen Betreiber liegen bei zirka fünf, in den USA bei sechs und in Asien bei sieben. Das sind klare Indikatoren, dass Europa derzeit relativ günstig ist. Daraus ergibt sich die Logik, dass hier eingekauft wird.

trend: Und Sie sprechen ja, glaube ich, auch Spanisch?

Ametsreiter: Ich hab’s einmal gelernt vor langer Zeit. Als Sprechen würde ich das nicht bezeichnen.

trend: América Móvil hat den Ruf, ein sehr aktiver Shareholder zu sein, der im operativen Geschäft ordentlich mitmischt. Ist das für Sie eine gute Nachricht oder eine schlechte?

Ametsreiter: Eine gute, weil ich mich freue, wenn jemand Industriekenntnisse mitbringt und sich einbringt. So kann auf Augenhöhe diskutiert werden. Wo das nicht der Fall ist, geht viel Zeit verloren, weil immer langwierige Erklärungen nötig sind.

trend: Ist es eigentlich so, dass die Telekom Austria Gruppe einen strategischen Partner dringend gebraucht hat, oder hat sich das einfach durch die Konstellation mit dem Finanzinvestor Ronny Pecik so ergeben?

Ametsreiter: Es war eigentlich klar, dass mit dem Einstieg eines Finanzinvestors im Anschluss ein strategischer Partner kommt. Nur ist es schneller passiert als angenommen.

trend: Aber hätte es die Telekom Austria auf Dauer alleine überhaupt geschafft?

Ametsreiter: Na ja, wir haben eine spezifische Situation in Österreich, nämlich seit Jahren eine Partnerschaft mit der Vodafone-Gruppe. Von daher konnten wir sehr viele Vorteile mitnutzen. Das war zwar keine Beteiligung, hat uns aber bis dato schon sehr geholfen.

trend: Also wäre es auch ohne neuen Gesellschafter aus der Branche weitergegangen?

Ametsreiter: Ich denke, dass die ganze Branche sich in Richtung Konsolidierung dreht. Das ist schon ein ganz eindeutiger Trend, weil ein unglaublicher Druck entsteht auf die Umsätze, und dementsprechend wird es immer schwieriger. Je kleiner man ist, desto höher natürlich die Troubles, die man zu bewältigen hat. Allerdings schreibt die Telekom Austria wieder deutliche Gewinne: im ersten Quartal 47 Millionen Euro, im Gesamtjahr wird es ein dreistelliger Millionenbetrag. Also das ist schon eine vernünftige Situation – aber die Zeiten werden nicht leichter! Größe ist jedenfalls ein Vorteil.

trend: Es wird wohl die Strategie der Mexikaner sein, dass sich die Telekom Austria am Konsolidierungsprozess aktiv beteiligt. Eröffnet Ihnen das eine neue Wachstumsfantasie durch Zukäufe von Konkurrenten?

Ametsreiter: Ich denke, es ist zu früh, das zu beurteilen, América Móvil hat aber immer gesagt, dass man hier eine Plattform sucht, von der aus man agieren kann – und wenn das auch tatsächlich seine Umsetzung findet, dann ist es für uns natürlich erfreulich.

trend: Alleine hätte die Telekom Austria ohnehin nicht ausreichend Kapital gehabt, um in Europa ernsthaft mitzuspielen?

Ametsreiter: Mit Verlaub, wir haben schon Kapital, das uns erlaubt, Akquisitionen zu tätigen. Im letzten Jahr haben wir drei Unternehmen in Bulgarien und Kroatien gekauft, zwei Glasfaser- und einen Kabelnetzbetreiber. Und wir hätten auch weiterhin durchaus die Power einzukaufen, das würde schon funktionieren. Aber es ist immer eine Frage der Größe der Objekte, die man anvisiert.

trend: Mit Herrn Slim sollte ausreichend Kapital da sein, um etwa in Osteuropa zuzuschlagen, wo sicher einiges auf den Markt kommt. Es scheint, dass die Spanier und vielleicht auch die Italiener dort Beteiligungen verkaufen werden müssen.

