Kleine Fluchten

Kleine Fluchten

Wohnen in und mit der Natur steht in den Sommermonaten hoch im Kurs. Das klappt in Schrebergärten, Stelzen-und sogar in Baumhäusern.

Vom Lärm, dem Staub und der Hitze der Stadt ist in der Strandbadsiedlung nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil: Sobald man den Fuß in den Garten setzt, betritt man eine entschleunigte Welt. Unterbrochen wird die Ruhe nur, wenn man in der Ferne das Signalhorn eines auf der Donau dahingleitenden Lastenkahns hört. In der Abenddämmerung tanzen die Mücken in der untergehenden Sonne, die Grillen zirpen im Gras, und irgendwo in der Nachbarschaft wird wieder ein Griller angeheizt. Das Leben spielt sich draußen ab, so lange bis die Donau nach einem Dauerregen über die Ufer tritt und die Bewohner daran erinnert, warum ihr Haus auf Stelzen statt auf einem massiven Fundament steht. Doch die Wiener Familie Weiss-Döring stört es wenig, wenn der Fluss sich wieder einmal seinen Weg durch ihren Garten bahnt. Immerhin bleiben dann noch die beiden großzügigen Terrassen ihres Klosterneuburger Sommerhäuschens als Rückzugsort von der Stadt.

Rarität

Das ist Sommeridylle pur, wie sie schon seit den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts von jenen glücklichen Städtern genossen wird, die ein Stelzenhaus an der Donau, einen Kleingarten in der Stadt oder gar ein Baumhaus ihr Sommerrefugium nennen dürfen. Bis es so weit ist, braucht es oft eine gehörige Portion Geduld, denn natürlich sind solche kleinen Paradiese heiß begehrt. Zwar gibt es hierzulande rund 38.900 Kleingärten, zu denen auch viele Bade- und Stelzenhäuser zählen; dennoch sind freie Objekte Mangelware, werden die meist gepachteten Gründe doch innerhalb der Familie weitergegeben. "Neuwidmungen gibt’s leider kaum mehr“, bedauert Wilhelm Wohatschek, Präsident der Kleingärtner Österreichs. Dennoch kann man sich auf eine Warteliste für einen Schrebergarten setzen lassen (Informationen unter: www.kleingaertner.at). Wer nicht so lange warten will, kann auch private Anbieterplattformen im Internet (etwa auf bazar.at oder willhaben.at) durchforsten, auf regionale Makler setzen oder sich in bevorzugten Anlagen umhören, ob sich nicht doch jemand von seiner Immobilie trennen will. Dass die Gärten so beliebt sind, liegt vor allem an den niedrigen Kosten. Das macht es möglich, sich eine Wohnung in der Stadt und ein kleines Sommerrefugium zu leisten. Die Grundpacht beträgt etwa in Wien 1,12 Euro pro Quadratmeter und Jahr. Für Häuser mit einer Grundfläche von über 35 Quadratmetern kommen noch einmal 0,89 Euro dazu. Ist das Haus gar Hauptwohnsitz, müssen weitere 0,68 Euro addiert werden. So bleibt man bei jährlichen Pachtgebühren für das Grundstück von unter drei Euro pro Quadratmeter. In ähnlichen Kategorien bewegen sich die Kosten für Badehütten. Der Haken: Steht bereits ein Häuschen auf dem Grundstück, muss dafür natürlich auch Ablöse bezahlt werden.

