Wege aus der Urlaubsfalle

Wege aus der Urlaubsfalle

Stress am Strand. Die Füße im Sand, den Kopf im Büro: Viele Führungskräfte tun sich schwer, im Urlaub abzuschalten. Einige Tricks helfen, die kostbaren freien Tage wirklich zu genießen.

Seine BMW und eine Handvoll Freunde, ebenfalls mit Maschinen: Der jährliche Motorradtrip mit langjährigen Wegbegleitern gehört für Hans Jorda zu den Fixpunkten im Kalender. Auch dieses Jahr hatte sich der CEO der Personalberatung Neumann & Partners wieder auf die mehrtägige Tour gefreut; das Ziel hieß Toskana. Doch nach drei Tagen wollte der Headhunter den Zweirad-Urlaub abbrechen. "Ich habe mein Unternehmen nicht aus dem Kopf bekommen und permanent daran gedacht, was zu tun wäre“, so Jorda. Schließlich entscheidet er sich doch, im Sattel zu bleiben und nicht zurück auf den Bürosessel zu wechseln.

Jorda ist keine Ausnahme. Laut Umfragen können fast zwei Drittel aller Angestellten im Urlaub nicht abschalten, also ihre freien Tage nicht genießen. In den Chefetagen ist die Quote vermutlich noch höher. Schlimmer noch: Zur fehlenden Freude kommt oft auch noch Frust über den Partner, mit dem man plötzlich an einem Tag so lange zusammen ist wie sonst nicht in einer ganzen Woche. Das Abaris-Institut für Psychotherapie hat herausgefunden, dass in Deutschland jede dritte Scheidung nach den Sommerferien eingereicht wird. "Urlaube sind nach meiner Erfahrung emotional hoch aufgeladen und von Erwartungen überladen“, sagt auch die Wiener Psychotherapeutin Maria Bayer-Weichinger. Ausgerechnet die "schönste Zeit des Jahres“ ist in Wahrheit also eine Problemzone.

"Ich kann mich nicht richtig erholen“, lautet auch der zentrale Satz, den Claudia Linhart in ihren Seminaren immer wieder hört. Die diplomierte Spezialistin für Burn-out-Prophylaxe bietet im Provita Gesundheitszentrum im 10. Bezirk in Wien spezielle Workshops gegen den Urlaubsstress an. Kuriose Welt: Kaum aus dem Jobstress heraus, rennt man in die nächste Schulung gegen Stress im Urlaub. "Wir brauchen Urlaub, um unsere Ressourcen wieder aufzuladen“, sagt Linhart, "doch immer mehr Menschen wissen eigentlich nicht, wie man die Urlaubszeit genießt und sich erholt.“

Zu viele Wünsche

Es ist fast wie an den Weihnachtsfeiertagen: Überhöhte Erwartungen treffen auf eine nüchterne Realität. Der moderne Mensch will im Urlaub möglichst viel erleben, neue Kulturen entdecken, endlich mal wieder mit dem Partner reden und Zeit für die Kinder haben. Gleichzeitig soll Sport getrieben, gelesen, das Golf-Handicap verbessert, Yoga gelernt und gefaulenzt werden - kein Urlaub ist lang genug, um das alles unterzubringen. Frust ist die Folge. "Die Erwartungen herunterschrauben“, lautet daher auch ein wichtiger Urlaubstipp des Bregenzer Internisten und Urlaubsmediziners Egon Humpeler.

Dass Urlaub für die Gesundheit wichtig ist, steht für Humpeler außer Frage. In mehreren Studien hat er die positiven Effekte auf die Gesundheit nachgewiesen. Er untersuchte Testpersonen vor, während und nach einem dreiwöchigen Wanderurlaub. Das Ergebnis: Bei allen Urlaubern gingen Herzfrequenz und Blutdruck zurück, erhöhte Blutfette sanken, der Blutzucker-Stoffwechsel verbesserte sich, überflüssige Kilos verschwanden, zudem schliefen die Teilnehmer besser und hatten eine positivere Lebenseinstellung als vorher. Humpelers Fazit: "Urlaub sollte als notwendige Gesundheitsmaßnahme betrachtet werden.“