Ametsreiter: Die spanische Telefónica steht derzeit unter einem gewissen Druck, das ist richtig. Generell sind von unserer Seite drei Dinge dazu zu sagen: Unsere Priorität im Bereich Mergers & Acquisitions liegt darin, wo immer wir tätig sind, selber durch Zukäufe zur Konsolidierung beizutragen. Der andere Fokus ist die Konvergenzstrategie: also überall dort, wo es noch die Möglichkeit gibt, unsere mobilen Aktivitäten mit Kabel oder Glasfaser zu verstärken und entsprechende Assets aufzukaufen. Der dritte Punkt wäre dann die geografische Expansion.

trend: Da ist ein Partner, der auch Geld hat, wichtig?

Ametsreiter: Ja, zumindest kein Fehler.

trend: Wobei die Sache ein gewisses Limit hat. Wenn América Móvil ständig Geld bei der Telekom Austria einbringt, die staatliche ÖIAG aber nicht, dann steigt die Beteiligung der Mexikaner bald in problematische Höhen. Wir haben gehört, dass darum überlegt wird, eine Art Osteuropa-Holding einzuziehen, wo der neue Partner auch irgendwann die Mehrheit haben könnte, ohne dass sich bei der TA Group was ändert.

Ametsreiter: Es ist zu früh, um zu sagen, wie das tatsächlich funktionieren könnte. Aber es ist logisch, dass diese Limitierungen vorhanden sind. Es gibt noch keinen ausgereiften Plan. Die Gesellschafter müssen jetzt persönliches Vertrauen zueinander entwickeln, dann kann man die nächsten Schritte anvisieren.

trend: Unabhängig davon ist das neue Außenwirtschaftsgesetz eine Hürde. Ab 25 Prozent braucht ein Nicht-EU-Käufer, der bei einem wichtigen österreichischen Unternehmen wie der Telekom Austria einsteigt, die Genehmigung der Regierung. América Móvil will aber mindestens 25 Prozent und hat das auch so angemeldet. Sehen Sie da ein Problem mit der Politik auftauchen?

Ametsreiter: Man muss rechtlich verstehen, dass sich ja ein europäisches Unternehmen, eine Tochtergesellschaft von América Móvil in Amsterdam, hier beteiligt …

trend: Die aber nur ein reines Investmentvehikel ist …

Ametsreiter: Es bleibt abzuwarten, wie diese Tatsache gehandhabt wird. Ich sehe derzeit alles im grünen Bereich und gehe davon aus, dass es zu einer Einigung kommen wird.

trend: Ist Datensicherheit ein Argument, warum der Staat auf jeden Fall beteiligt bleiben sollte?

Ametsreiter: Es gibt hier verschiedene Modelle, wie man damit umgehen kann. Manche Länder halten einen staatlichen Einfluss für sehr wichtig, andere meinen, dass dies nicht notwendig ist. Eine Philosophiefrage. Diese Entscheidung muss die Politik treffen.

trend: Die Staatsholding ÖIAG, die bei Ihnen die Sperrminorität hält und auch behalten will, ist derzeit selbst umstritten. Könnten Sie mit dem Modell leben, dass die ÖIAG aufgelöst wird und die Anteile an der Telekom Austria dann direkt von einem Ministerium verwaltet werden?

Ametsreiter: Ich meine, das Modell ÖIAG hat sich insofern bewährt, als man einen professionellen Aufsichtsrat aufgestellt hat, der unserem Unternehmen Stabilität geboten hat. Außerdem hätte man schon mit Reaktionen vom Kapitalmarkt zu rechnen, würde man das Modell jetzt verändern.

trend: Aber ist die ÖIAG wirklich so ein starker Puffer zwischen Politik und Kapitalmarkt? Wenn es hart auf hart kommt, setzt sie ja doch nur die Wünsche des Eigentümers Republik um?

