"Wir haben unsere Probleme, aber der Rest der Welt hat größere"

"Wir haben unsere Probleme, aber der Rest der Welt hat größere"

Ein Jahr ist es her, dass die Rating Agentur Standard & Poor's (S&P) den USA die Top-Bonität AAA aberkannte - dennoch bekommen die Investoren von US-Wertpapieren nicht genug. Kenneth Rogoff ist sicher: Alle wollen sein, wie die USA.

Der Dollar legte in den vergangenen zwölf Monaten gegenüber einem Korb aus sechs Währungen zehn Prozent zu, wie Bloomberg-Daten belegen. US-Aktien waren die besten überhaupt - mit Unterstützung des erstarkten Dollars. Der Dow Jones Industrial Average schaffte eine Performance von 14 Prozent. Und US-Treasuries, die eigentlich besonders unter dem S&P-Downgrade hätten leiden müssen, haben 6,7 Prozent abgeworfen - ebenfalls besser als der Schnitt.

"Negative Daten kommen von überall auf der Welt", erklärte Harvard-Professor Kenneth Rogoff gegenüber Bloomberg. "Der Rest der Welt blickt in Richtung USA und sagt, 'ich wünschte, wir wären sie'."

Die USA bleiben trotz des Downgrades auf AA+ der sichere Hafen für Investoren - gerade jetzt, wo die Europäer so tief in der Krise stecken und Chinas Wachstum sich verlangsamt. Die niedrigen Renditen von beispielsweise 1,4 Prozent für zehnjährige Staatsanleihen zeigen, dass der Großteil der Investoren auch weiter überzeugt ist, dass die USA ihren Zahlungsverpflichtungen nachkommen werden können.

Krisenbank Wells Fargo unter den Top-20 Konzernen der Welt

Der Downgrade "war mehr eine symbolische Geste. Die Kreditqualität der USA hat er nicht beeinträchtigt", sagte Paul Zemsky, Leiter Asset Allocation bei ING Investment Management in New York. S&P-Sprecher John Piecuch verteidigte den Downgrade auf AA+ von AAA: "Ratings sind eine Meinung über das relative Ausfallsrisiko, sie sind keine Prognose für das Marktverhalten." So habe S&P Griechenland und Italien bereits 2004 bzw 2005 herabgestuft, aber die Märkte "bewerteten ihre Staatsanleihen noch jahrelang genau so wie die deutschen".

US-Unternehmen jedenfalls profitieren von dem Kaufrausch der Anleger. 15 der größten 20 börsenotierten Unternehmen der Welt - gemessen an der Marktkapitalisierung - kommen aus den USA, allen voran Apple und Exxon Mobil. Vor einem Jahr waren es nur elf. Neu auf der Liste des Who-is-Who der Börse stehen: Coca-Cola, Procter & Gamble, Pfizer und Wells Fargo. Zur Erinnerung: Finanzkrisenbedingt stellte die US-Regierung der Großbank Wells Fargo am 28. Oktober 2008 ganze 25 Milliarden Dollar zur Verfügung.

Auch die US-Unternehmensanleihen sind bei Investoren ungeheuer beliebt. Anleihen von Investment Grade-Emittenten - also qualitativ hochwertige Papiere - brachten im vergangenen Jahr eine Performance von 8,4 Prozent, zeigen Daten von Bank of America Merrill Lynch. Der weltweite Performance-Schnitt für vergleichbare Papiere lag bei 7.6 Prozent.

Rekord-Juli bei Bond-Emissionen

Ihre Beliebtheit nutzen die Unternehmen nun freilich zur Refinanzierung: Im Juli emittierten US-Konzerne Anleihen von 103 Milliarden Dollar - der aktivste Juli überhaupt. Bristol-Myers Squibb, Schlumberger und die Großbank Morgan Stanley holten sich jeder zwei Milliarden Dollar von Investoren. Morgan Stanley kam mit dem ersten 30-jährigen Fixzins-Papier seit zehn Jahren an den Markt.

"Die Angst war groß, dass der Downgrade generell zu höheren Zinsen in den USA führen könnte - auch wegen dem Mangel an Budgetverantwortung", weiß Thomas Chow von Delaware Investments. "Stattdessen orientiert sich diese Welt einfach mehr an der relativen Bewertung."

"Wir haben unsere Probleme, aber der Rest der Welt hat größere"

Außerdem hat sich das US-Wirtschaftswachstum im letzten Jahr zwar verlangsamt, war aber trotzdem stärker als das Wachstum der meisten anderen Industrienationen. Annualisiert lag es vom dritten Quartal 2011 bis zum ersten Quartal 2012 bei 2,5 Prozent - das ist das Doppelte der Wachstumsrate Deutschlands und das Fünffache Frankreichs. Naturgemäß schlägt sich die US-Konjunktur damit auch besser als die britische oder gar die italienische - beide Länder stecken in einer Rezession. Von den G7-Nationen konnten nur Kanada und Japan, das sich vom Erdbeben und der Atomkatastrophe des März 2011 erholt, besser abschneiden.

"Die USA sind das beste Pferd in der Leimfabrik", witzelt Nariman Behravesh, Chefökonom von IHS, bezugnehmend darauf, dass das Wachstum weltweit generell "festklebt" und ergänzt: "Wir haben unsere Probleme, aber der Rest der Industrienationen hat viel, viel größere." Zu den Problemen in den USA zählt sicherlich die anhaltend hohe Arbeitslosenrate von 8,3 Prozent im Juli.

Comeback des Immomarktes

Positiv: Der Immobilenmarkt, einst das Zentrum der Finanzkrise in den USA, scheint wieder zum Leben zu erwachen. Der Wohnbau trug im zweiten Quartal 0,2 Prozentpunkte zum Wirtschaftswachstum bei. Im ersten waren es sogar 0,4 Punkte. In Summe ist das der größte Halbjahres-Beitrag seit 2005, also noch vor der 18 Monate dauernden Rezession, die im Dezember 2007 begann.

Die Wohnimmobilien-Preise in 20 Städten stiegen im Mai laut dem S&P/Case-Shiller Index 0,9 Prozent - der größte Anstieg seit beinahe drei Jahren. "Etwas, das ein massiver Gegenwind für die Konjunktur war, hat sich nun zu einem Rückenwind entwickelt", analysiert Karl Case, Professor am Wellesley College in Massachusetts und Mitentwickler des Hauspreis-Index.

Für sich genommen hat der S&P-Downgrade offenbar keinen Unterschied gemacht - die Bondrenditen sind runter, der Aktienmarkt rauf, bestätigt auch PIMCO-CEO Mohamed El-Erian. Selbst wenn, kritisiert der Bond-Guru: "Man sollte die Marktentwicklung auch vor dem Hintergrund des immensen geldpolitischen Stimulus der Fed, der sicher half, die Renditen zu drücken, und der Schuldenkrise in Europa sehen."

Massive Abflüsse aus Europa in Richtung Schweiz und USA

"Die Mittelabflüsse aus Europa in die Schweiz und die USA waren massiv", erklärt El-Erian. Die US-Wirtschaft würde nach wie vor in einer Stagnation feststecken: "Das Wachstum wird in den nächsten zwölf Monaten wohl nur 1,5 Prozent betragen." Allerdings, so der PIMCO-Mann, werde Europas Wirtschaft wohl um den selben Wert schrumpfen.

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