Hin und wieder finden sich aber auch Objekte im Eigentum. "Dafür belaufen sich die Preise schnell einmal auf 150.000 Euro“, weiß Martin Gram, Geschäftsführer von Uni Real in Maria Enzersdorf. Wer aber kein Knusperhäuschen aus den fünfziger Jahren zu seinem Sommerdomizil machen will, sondern einen Neubau, um den knappen Raum auch optimal zu nützen, sollte eher auf ein Grundstück mit Abrisshaus setzen, schließlich liegen die Kosten für ein solches Objekt weit darunter. Neu gebaut werden darf fast immer, außer das Grundstück wurde explizit mit einem Bauverbot belegt. Vorschriften, wie das Domizil auszusehen hat, gibt es keine, sagt Wilhelm Wohatschek: "Die Zeiten, in denen die Häuser alle gleich aussehen mussten, sind vorbei. Heute regiert zum Glück die Vielfalt.“ Lediglich die Kubatur muss eingehalten werden. Am großzügigsten ist man beim Neubau in Wien, dem einzigen Bundesland, in dem ganzjähriges Wohnen in Kleingärten erlaubt ist. Die Bruttogeschoßfläche darf bis zu 50 Quadratmeter, der Keller gar 83 Quadratmeter groß sein. Die Gebäudehöhe ist mit 5,5 Metern, die Hausgröße mit 265 Kubikmetern beschränkt. Terrassen- und Balkonflächen kommen noch dazu. Weniger großzügig geben sich Oberösterreich, die Steiermark und Niederösterreich, wo die maximale Geschoßfläche 35 Quadratmeter beträgt. In Salzburg sind es nur noch 16 Quadratmeter.

Keine Puppenstuben

Doch nicht jeder Grund eignet sich. Oft kann man selbst mit kleinen Baufahrzeugen nicht zufahren oder sie mit einem Kran aufs Grundstück hieven. "Müsste die Bauaufgabe zur Gänze händisch erledigt werden, sollte man die Finger davon lassen. Der Aufwand steht in keiner Relation zu den Kosten“, sagt Norbert Thaler von thaler.thaler architekten in Wien.

Aber selbst ein schwierig geschnittenes Grundstück, etwa in Hanglage, kommt der Architektur eines Häuschens entgegen. So lässt sich etwa der Keller in den Hang graben und mittels Glasflächen in den Garten öffnen. Das Untergeschoß wird so zum vollwertigen Wohnraum, ohne dass weiter in die Höhe gebaut werden muss. Größte Herausforderung für die Planer ist allerdings, die Häuser nicht wie Puppenstuben wirken zu lassen. "Aufgrund der Proportionen kann man kein herkömmliches Einfamilienhaus um dreißig Prozent schrumpfen. Stattdessen muss alles, was notwendig ist, so großzügig wie möglich geplant, alles andere hingegen minimiert werden“, empfiehlt Gregor Schuberth von Schuberth und Schuberth Architekten. Das beherzigte das Planerteam auch beim Bau eines Kleingartenhauses mit 35 Quadratmeter Grundfläche und geschwärzter Fassade in Wien (siehe Foto links). Es verfügt über einen Kern, der Stiege, Bad und Küchenzeile birgt und um den man sich stets herum bewegt. So entsteht das Gefühl, Wege zurückzulegen, was räumliche Großzügigkeit vermittelt.

Das merkt man auch beim Badehaus Rothe von gharakhanzadeh sandbichler architekten in Klosterneuburg. Bruno Sandbichler: "Um im Badehaus keinen wertvollen Raum zu vergeuden, wurden die Flächen gleich mit mehreren Funktionen belegt. So ist der Gang, der zum Schlaftrakt führt, gleichzeitig ein Tagesbad mit Waschbecken. Nur WC und Dusche verbergen sich hinter einer Tür.“ Beim Stelzenhaus Weiss-Döring wird der Gang stattdessen als Stauraum genützt. Dafür gleichen die Schlafräume Kojen, in die gerade einmal ein Bett passt. Mehr ist zugunsten eines großzügigen Wohnraums ja auch nicht nötig. Schließlich will man ja auch die Natur erleben und sich nicht in die Zimmer verkriechen.

Von Ulrike Moser

Kühlende Dächer gegen Erderwärmung

Innovation

Kühlende Dächer gegen Erderwärmung

Tipps für den Umgang mit Bauträgern

Immobilien

Tipps für den Umgang mit Bauträgern