Ametsreiter: Also bei uns wurde ein unabhängiger Aufsichtsrat installiert, der aus anerkannten Experten aus verschiedenen Industrien besteht: Telekom-Experten, Bankern, Rechtsanwälten. Das hat sehr gut funktioniert.

trend: Aber auch dieser Aufsichtsrat hat die Telekom Austria nicht davor bewahrt, dass sie derzeit als Skandalunternehmen Nummer eins in Österreich dasteht. In den Jahren bevor Sie Generaldirektor wurden, gab es abenteuerliche Machenschaften: Aktienkursmanipulationen, fingierte Rechnungen, dubiose Geldspenden an die Politik etc.

Ametsreiter: Diese Dinge sind in der Vergangenheit von einigen Leuten gezielt am Aufsichtsrat und auch an den Kollegen im Unternehmen vorbeimanövriert worden.

trend: Wenn ich an das ramponierte Image in der Öffentlichkeit denke, leidet aber noch immer der gesamte Konzern darunter.

Ametsreiter: Die Personen, die involviert waren, sind nicht mehr im Unternehmen. Für uns ist das Thema abgehakt. Es ist hier niemand mehr belastet, und alle Informationen sind an die Justiz übermittelt worden.

trend: Und wie ist der Stand der Dinge bei jenen Causen, wo das Unternehmen Schadenersatz geltend gemacht hat, sprich bei den Kursmanipulationen und den Scheinrechnungen? Wie stehen da die Chancen, noch zu Geld zu kommen?

Ametsreiter: Wir nutzen alle Möglichkeiten. Bei der Hauptversammlung haben wir gesagt, dass wir zirka 28 Millionen Euro zurückfordern. Wie viel wir tatsächlich realisieren können, hängt von der Liquidität von bestimmten Personen, Unternehmen und Institutionen ab.

trend: Könnten noch neue Probleme auftauchen? Oft wird über Unregelmäßigkeiten bei den Akquisitionen in Bulgarien und Weißrussland spekuliert.

Ametsreiter: Diese Dinge sind alle geprüft und dem Staatsanwalt übergeben worden. Seit dem Bericht auf der Hauptversammlung hat sich am Stand der Dinge nichts geändert.

trend: Ist auch América Móvil bereit, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen?

Ametsreiter: Allen hier ist klar, dass jetzt ein neues Kapitel beginnt. Es geht in Richtung Zukunft, ohne einen Rucksack mittragen zu müssen. Der ist abgelegt, und weiter geht’s.

trend: Als Beobachter hat man den Eindruck gewonnen, dass der Konzern jetzt über ein Jahr lang gelähmt war durch die ständigen öffentlichen Auseinandersetzungen – und deswegen nicht viel weitergegangen ist.

Ametsreiter: Das stimmt nicht. Wir haben in der Zeit unseren Anteil im Breitbandbereich sogar gesteigert. Wir haben neue Produkte wie A1 Cloud und Glasfaseranschlüsse, die bis in die Wohnung reichen, auf den Markt gebracht. Wir haben massiv ins Giganetz investiert. Und wir haben uns auf dem Markt sehr gut geschlagen, besser als andere. Trotz dieser Turbulenzen haben wir Platz drei unter den wertvollsten Marken Österreichs halten können. Für mich ist das ein Riesenkompliment an alle Mitarbeiter. In Zeiten, wo viel zu erklären war, trotzdem diese Performance zu schaffen, ist sensationell. Außerdem haben wir es genau in der Zeit, in der wir so oft in den Medien waren, als Einzige in Europa geschafft, unsere Kundenzahl zu steigern.

trend: Es ist halt zu hören, dass auf den Managementebenen unter dem Vorstand keiner mehr was entscheidet, weil irgendwie jeder Angst hat, sich aus der Deckung zu wagen.