Schwieriger Start

Doch der Weg dorthin ist für den Einzelnen mühsam. Wer auf Urlaub gehen will, versucht vorher, möglichst alle offenen Arbeiten zu erledigen und für die freien Tage vorzuarbeiten. Die Folge: Die Tage vor Urlaubsantritt zählen zu den arbeitsreichsten des Jahres, noch auf dem Weg zum Flughafen werden die letzten Mails beantwortet. Endlich am Urlaubsort eingetroffen, gibt es dort statt dem erwarteten Hoch erst einmal ein kräftiges Tief. Während die Gedanken noch bei der Arbeit sind, schaltet der Körper langsam in den Retourgang. Bleierne Müdigkeit macht sich breit, oft werden die ersten Tage regelrecht verschlafen. Dabei waren für die kostbaren Tage doch so viele Aktivitäten geplant - womit dank dieser Gedanken endlich auch das schlechte Gewissen am Ferienort eingetroffen ist. Damit steigt der Druck, sich endlich zu erholen. "Aber Erholung lässt sich nicht erzwingen“, formuliert Mediziner Humpeler das Dilemma.

Zu dem übersteigerten Erwartungsdruck haben die Experten allerdings selber beigetragen. Immer wieder postulierten sie, dass ein Erholungseffekt erst dann eintritt, wenn der Urlaub mindestens zwei, besser drei Wochen dauert - für viele Führungskräfte und Selbstständige kaum machbar. "Drei Wochen Urlaub am Stück sind ideal, aber in der heutigen Arbeitswelt nicht besonders realistisch“, gibt auch Humpeler selbstkritisch zu, "wir werden unsere Aussagen zur Urlaubsdauer überdenken müssen. Auch eine Pause von einer Woche ist besser als gar kein Urlaub.“

Tatsächlich plant der Urlaubsmediziner für den Herbst eine Studie mit Managern über die Effekte von Kurzurlauben. Statt dem dreiwöchigen Aufenthalt in den Bergen oder am Meer rückt damit die drei- oder viertägige Auszeit in den Fokus der Experten, da es in der Realität ohnehin schon das gängigere Modell ist. Bestärkt darin hat Humpeler ein befreundeter Vorarlberger Unternehmer. Der berichtete dem Mediziner, dass er inzwischen verlängerte Wochenenden als Urlaubsform bevorzugt: "Da kann ich Freitagmittag beruhigt aus dem Büro gehen, auch wenn nicht alles erledigt ist. Und wenn ich Dienstag zurückkomme, erwartet mich nicht eine Flut von unbeantworteten Mails.“

Doch ob nur wenige Tage oder mehrere Wochen - wie soll der Urlaub eigentlich verbracht werden, was soll dort passieren, was nicht? Gibt es ein Geheimrezept, wie man das Beste aus seinen freien Tagen herausholt - oder ist das schon die falsche Frage, die wieder nur Stress erzeugt? Vermutlich geht es den meisten Urlaubern so wie der knapp 40-jährigen Stationsschwester in Claudia Linharts Anti-Urlaubsstress-Seminar, die ihre Ferien so zusammenfasst: "Der Urlaub war schön, aber am ersten Arbeitstag danach war die Erholung gleich wieder weg.“

Depressive und Stressler

Linhart unterscheidet, auch aufgrund ihrer langjährigen Berufserfahrung in einem Reisebüro, drei Urlaubstypen: den "Depressiven“, der seine Freizeit bevorzugt mit TV und Computerspielen auf der Couch verbringt; den "Perfektionisten“, der auch im Urlaub auf Hochtouren läuft und sich sofort beschwert, wenn er auf das Essen etwas länger warten muss oder das Hotelzimmer nicht hundert Prozent den Vorstellungen entspricht; sowie den "Freizeitstressler“, der sich seine Ferien mit Aktivitäten vollpackt und dessen Urlaubskalender enger getaktet ist als der Wochenplaner im Büro.