Ametsreiter: Das ist falsch. Sonst hätten wir das nie erreicht. Es gab eine Vergangenheit aufzuklären, und die ist aufgeklärt worden. Die internen Aufräumarbeiten haben sich auf einige wenige Personen fokussiert, und bei denen sind die Tage halt länger geworden. Aber die gesamte A1-Mannschaft hat zusammengehalten. Für 47 Millionen Euro Quartalsgewinn muss man richtig was tun.

trend: Also kommen wir zu den Märkten. In Österreich bemühen sich A1 und der Rest der Branche, höhere Margen durchzusetzen, sehr weit fortgeschritten ist dieses Vorhaben aber noch nicht?

Ametsreiter: Es hat schon einige Schritte gegeben, die von allen Spielern am Markt vollzogen wurden, weil erkannt wurde, dass der Preisverfall hier für alle zu groß ist. Insgesamt ist der Markt aber trotzdem in einer derartigen Dynamik, dass wir sicher nicht von einer erfreulichen Situation in Österreich sprechen können. Es herrscht enormer Druck auf die Umsätze.

trend: Das heißt, dass sich die Handy-Anbieter den Markt nach wie vor selber kaputt machen?

Ametsreiter: Wir sind sicher auf eine Weise selbstzerstörerisch unterwegs, sodass der Kapitalmarkt und mancher Shareholder beunruhigt darauf blickt. Wer ins Firmenbuch schaut, wird feststellen: In Österreich gibt es nur zwei Mobilfunkunternehmen, die positive Ergebnisse schreiben.

trend: Wobei sich das bessern könnte, wenn einer vom Markt verschwindet. „3” will bekanntlich Orange übernehmen …

Ametsreiter: Ich habe vor zehn Jahren schon gesagt, dass in Österreich nur drei Anbieter Platz haben, zu dem stehe ich nach wie vor. Es ist eine ökonomische Notwendigkeit, dass hier auf ein vernünftiges Ausmaß geschrumpft wird.

trend: Allerdings ist die Fusion von „3” und Orange kürzlich in eine vertiefte Kartellprüfung gegangen, weil A1 in diesem Deal die Marke yesss! übernehmen würde und dann eine sehr dominante Stellung im Billigsegment hätte.

Ametsreiter: Dabei wird immer was verwechselt. Unsere Marke Bob hat zum Beispiel 80 oder 90 Prozent Vertragskunden, und yesss! hat 80 oder 90 Prozent Wertkartenkunden. Das ist also ein völlig anderes Segment. Die Frage ist eher: Wie geht’s denn weiter, wenn diese Konsolidierung nicht stattfindet? Der Zustand, in dem sich manche Betreiber derzeit befinden, ist ökonomisch nicht auf Dauer weiterführbar, das ist klar.

trend: Das heißt, wenn jetzt diese geordnete Konsolidierung unterbunden wird, folgt irgendwann möglicherweise ein Big Bang?

Ametsreiter: Ja, das ist zu erwarten.

trend: Und gibt es einen Plan B, falls die Übernahme von yesss! am Ende nicht genehmigt wird?

Ametsreiter: Nein, wir stehen zu dem Angebot, das wir abgegeben haben. Ansonsten würden wir abwarten, was passiert. Jetzt hoffen wir einmal, dass die Prüfung nicht mehr ewig dauert. Wenn sich das ins nächste Jahr hineinzieht, wäre das schlecht für die Kunden von Orange und auch für die einzelnen Betreiber.

trend: Wird Ihre Branche wegen der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen weiter auf die Investitionsbremse treten, zum Beispiel bei LTE, der vierten Mobilfunkgeneration?

Ametsreiter: Wenn unsere Tarife weiter hinunterreguliert werden, zum Beispiel bei den Roaminggebühren, wird das Investitionsvolumen nicht steigen, sondern sinken. Die Situation hat bei einigen schon auf die Investitionen gedrückt, wir haben sie bis dato eigentlich sehr hoch gehalten und rund 16 Prozent von unseren Umsätzen investiert. Wenn sich das Umsatzniveau aber in diesem Ausmaß weiterentwickelt, ist das nicht haltbar.

trend: Und führt dann auch irgendwann zu einem Problem mit der Qualität?

Ametsreiter: Davon sind wir jetzt noch weit entfernt, aber mittel- oder längerfristig wird Österreich überlegen müssen, wie man Infrastruktur entwickeln will. Es muss Anreize geben für Investitionen, die gibt es heute nicht, vor allem im Festnetz. Wir dürfen nicht versäumen, die notwendige Infrastruktur für die digitale Gesellschaft aufzubauen. Aber diese Gefahr besteht.

trend: Sie haben den Ruf eines Managers, der gerne über die Zukunft und Innovationen nachdenkt. Und nach eineinhalb Jahren Vergangenheitsbewältigung haben Sie vielleicht jetzt mehr Zeit dafür. Was sind denn die Wachstumsfantasien, die Ihr Geschäft in den nächsten Jahren tragen werden?

Ametsreiter: Der mobile Datenverkehr, der sich immer noch zirka alle eineinhalb Jahre verdoppelt: Das ist getrieben von Videos, von Dingen wie Facebook oder YouTube, die früher nicht existiert haben. Im Festnetzbereich treibt uns High-Definition-TV oder auch 3D-TV. Das Schöne ist, dass wir über ein Produkt verfügen, das extrem nachgefragt wird, nämlich Bandbreite. Die Schwierigkeit ist, einen fairen Preis dafür zu erzielen.

trend: Von welchen neuen Geschäftsfeldern versprechen Sie sich am meisten?

Ametsreiter: In zehn Jahren wird wahrscheinlich jedes Auto eine SIM-Karte haben, über die es mit Daten gespeist wird. Die Kommunikation „machine to machine“ ist ein Riesensektor, der jetzt beginnt abzuheben. Wir rechnen da mit einigen hunderttausend SIM-Karten in den nächsten Jahren.

trend: Also die SIM-Karte im Kühlschrank …

Ametsreiter: Ja, und in Getränkeautomaten, in Heizungen und Wetterstationen – überall dort, wo ich durch den schnelleren Austausch von Information Logistikprozesse optimieren kann. Ich bin auch überzeugt, dass Near Field Communication eine große Zukunft hat …

trend: NFC, das bargeldlose Bezahlen mit dem Handy …

Ametsreiter: Ja, unsere Kantine verwendet zum Beispiel schon NFC, da zahlt man mit dem Handy sein Mittagessen. Wir haben mit McDonalds und Merkur schon Partner, mit denen wir NFC realisieren.

trend: Beim Merkur kann ich mit dem Handy zahlen?

Ametsreiter: In ausgewählten Märkten funktioniert es schon, die Zahlung dauert 0,5 Sekunden – echt flott, viel schneller als jede Bankomatkarte. In Österreich sind 38 Milliarden Euro Bargeld im Umlauf. Nur: Bargeld will eigentlich niemand. Der Händler nicht, der muss die Münzen hin- und herschippern, und der Kunde nicht, weil es in der Hosentasche klimpert. Also mir geht’s so. Das ist ein Riesenmarkt, NFC steht bei uns ganz, ganz vorne. Und auch das Thema Digital Governance. Die Stadt London zum Beispiel stellt den Bürgern die Polizeidaten über Fahrradunfälle im Internet zur Verfügung. Das macht Sinn. Die Wachstumsfelder für unser Produkt gibt es definitiv.

trend: Vereinfacht gesagt, ist die Strategie des Unternehmens, wenn ich das richtig verstehe: Preise rauf, Kosten runter?