Allen drei Typen empfiehlt Linhart, im Urlaub vor allem einen Gegenpol zum Job zu schaffen: "Wer körperlich schwer arbeitet oder viel reisen muss, für den ist eine sehr anstrengende Trekkingtour wahrscheinlich nicht das Richtige.“ Einen "Kontrast zum Alltag zu schaffen“ ist auch für Mediziner Humpeler eine gute Herangehensweise (siehe Humpeler-Interview ). Seine Empfehlung für den ersten Schritt zum gelungenen Urlaub: "Sich zu überlegen, was einem wirklich Freude macht. Das kann individuell sehr unterschiedlich sein.“ Der zweite Schritt ist dann, diese "Freuden-Vorhaben“ zu planen, damit auch etwas daraus wird. "Aber bitte nicht zu viel vornehmen, Freiräume sind wichtig“, warnt Humpeler. Auch faulenzen ist ausdrücklich erlaubt, allerdings nicht nur. "30 bis 60 Minuten körperliche Aktivität pro Tag tun nachweislich gut und verstärken den Erholungseffekt“, so Humpeler, "zudem kann man so ein ‚Aktivitäts-Fenster‘ auch in den Alltag mitnehmen, als Souvenir aus dem Urlaub.“

Komplizierter wird die Sache, wenn man nicht alleine urlaubt. Partner und Kinder haben ebenfalls Wünsche und Bedürfnisse, die berücksichtigt werden müssen. Damit der lang ersehnte Familienurlaub nicht zur Streitzeit wird, heißt es: miteinander reden - und zwar bevor das Hotel gebucht wird.

"Die Familienmitglieder haben meist unterschiedliche Erwartungen, die aber oft nicht ausgesprochen werden“, hat Psycho- und Paartherapeutin Bayer-Weichinger beobachtet, "stattdessen gibt es ein idealisiertes Bild von allgemeiner Harmonie.“ Doch wenn sie sich freut, endlich mal Zeit zum Reden mit dem Partner zu haben, er dagegen viel Sport treiben und möglichst wenig reden möchte, ist Streit programmiert. "Ein gemeinsamer Urlaub kann eine angeschlagene Ehe nicht retten“, zieht Bayer-Weichinger nüchtern Bilanz.

Strand und Streit

Fallen die Ablenkungen des Alltags plötzlich weg, stellen manche Paare erstaunt fest, dass sie sich wenig zu sagen haben. Und störende Eigenschaften des anderen nerven im gemeinsamen Urlaub besonders, weil man ihnen den ganzen Tag ausgesetzt ist. Experten schätzen, dass zwei von drei Paaren in den Ferien heftig aneinanderkrachen. "Wer das Feuer der Liebe im Urlaub wieder neu entfachen möchte, muss vorher die Feuerstelle von Asche und verkohlten Holzresten säubern“, so Bayer-Weichinger, "sonst gelingt das nicht.“ Die Paartherapeutin warnt jedenfalls vor faulen Kompromissen. Wenn der eine ans Meer möchte, der andere aber lieber in die Berge, und sich das Paar schließlich auf das Burgenland einigt, wo es weder das eine noch das andere gibt, ist das keine gute Idee. "Dann ist es besser, jeder urlaubt eine Woche alleine so, wie er möchte, und anschließend gibt es noch eine Woche zu zweit.“

Was in keinem Fall ins Reisegepäck gehört, darin sind sich alle Experten einig: überhöhte Erwartungen. Also Luft rauslassen aus dem Erholungsdruck. Das gilt sowohl für den vermeintlichen Zwang, verreisen zu müssen, als auch für die Urlaubsdauer. "Wer täglich einen längeren Spaziergang macht, kann sich auch daheim gut erholen“, ist Humpeler überzeugt. Grundsätzlich gilt: "Der Mensch braucht Pausen, um seine Batterien wieder aufzuladen und sich wirksam gegen ein Burn-out zu schützen“, so Humpeler, "der Urlaub ist nur eine Form dieser Pausen.“

Der 69-jährige Mediziner, der eine gut gehende Praxis in Bregenz betreibt, Leiter des Instituts für Urlaubs- und Freizeitmedizin und Honorarprofessor an der Gesundheitsuniversität UMIT in Hall in Tirol ist, macht selber nur selten längere Urlaube. "Ich gehe aber öfter in die Berge, da kann ich abschalten und wieder zu mir kommen. Das sind meine Pausen.“ Sein Urlaubsverhalten bringt dem Professor allerdings auch Kritik ein: "Meine Frau sagt immer, ich predige Wein und trinke Wasser. Und ein bisschen hat sie da schon Recht.“

Die größten Urlaubsfallen - und wie man sie umgeht

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