Ametsreiter: So kann man es nicht sagen. Die Strategie ist ganz klar Konvergenz, die Kombination aller Technologien anzubieten – das kann niemand sonst in Österreich. Wir haben jetzt mit einem Produkt begonnen, das heißt „Kombinieren und sparen“: Festnetz, Mobilfunk und Fernsehen, und der Kunde hat unterschiedlichste Kombinationsmöglichkeiten. Wir sind da derzeit mit tausend neuen Anschlüssen pro Tag super unterwegs, weil wir damit einen Nerv getroffen haben.

trend: Tatsache ist, dass die Telekom Austria auch an der Kostenschraube drehen muss. Das hat auch der Finanzinvestor Ronny Pecik recht deutlich artikuliert. In der Vergangenheit wurden mit der ÖIAG immer wieder Möglichkeiten diskutiert, wie man mit überzähligen Beamten umgehen könnte. Sehr viel ist offenbar nicht weitergegangen?

Ametsreiter: Wir haben ein neues Modell begonnen, das heißt: „Beamte zum Bund“. Es gibt uns die Möglichkeit, für Beamte, die hier keine Tätigkeit mehr haben, einen Job in Ministerien oder in der Bundesverwaltung zu organisieren. 264 Beamte – fünf Prozent derer, die wir hatten – haben auf diese Weise eine Beschäftigung beim Bund gefunden. Die sind glücklich, nur ganz wenige kehren wieder zurück. Ich halte das für einen Riesenerfolg, und wir wollen auf jeden Fall noch einige hundert Beamte beim Bund, zum Beispiel im Innenministerium, unterbringen.

trend: Wie viele Leute gibt es noch bei der Telekom Austria, die nicht wirklich eine Arbeit haben?

Ametsreiter: Ich möchte mich auf keine Zahl festlegen, aber je mehr man moderne Technologie einsetzt, umso weniger Arbeit ist im Feld nötig. Klar geht es in Richtung Automatisierung.

trend: Sie haben doch so ein Center für Leute, deren Job weggefallen ist, wie viele sind denn dort drinnen?

Ametsreiter: Ja, es gibt die ServiceKom, die sich darum kümmert, Beschäftigung für Mitarbeiter zu organisieren, die derzeit keine haben. Wir vermitteln intern und extern. Im Moment werden dort zirka 600 Personen betreut. Und wir haben die Möglichkeiten der Vermittlung erweitert, weil ich einfach glaube, es ist nicht sinnvoll, dass es Personen gibt, die keiner Tätigkeit nachgehen.

trend: Branchen-Insider meinen, die Telekom Austria müsste in Österreich noch mal 25 Prozent weniger Personal haben, um gut aufgestellt zu sein. Ist das am Ende des Tages die Zielgröße?

Ametsreiter: Das kann man nicht sagen, es hängt auch davon ab, wie wir uns weiterentwickeln. Eines ist aber klar: dass wir bei den Kosten unter Druck stehen, weil die Personalkosten jedes Jahr um 25 Millionen Euro steigen, bedingt durch Kollektivvertragserhöhungen und Biennalsprünge. Das macht uns das Leben nicht leichter.

trend: Wäre eigentlich für die Telekom eine Lösung denkbar, wie sie die ÖBB gemacht haben? Dass man anstatt einer Lohnerhöhung die Arbeitszeit verkürzt? Für Unternehmen, die zu viel Personal haben, das sie nicht kündigen können, ist das doch eine überlegenswerte Variante.

Ametsreiter: Das Modell „Beamte zum Bund“ produziert auch gute Ergebnisse. Ich möchte mich auf diesem Kurs weiterbewegen und nicht dauernd Schwenks machen.

trend: Stimmt es, dass die Fusion Mobilfunk und Festnetz an der Oberfläche gut ausschaut, aber die Integration noch nicht so wirklich gelungen ist?

Ametsreiter: Die ist sehr gut gelungen, aber noch nicht abgeschlossen. Lange gewachsene Kulturen können Sie nicht über Nacht abwerfen, aber es sind alle Bereiche völlig integriert. Die Performance auf dem Markt zeigt ja, dass es funktioniert, sonst hätten wir mehr Schwierigkeiten.

trend: Und hat diese Neustrukturierung auch die erhofften Synergien gebracht?

Ametsreiter: 100 Millionen Euro, also massive Synergieeffekte. Genauso wichtig sind aber die Effekte bei den Kunden. Die haben zu Recht nicht verstanden, warum am Montag der Vertriebsmitarbeiter vom Mobilfunk und am Mittwoch der aus dem Festnetz kommt. Heute haben wir einen, der bietet alles. Das heißt, wir haben dem Kunden zugehört und umgesetzt, was er verlangt hat.

trend: Zum Abschluss interessiert mich noch, wie Sie die Affären, die kurz nach Ihrem Antritt aufgeflogen sind, persönlich erlebt haben. Man hatte immer den Eindruck, dass sich die Führung im Schock fast zu sehr zurückgezogen und verschlossen hat.

Ametsreiter: Diese Situation kann man nicht trainieren. Ich kenne kein einziges Unternehmen in Österreich, das dermaßen erschüttert und in Turbulenzen versetzt worden ist – außer mir hat das wahrscheinlich auch noch niemand in Österreich erlebt. Da braucht man alle Energie, um das zu schaffen und gleichzeitig das Unternehmen zu managen. Und wenn man dann einen U-Ausschuss vor sich hat, Aufklärungsarbeit zu leisten hat, dann ist es einfach gescheiter, zu arbeiten als zu repräsentieren. Wenn ich an Glamour verliere und dafür bessere Ergebnisse liefere, ist das für mich der größere Erfolg. Sie können nicht beides machen. Ich bin auch nicht eine Person, die ständig die Öffentlichkeit sucht.

trend: Sie gelten auch nicht unbedingt als jemand, der gerne Krisen managt.

Ametsreiter: Mir machen andere Dinge mehr Spaß, unbestritten. Aber ich hab wahnsinnig viel gelernt: Blick nach vorn und volle Konzentration auf die Dinge, die für das Unternehmen lebensnotwendig sind. Das mag nach außen hin defensiv gewirkt haben. Ich weiß, dass diskutiert wurde: „Warum ist er nicht in Alpbach oder dort und da?“ Ich hab für mich die Entscheidung getroffen: Mir ist der äußere Schein weniger wichtig als das Ergebnis.

trend: Ronny Pecik, der den Telekom-Deal eingefädelt hat und jetzt für die Mexikaner tätig ist, hat sich ein paarmal öffentlich über einen Austausch der Vorstände geäußert. Ist diese Sache für Sie persönlich wieder im Lot?

Ametsreiter: Ich hab mit Ronny Pecik eine super Kommunikationsbasis, er ist pragmatisch, schnell, man ruft sich an und bespricht sich.

trend: Planen Sie Ihre persönliche Zukunft über das Jahr 2013 hinaus bei der Telekom Austria?

Ametsreiter: Darüber muss man mit dem Aufsichtsrat reden, der Zeitpunkt dafür wäre aber jetzt noch zu früh. Es sind noch eineinhalb Jahre bis zum Ablauf meines Vertrags. Ich habe nichts anderes vor, wenn Sie das meinen.

trend: Wenn Sie gewusst hätten, was auf Sie zukommt, hätten Sie die Bestellung zum Generaldirektor auch angenommen?

Ametsreiter: Eine unzulässige Frage. Natürlich konnte ich nicht wissen, dass es so schwierig wird. Aber mein Gott, das erfährt man, wenn’s so weit ist. Dieses Stahlbad hat mich auch gestärkt, obwohl die Situationen emotional nicht immer ganz easy waren. Insofern habe ich wahrscheinlich etwas lernen dürfen, was andere noch nicht gelernt haben oder – was ich jedem wünsche – nie durchlaufen werden. Es war auch spannend und lehrreich.

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